14. Februar 2017

Zum Tod von Susanne Kablitz Hoffnung und Mahnung

Ihr letzter Blogbeitrag ist ein Vermächtnis

Artikelbild
Bildquelle: Foto: Eckhard Henkel / Wikimedia Commons / CC BY-SA 3.0 DE http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)] Vorkämpferin der Freiheit: Susanne Kablitz

Wer meine Texte auch in der Vergangenheit bereits ein wenig verfolgt hat, der weiß um eine eher lose freundschaftliche Beziehung zu Susanne Kablitz, einer Vorkämpferin der Freiheit: frühere Vorsitzende der Partei der Vernunft, ehemaliges Mitglied der Hayek-Gesellschaft, Publizistin, Buchautorin und Verlegerin. Ich selbst habe sie verschiedentlich zitiert, kannte sie aber persönlich kaum. Bis auf eine kurze Begegnung bei einer Roland-Baader-Lesung in Düsseldorf beschränkte sich unser Kontakt auf soziale Medien und wohlwollende Kenntnisnahme.

Susanne Kablitz hat sich das Leben genommen. Annahmen schießen wie immer in solchen Fällen ins Kraut, was der Grund gewesen sein mag. Die reichen von einer schweren Erkrankung über finanzielle Themen bis hin zu einer Depression. Ich mag mich an solchen Spekulationen nicht beteiligen, komme aber nicht umhin, einen Beitrag zur Kenntnis zu nehmen, den Susanne Kablitz noch am 10. Februar auf ihrem Blog veröffentlichte: „Dieses Land ist unrettbar verloren“. Wenn jemand freiwillig aus dem Leben scheidet und vorher noch einen solchen Text publiziert, dann kann man wohl mit Fug und Recht von einem Vermächtnis sprechen. Dann kommt man nicht daran vorbei, mit einem besonderen Blick auf eine solche Veröffentlichung zu schauen.

Der Beitrag ist geprägt von einem hohen Maß an Pessimismus hinsichtlich der Freiheit in diesem Land. Susanne Kablitz macht das beispielhaft fest am Umgang der Medien und selbst freiheitlich gesinnter Menschen – ich nehme mich aus ihrer Kritik nicht aus – an Björn Höckes kürzlich skandalisierter Rede in Dresden. Sie weist dabei durchaus darauf hin, dass sie in vielem ganz anderer Meinung sei als Höcke, die Kritik an der Rede aber letztlich getrieben ist von einem Unwillen, sich mit den Positionen eines anderen auseinanderzusetzen: Das „Denkmal der Schande“ ist eben nicht das gleiche wie eine „Schande eines Denkmals“, und es ist nicht zu bestreiten, dass es in Deutschland so etwas wie „Meinungsverbrechen“ gibt, die – je nach Ausprägung – härter bestraft werden als „tatsächliche Rechtsverletzungen“.

Aber der Fall Höcke ist für Kablitz nur ein Symptom eines viel tiefer gehenden Problems: die Unfähigkeit der Deutschen, Einschränkungen ihrer Freiheit noch wahrzunehmen, sich dagegen zu wehren, überhaupt eine Liebe zur Freiheit zu entwickeln. Rechtsbrüche der deutschen Regierung in der Migrations- genauso wie in der Euro-Politik, eine enteignende Steuerlast, gratismutiger angeblicher „Antifaschismus“, der sich an Donald Trump abarbeitet, bis hin zu einem Michael Müller, Oberbürgermeister Berlins, der nicht in der Lage ist, zwischen einer Mauer, die Menschen einsperrt, und einer solchen, die zum Schutz vor anderen Menschen errichtet wird, zu unterscheiden …

„Und was gibt es noch festzustellen? Nun, Banken- und Euro-Rettung, Bürokratieirrsinn, explodierende Kriminalität, Kriegstreiberei, Staatsfernsehen, Rekordsteuersätze, Glühbirnenverbot, Energiewende, Überwachungsstaat, Terror, Drangsalierung von Rauchern, Autofahrern, Selbständigen und Unternehmern, Genderwahn – kein Tag vergeht, wo wir nicht mit dem vollständigen Scheitern der Regierungen konfrontiert werden. Und dabei miterleben müssen, dass das Krebsgeschwür namens Staat sich immer weiter ausbreitet.

Und warum geschieht das so? Tja, das liegt wohl daran, wie auf diese niedlichen, kleinen „Begebenheiten“ der Großteil der Menschen reagiert. Lethargisch, schuldvoll, demütig, unterdrückt. Das perfekte Volk der Herrscher. Man könnte meinen, dass dieser Teil der Bevölkerung es verdient, was man ihm antut. Weil es die Parallelen nicht sehen will, die sich zur Vergangenheit zeigen.“

Kablitz schließt ihren Beitrag mit folgenden Absätzen:

„Es ist wahrlich ein Panoptikum der Erbärmlichkeit. Leider kommt man nicht umhin, festzustellen, dass dieses hochnotpeinliche Land sich seinen unausweichlichen nächsten Untergang mehr als redlich verdient. Deutschland ist verloren. Endgültig. Umkehrbar wäre das alles – vielleicht – nur noch mit äußerst drastischen Maßnahmen. Die sich aber keine Partei traut. Weil sie alle immer nur auf die Mehrheit starren. Auf die Futtertröge. Weil sie da gut versorgt sind. Und weil sie kein Rückgrat haben, auch einmal einer vorübergehenden Empörung standzuhalten und zu den eigenen Überzeugungen fest zu stehen. Immer kommt einer daher und mahnt die nächsten Wahlen an. Dass man gewinnen will und muss. Und dass man die angeblich erreichten Ziele nicht gefährden darf, indem man die ‚Volksseele‘ verletzt. Und genau in dem Moment sind sie alle mit Haut und Haaren an den Teufel verkauft. Und das noch nicht einmal zu einem guten Preis.

Es ist einfach nur noch widerwärtig. Möge er bald kommen und möge er endgültig sein, denn wer aus dem letzten Untergang nichts gelernt hat, hat keine dritte Chance verdient.

Vielleicht kann es auf diese Weise irgendwann wieder gut werden. Mit Menschen, die aufrecht gehen, selbstbewusst sind und sich von ihrer Staatsbesoffenheit erholt haben. Die, die auf diesem Weg auf der Strecke geblieben sind, sind eben die Opfer. Aber – so hoffe ich – wenigstens für einen guten Zweck.“

Ich gebe zu, ich bin nicht mit allem, was Susanne Kablitz in diesem Beitrag schreibt, einer Meinung; ich war es auch in manchen anderen drastischen Einschätzungen nicht. Aber dem Pessimismus, dass wir es mit einem Land zu tun haben, dessen Bürger ihre Freiheit nichtmal für Sicherheit, sondern schon für Bequemlichkeit aufzugeben bereit sind, kann ich durchaus folgen. Da wird ein Bundespräsident parteiübergreifend ausgekungelt und Kritik daran mit den Worten quittiert, dass diese repräsentative Demokratie schon ihre guten Gründe habe (als ob es nicht gerade diese Form repräsentativer Demokratie gewesen wäre, die einen Adolf Hitler an die Macht gebracht hätte, direkt gewählt wurde der von den Deutschen nie mit Mehrheit). Europäisches und deutsches Recht wird im Zuge einer fälschlich so bezeichneten Flüchtlingspolitik gebrochen, und Kritik daran wird gekontert mit dem Hinweis auf eine humanitäre Verantwortung. Den Deutschen wird versprochen, dass niemals eine europäische Nation für die Schulden einer anderen wird einstehen müssen – und diese Klausel wird über Nacht gekippt wegen einer angeblichen Alternativlosigkeit. Kritiker einer solchen Politik: alles Nationalisten, Rassisten, was weiß ich.

Und der deutsche Michel mümmelt weiter am trockener werdenden Gras, das ihm vorgesetzt wird. Geht uns doch eigentlich noch ganz gut. Ja, sicher: Man könnte auch in Syrien im Bombenhagel sitzen, bekämpft von einem früher vom Westen hochgepäppelten Diktator oder von einer jetzt vom Westen politisch unterstützten Terrormiliz. Mancher meint offenbar, man müsse sich bei der Regierung bedanken, dass sie sich nicht noch unverschämter einen Dreck um das Wohl des Volkes schert, auf das sie vereidigt wurde. Mancher meint offenbar, die enger werdende Freiheit sei ein huldvolles Geschenk der Regierenden an das für diese Freiheit eigentlich unmündige Volk.

Politisch ist der Zustand Deutschlands für jeden Freiheitsliebenden in der Tat zum Verzweifeln. Nein, es gibt hier keinen Polizeistaat, Menschen verschwinden nicht einfach wie anderswo in dunklen Verliesen. Niemand muss in Deutschland fürchten, zu verhungern oder auch nur nicht ein Mindestmaß an Lebensstandard gesichert zu bekommen. Aber ich bin geneigt, den meisten Einschränkungen meiner pessimistischen Sicht ein „noch nicht“ anzuhängen. Denn so wie es aussieht, bewegen wir uns auf immer weniger Meinungsfreiheit, immer weniger Möglichkeiten der politischen Alternativen und immer mehr als wieder mal „alternativlos“ erachtete Machtpolitik jenseits von Gesetzen oder wenigstens Vernunft zu. Wenn Deutschland und Europa hinsichtlich politischer und wirtschaftlicher Standards nicht auf Dritte-Welt-Niveau absinken, dann nicht wegen, sondern trotz der Politik ihrer sogenannten Eliten. Und die „Geführten“ machen es mit, wählen weiterhin die Parteien, die dafür verantwortlich sind, oder laufen über zu „Alternativen“, die auch nichts anderes als Machtpolitik im Sinn haben.

Kann einen das verzweifeln lassen? Das kann es, wenn man seinen Blick auf diese Welt beschränkt. Mancher tendiert zur Gewalt, andere geben auf. Ob der Zustand dieses Landes einen Beitrag zur Entscheidung von Susanne Kablitz geleistet hat, nicht mehr leben zu wollen? Der zitierte Beitrag deutet darauf hin. Ich nehme gleichzeitig an, dass es nicht der einzige Grund gewesen sein wird.

Aber wie groß muss die Verzweiflung sein, das Geschenk des Lebens abzulehnen? Wie groß muss die Verzweiflung sein, um zu entscheiden, es sei besser, nicht mehr zu leben? Wo kann in einer solchen Situation die Hoffnung herkommen? Als Katholik habe ich auf diese Fragen nur eine Antwort: „Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Psalm 124,8.) Ich kann über das Glaubensleben von Susanne Kablitz keine intelligente Einschätzung treffen, ich kannte sie viel zu wenig. Ich kann aber anderen Menschen, die an ihrer persönlichen Lebenssituation oder an den gesellschaftlichen Umständen zu verzweifeln drohen, nur diese Hilfe in Aussicht stellen.

Aber was heißt „nur“: Für mich ist die Hoffnung auf Gott die treibende Kraft meines Lebens. Die christliche Hoffnung, die mit einem eingeschränkten Blick nur auf die irdische Welt nicht zu verstehen ist, ist es, die seit zwei Jahrtausenden Menschen auch in scheinbar ausweglosen Situationen weitermachen lässt. Diese Hoffnung, die durch den Schöpfer letztlich jedem Menschen in die Seele gelegt ist, sie ist es, die mich hoffen lässt, dass auch in weltlichen Themen noch nicht alles verloren sein kann. Mein Glaube daran, dass Gott uns alle in Freiheit erschaffen hat, lässt mich hoffen, dass er uns nicht in Unfreiheit zugrundegehen lassen wird. Und er gibt Kraft, mich erstens für Christus, aber zweitens auch für die Freiheit aller Menschen in die Schlacht zu stürzen, auch wenn die den Wert der Freiheit vielleicht nicht, nicht mehr und noch nicht, zu schätzen wissen.

Aus welchen Gründen auch immer: Susanne Kablitz hat diese Hoffnung aufgegeben. Mir bleibt nur, für sie zu beten und diese Verzweiflung als Mahnung anzunehmen, nicht nachzulassen und jedem Gläubigen und Freiheitsliebenden bei Bedarf ein Beistand und Mitstreiter zu sein. Und als Mahnung, den Ruf, nein den Schrei nach Freiheit nicht leiser werden zu lassen. Ich hoffe, daran nicht zu scheitern … aber auch diese Hoffnung baut auf den Herrn und damit auf Fels.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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Dossier: Susanne Kablitz (1970-2017)

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