30. November 2015

„Star Wars“ Das Erwachen des Mythos

Wie die Macht den Film zum globalen Kult erhob

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Bildquelle: Stefano Buttafoco / Shutterstock.com Der Mythos lebt: Die dunkle Seite

In diesem Advent darf auch ich mich auf gleich zwei „heilige Abende“ freuen. Am 24. Dezember wird es – so Gott will – gemeinsam mit meiner Familie und Freunden einen klassischen Weihnachtsabend geben, komplett mit Gottesdienstbesuch, Musik, Mahl und Lesung aus dem Lukasevangelium sowie einer Bescherung. Doch schon eine Woche vorher, am 17. Dezember 2015, freue ich mich auf heilige Schauer: Dank Timo (danke!) habe ich eine Kinokarte für „Star Wars VII: Das Erwachen der Macht“!

Doch was ist das Geheimnis einer Filmreihe, bei deren Erstausstrahlung ich noch kein ganzes Jahr alt war, die mich dann als Kind und Jugendlicher packte und nun auch meine Kinder an sich bindet (nur meine Frau blieb bislang immun)? Es ist nicht übertrieben, einzuräumen: Ich bin biographisch auch deshalb Religionswissenschaftler geworden, um genau diese Faszination in einer doch angeblich „post-religiösen“ Welt zu verstehen! Das Kino gehörte zu meinen frühen „Kirchen“, die ich „teilnehmend beobachten“ konnte.

Das Geheimnis der Macht

Wer den besonderen Reiz von „Star Wars“ für sehr viele – vor allem jüngere – Menschen verstehen will, sollte zunächst erkennen, dass es sich bei dieser Filmreihe nicht um Science-Fiction, sondern um Space Fantasy handelt. Sie spielt eben nicht – wie das sympathisch-humanistische, aber genau deshalb auch oft von materialistisch-entzauberter Anthropodizee bedrohte – „Star Trek“ in einer fiktiven Zukunft, sondern in einer mythologischen Vor- und Erzählzeit. Dies machten schon die allerersten Worte klar, die im – inzwischen klassischen – „Rollup“ die Folge 1 von „Star Wars“ 1977 einleiteten: „Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis...“

Wer sich „Star Wars“ also wissenschaftlich nähern wollte – und beispielsweise fragte, warum ausgerechnet Homo-sapiens-Entsprechungen in der „weit, weit entfernten Galaxis“ evolviert sein oder Antriebs- und Geschützgeräusche durch den luftleeren Raum übertragen werden sollten –, verfehlte schon das Genre. Diese filmische Erzählung ist keine wissenschaftliche Simulation, sondern verbindet Zukunftsversprechen (Raumschiffe und Laser! Fremde Welten und Völker! Künstliche Intelligenzen!) mit den uralten Spielregeln von Märchen und Mythen.

Entsprechend gab der Saga-Schöpfer George Lucas – der sich gerne als „buddhistischer Methodist“ bezeichnet – neben den Raumhelden Flash Gordon und Buck Rogers auch immer wieder J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ als Haupt-Inspirationsquellen für seine Space-Fantasy-Welt an.

Und als bedeutendste „Fachbücher“ nannte er die Werke von Religionswissenschaftlern und Anthropologen: „Der goldene Zweig“ von Sir James Frazer (1854-1941), „Der Heros in tausend Gestalten“ von Joseph Campbell (1904-1987), schließlich auch das anthropologisch-esoterische „Der Ring der Kraft. Don Juan in denStädten“ von Carlos Castaneda (1925-1998). Lucas erläuterte dazu später: „Ich wollte alte mythologische Motive nehmen und sie modernisieren – ich wollte etwas absolut Freies und Amüsantes machen, so wie ich Space Fantasy noch in Erinnerung hatte.“

Und seinem Biographen Dale Polock erklärte er: „Mir war klar, dass der Film für ein junges Publikum gedacht war, und so versuchte ich, auf einfache Weise zu sagen, dass es einen Gott gibt und dass eine gute wie auch eine böse Seite existiert.“

Auch der „Star Wars“-Gruß „Möge die Macht mit dir sein!“ lehnte sich direkt an das traditionelle kirchliche „Dominus vobiscum“, „Der Herr sei mit dir!“, an. (Man vergleiche auch den vergleichbar großen Erfolg des Vulkanier-Grußes aus „Star Trek“, der einem jüdischen Segenssymbol entlehnt wurde.)

Aus buddhistisch-spirituellen Quellen schöpfte Lucas dagegen nicht nur das a- oder genauer: überpersonale Prinzip „der Macht“, sondern auch viele Weisheitslehren.

In den ersten Drehbuchentwürfen hatte Lucas die böse und gute Seite der Macht sogar noch mit den pseudo-asiatischen Begriffen „Bogan“ und „Ashlan“ bezeichnen und mit einem „Kaibur-Kristall“ verbinden wollen; doch in langen Diskussionen brachte ihn sein damaliger Produzent Gary Kurtz davon ab.

Kurtz hatte auf dem College vergleichende Religionswissenschaften mit besonderem Schwerpunkt auf Buddhismus, Hinduismus und die Religionen der amerikanischen Ureinwohner studiert. Vielleicht noch klarer als Lucas selbst erkannte er daher, dass die Macht umso mächtiger wirken würde, wenn sie als Symbol möglichst „offen“ für die verschiedensten religiösen und spirituellen Deutungen bleiben würde – seien diese christlich, hinduistisch, Navajo oder schlicht alltagsmagisch.

An zwei „biologischen“ Merkmalen der Macht hielt Lucas jedoch fest: An der starken Vererbbarkeit des transzendenten Zugangs und am – erstmals 1977 formulierten – pseudo-biologischen Konzept der „Midi-Chlorianer“, deren erste offizielle Erwähnung in „Star Wars I – Die dunkleBedrohung“ (1999) für empörtes Stöhnen in den Kinosälen sorgte.

Humor ist erwünscht, Sex nicht

Zu den genialen Potentialen der Space Fantasy gehört schließlich das „eingebaute Augenzwinkern“: Das Wissen, dass es sich nicht um eine „echte Simulation“ handelt, erlaubt die ironisch-distanzierte Verehrung. Spott ist erlaubt, und die Rechteinhaberin Lucasfilm Ltd. gab Fans von Anfang viel (und eher wachsenden) Freiraum, um mit Versatzstücken Abertausende Parodien in Druck und Film (bis hin zu Youtube-Lego-Collagen und Spaceballs) in die Welt zu setzen. Humor schadet den Marken in „Star Wars“ nicht, sondern wirkt als Hommage (Ehrung) und macht sie immer stärker.

Ein interessantes Tabu gilt dagegen für Sexualität: Erotik durfte bislang allenfalls angedeutet werden, Sexualität endet beim Kuss. So weitherzig Lucasfilm gegenüber Parodien war, so konsequent verfolgt(e) es jeden Versuch, „Star Wars“ erotisch oder gar pornographisch auszumalen.

Die Jedi leben zölibatär, und die (auch sexuelle) Liaison zwischen Anakin Skywalker und Padmé Amidala darf durchaus als „Sündenfall“ gedeutet werden, der den Durchbruch des Bösen ermöglicht: Aus Anakin wird Darth Vader und aus der Republik das Imperium.

Freilich kündigt sich in den daraus entstandenen Kindern Luke und Leia auch schon die spätere Erlösung an, getreu so vieler christlicher und buddhistischer Lehren: Verbotener Sex ist böse, aber Familie ist gut.

Lucas selbst begründete die starken Sex-Tabus in der Saga vor allem mit dem gesetzlichen Jugendschutz. Denn „Star Wars“ zielt eben ausdrücklich auch auf Kinder – und zwar schon in jenem Alter, in dem Sexualität noch nicht erstrebenswert, sondern erst einmal seltsam, ja verstörend erscheint. Jenseits dieser Altersgruppe – die zum Beispiel durch „Star Wars“-Zeichentrickfilme erneut und erfolgreich umworben wird – geprägt, erwerben wir uns dann Wissen und Erfahrung um die körperliche Liebe andernorts und behalten die Weltraumsaga als kindlich-„unschuldige“ Erinnerung, in der ein Kuss noch das Höchste und das Jenseits davon ein Geheimnis war.

Und so erkannte einer der weltweit ersten Rezensenten des Films, John Wassermann, am Tag des Erscheinens des ersten Films: „Das einzige hörbare Gebet von Lucas – natürlich ist es nur ein Flüstern – besagt, dass Menschen nun einmal Menschen sind und Geschöpfe nun einmal Geschöpfe und dass es kaum eine Rolle spielt, wie weit rückwärts oder vorwärts man bei dem Versuch geht, das zu überprüfen. Gott ist hier die Macht, das Gefühl siegt über Berechnung, das Gute über das Böse – wenn auch nicht ohne Opfer –, und die Liebe hält uns alle zusammen. ‚Star Wars‘ ist das seltenste unter den Geschöpfen: ein Kunstwerk von universeller Anziehungskraft. In uns allen steckt ein Kind, das von magischen Wesen und phantastischen Abenteuern träumt.“

Oder, wie ich es religionswissenschaftlich-trocken formulieren würde: Wir alle werden auch mit (unterschiedlich starken) Veranlagungen für Religiosität, Spiritualität und magisches Denken geboren. Und wir spüren (wissen?), dass dem eine „helle“ und eine „dunkle“ Seite abgewonnen werden kann (und muss?). Die meisten von uns kennen – und sei es im Kino – das Gefühl vom „Erwachen der Macht“, wenn sich das Leben für einen Moment aus dem Alltagsgrau erhebt, in Licht und Schatten scheidet und in einem höheren, durch bloße Erfahrung beglaubigten Sinn aufgeht. Für viele von uns ist „Star Wars“ ein idealer Zugang zu dieser uralten Faszination der Mythen, der uns zugleich aber zu keinem bestimmten Glauben zwingt und uns auch humorvolle Distanz gestattet.

Wie vielleicht noch – das ganz ähnlich tiefenverankerte – „Herr der Ringe“ wird auch „Star Wars“ Generationen überdauern.

Genießt den Kinofilm! Denn: „Es ist wahr! Einfach alles!“ (Han Solo)

Also möge die Macht mit Euch sein!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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