16. April 2016

Panama Papers Pornographie für Pseudoprogressive

Nicht unbequeme Kapitalismuskritik, sondern wohlfeile Menschenkritik

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Bildquelle: a katz / Shutterstock.com Geben sich mit Bonzen-Bashing zufrieden: Progressive Kapitalismuskritiker

Die Diskussionen über die Panama Papers erinnern stark an die Debatten über die globale Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren nach 2008. Ähnlich wie heute hieß es auch damals, gierige Menschen seien schuld an der Krise. Auch heute kann man den Eindruck gewinnen, als ergötze sich die halbe Welt einmal mehr an der Dekadenz der Superreichen. Doch wischt man diese fast schon gebetsmühlenartig zur Schau gestellte Empörung einmal beiseite, so bleibt in der öffentlichen Diskussion wenig Überraschendes, Konstruktives und Interessantes übrig. Superreiche schleusen ihr Geld aus dem Land und parken es in Briefkastenfirmen in Panama. Wow, und das soll der welterschütternde Skandal sein? Welche Enthüllungen beschert uns das Zeitalter der totalen Transparenz als nächstes? Dass es tatsächlich Priester gibt, die den Zölibat nicht ernst nehmen?

Eine der Hauptlehren, die die Öffentlichkeit aus den Panama-Papieren ziehen soll, besteht darin, zu glauben, dass unsere Wirtschaft, ja der ganze Planet, existentiell von Betrug und Korruption bedroht werde. Diese zunehmende Dekadenz, so heißt es, sei verantwortlich für die wirtschaftliche Stagnation und fehlende Investments. Doch sollen wir tatsächlich glauben, dass die Unsicherheit auf den Finanzmärkten und die wirtschaftliche Flaute in weiten Teilen der westlichen Welt tatsächlich von habgierigen und unmoralischen reichen Westlern ausgelöst wurde, die keine Lust mehr haben, ihr Geld gewinnbringend in die reale Wirtschaft zu investieren?

Wenn Superreiche ihr Geld irgendwo im Ausland bunkern, dann sicherlich nicht wegen eines akuten Investitions-Burnouts, sondern weil sie nicht wissen, was sie sonst damit tun sollen. Die Wirtschaftswelt leidet unter einem enormen Mangel an Innovationen und an Investitionen in das produktive Kapital. Ohne dieses Problem gäbe es die Panama Papers nicht. Das Geld liegt also in den Offshore-Konten nicht aus Habgier, sondern aus Mangel an besseren Gelegenheiten und aus Angst vor Risiken. Dies deutet auf ein ganz grundsätzliches Problem hin, sowohl strukturell als auch intellektuell. Doch anstatt darüber kontrovers zu diskutieren, lenkt man lieber ab und lamentiert stattdessen über die Dekadenz bestimmter Prominenter.

Es gibt größere Probleme auf unserer Welt als die kriminelle Energie einzelner Raffzähne. Da wäre zum Beispiel der Umstand, dass sich diejenigen, die sich heute „progressiv“ nennen und kapitalismuskritisch geben, mit solchen oberflächlichen und belanglosen Ritualen wie dem Bonzen-Bashing zufriedengeben. Ich finde es jedenfalls peinlich, wie etwa mit dem britischen Premierminister David Cameron umgegangen wird, weil dessen Vater früher Gelder in eine Briefkastenfirma gesteckt hat. Abgesehen davon, dass das an sich noch gar nicht strafbar ist, hat diese kindische Besessenheit schon etwas von Sippenhaft und moralischer Inquisition.

Zudem sollten wir uns nicht einbilden, dass es in der Diskussion über Korruption, Raffgier und Betrug gezielt um die Superreichen gehe. Natürlich klingt es erst einmal mächtig kritisch und progressiv, auf dekadente Kapitalisten zu schimpfen. Doch mit denselben Argumenten wird ja auch auf den kleinen Sparer von nebenan losgegangen. Und so wird im Handumdrehen aus einer pseudo-radikalen Reichenschelte eine Generalabrechnung mit dem kleinen Mann, der am Wochenende schwarz handwerkert, oder mit Menschen in ärmeren Ländern, die ebenfalls nach Wohlstand, Fleisch und Autos „gieren“.

Anstatt die in den Panama Papers abzulesende Krise der Realwirtschaft zum Anlass für ernsthafte politische und gesellschaftliche Debatten zu nehmen, trägt das Moralisieren zur weiteren Verschleierung der tatsächlichen Probleme bei. Das ist keine unbequeme Kapitalismuskritik, sondern wohlfeile Menschenkritik.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog Zeitgeisterjagd.


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