16. Dezember 2015

Zeitmanagement Die Minuten nutzen

Vom Bankier Siegmund Warburg lernen

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Bildquelle: shutterstock Hilft, die Zeit richtig einzuteilen: Ein Wecker

Ich wundere mich immer, wie manche Menschen im Geschäftsleben so viel mehr schaffen als andere. Der Tag hat für alle doch gleich viele Stunden. Vom Bankier Siegmund Warburg kann man einiges lernen. Vor allem sein Credo – „Die Minuten nutzen“ – ist mir in Erinnerung geblieben.

Wie Sie wissen, liegen mir junge Menschen in der Ausbildung oder am Anfang ihrer Berufslaufbahn besonders am Herzen. Woher sollen sie ihr Wissen beziehen? Die Lehrausbildung, Business School oder Universität reichen meiner Ansicht nach nicht. Für mich hat sich häufig die Lektüre von Monographien beziehungsweise Biographien gelohnt. Wer sich zum Beispiel für die Wurzeln des Bankgeschäfts interessiert, sollte sich zwei Bücher sozusagen als Basis-Lektüre vormerken: „Der Aufstieg des Hauses Rothschild“ von E.C. Conte Corti aus dem Jahre 1953. Und genau 40 Jahre später erschien: „Die Warburgs. Odyssee einer Familie“ von Ron Chernow, 1993. Wer die Zeit und Kraft hat, sich durch viele hundert Seiten durchzukämpfen, der wird besser verstehen, was es eigentlich heißt, ein Banker beziehungsweise besser: ein Bankier zu sein. Gerade die Lektüre alter Literatur weitet den Horizont für die Neuzeit.

Eine herausragende Persönlichkeit des Warburg-Clans war Siegmund G. Warburg (1902-1982). Er entstammte aus einer eher verarmten Nebenlinie der Familie und arbeitete als Angestellter in der Warburg-Bank in Hamburg. Im Jahr 1934 emigrierte er nach London. Dort gründete er 1946 zusammen mit seinem Weggefährten Henry Grunfeld die Investmentbank S.G. Warburg. Die Bank wurde 1995 an den Schweizerischen Bankverein verkauft und firmierte danach als „SBC Warburg“.

Als totale Außenseiter und Newcomer in der City revolutionierten Siegmund Warburg und Grunfeld das Banking in London. Sie gelten als die Erfinder des modernen Investmentbankings. Bis dato war London ein Zentrum der Merchant-Banker alten Stils. Der typische Teilhaber einer Merchant-Bank verwaltete klassischerweise sein eigenes Vermögen, begann die Arbeit gegen 10:30 Uhr und ging nach einem schweren Business Lunch um 15:30 Uhr nach Hause.

Die Liste der Errungenschaften und Finanzinnovationen der Bank S.G. Warburg ist lang und beeindruckend. Mit ungeheurem täglichem Arbeitspensum wurde der Ausbau der Bank vorangetrieben. Mich haben vor allem drei „Punkte“ im Managementstil von Siegmund Warburg beeindruckt: Ohne ein graphologisches Gutachten wurde kein Mitarbeiter eingestellt. Die Gutachten erstellte eine Expertin aus der Schweiz. Ob man nun an graphologische Auswertungen glaubt oder nicht, ist nicht der Punkt. Siegmund Warburg hat seinen „Laden“ ja von Null aufgebaut und war sich der Bedeutung der Einschätzung von Charakter, Stärken und Schwächen seiner Mitarbeiter bewusst. Ich bin mir sicher, wir bekämen einen Schock, wenn wir wüssten, aufgrund welcher Kriterien heute in den meisten Konzernen Mitarbeiter eingestellt werden.

Siegmund Warburg führte das System ein, dass Kunden immer von zwei Mitarbeitern seiner Bank empfangen oder besucht wurden. Zum einen sehen vier Augen mehr, zum anderen hat man bei Unstimmigkeiten immer einen Zeugen. Außerdem konnte die Kundenbeziehung problemlos fortgeführt werden, wenn ein Kundenbetreuer die Bank verließ oder befördert wurde. Bei den heute häufigen Wechseln von Bankberatern oder ganzer Teams von einer Bank zur anderen, mit dem entsprechenden Abzug der Kundenverbindung, muss ich mich oft wundern...

Gefragt nach dem Geheimnis seines gewaltigen Arbeitspensums, empfahl Siegmund Warburg: „Die Minuten nutzen.“ Ein simpler Gedanke, der es aber in sich hat. Denn in der Tat gehen im Verlauf eines Arbeitstags große Kapazitäten an kleinen Zeitkontingenten verloren. Je nach Beruf sind es beispielsweise unnötige Telefonanrufe, die zur Unzeit angenommen werden. Oder die Akzeptanz, das Telefonat sich hinziehen zu lassen. Das unproduktive Warten auf Besucher, die zu spät kommen. Der langsame Start, bis man am Morgen in die Gänge kommt. Termine, die man zeitlich ausufern lässt. Mangelnde Kalender- und Reiseorganisation... und so weiter. Die Liste lässt sich fortsetzen, und ich denke, Ihnen fällt da selbst viel ein, wenn Sie im Geiste mal Ihren Alltag durchgehen.

Aus meiner Erfahrung hilft schon ein einfacher Trick: Bei der Bewältigung von Business-Lektüre steigert schon alleine das Stellen eines Weckers auf Termin die Produktivität. Man liest ungestört und ohne Ablenkung durch, bis der Wecker klingelt, anstatt x-mal auf die Uhr zu schauen oder gar vorzeitig aufzuhören. Ohne Hetze sollten die Tätigkeiten lückenlos ineinander überfließen. Darum geht es. Und wenn man eine Pause macht, dann macht man auch zu 100 Prozent eine Pause.

Forsten Sie in diesem Sinne doch mal Ihre Arbeitsabläufe durch. Siegmund Warburg hat damit immerhin das Banking in London auf den Kopf gestellt. Vielleicht bringt es Ihnen ja auch etwas.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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