19. August 2016

Hintergründe des Terrors Gotteskrieger made in Germany

Die Radikalisierung von Jugendlichen hat mit unserer Gesellschaft zu tun

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Bildquelle: deepspace / Shutterstock.com Nicht alleine schuld an der Radikalisierung muslimischer Jugendlicher in Deutschland: Recep Tayyip Erdoğan

Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden hatte etwa ein Viertel der 760 Islamisten aus Deutschland, die bis Ende 2015 in Richtung Syrien/Irak ausreisten, türkische Wurzeln, konstatiert das Bundesinnenministerium auf Anfrage der Linksfraktion im Bundestag. Nun wird wieder allenthalben der Anteil der Türken oder türkischstämmigen Menschen an der Gesamtheit der Gotteskrieger made in Germany thematisiert. Gleichzeitig werden so die hier lebenden Türken mehr oder weniger indirekt als tickende islamistische Zeitbomben diffamiert.

Tatsächlich bin ich eher überrascht darüber, wie niedrig der Anteil der Dschihadisten mit türkischem Background ist. Die Zahlen des Bundesinnenministeriums bedeuten nämlich, dass drei von vier aus Deutschland nach Syrien ausgereisten Gotteskriegern mit der Türkei gar nichts am Hut haben und sich also hierzulande bestens ohne Erdoğan radikalisieren konnten. Offensichtlich gibt es also weitaus gewichtigere Ursachen für die Radikalisierung als die türkische Staatsbürgerschaft oder türkische Wurzeln.

Einmal mehr wird deutlich, dass die Radikalisierung von Jugendlichen weitaus mehr mit unserer Gesellschaft zu tun hat, als gemeinhin angenommen wird. Diese Radikalisierung ist, wenn sie als perverse Form jugendlicher Protestkultur entsteht, sogar ein direkter Affront gegen diese traditionellen türkischen Wurzeln, gegen die als bieder und angepasst kritisierte Elterngeneration.

Man macht es sich zu einfach, wenn man den nihilistischen Terrorismus mit islamistischem Branding einfach zu einem Importproblem erklärt. Denn tatsächlich sind in den letzten zwei Jahren aus Deutschland mehr Terroristen mit Ziel Naher Osten ausgereist, als ihnen von dort entgegenkamen. Wir sollten endlich beginnen, darüber nachzudenken, was unsere hiesige Misstrauens- und Misanthropiekultur mit dem barbarischen Terror zu tun hat, der sich unter der Terrormarke „IS“ unserer paranoiden Aufmerksamkeit erfreut.

Dieser Artikel erschien zuerst in der BFT Bürgerzeitung.


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