15. Januar 2007

Stalin-Leckerei Wie Blut zu Wein wird

Oder: Doppelmoral in Deutschland

Es ist eines der bekanntesten Bilder christlicher Religion. Jesus sitzt mit seinen zwölf Jüngern beim Abendmahl. Wie in Matthäus 26, Vers 14-29 beschrieben, nahm Jesus das Brot, „sprach den Segen, brach es und gab es den Jüngern mit den Worten: ‚Nehmet hin und esset, das ist mein Leib.’ Und er nahm den Kelch, sagte Dank, gab ihnen und sprach: ‚Trinket alle daraus, denn dies ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden’.“ Jesus verwandelt Leib und Blut in Brot und Wein.

So beschreibt es das Matthäus-Evangelium. Doch dieser Beitrag soll sich nicht mit biblischen Geschichten befassen, sondern hat ein neuzeitliches Vorkommnis zum Gegenstand. Er befasst sich mit einer Person namens Iossif Wissarionowitsch Dschugaschwili, auch Josef Stalin genannt. In Stalins „Amtszeit“ fallen etwa 20 bis 40 Millionen Todesopfer. Er führte also neben Mao Tse-Tung und Adolf Hitler eines der Regime, die die zahlenmäßig höchsten Opferzahlen zu verantworten hat.

Doch diese unzähligen Toten – von Folteropfern, Verschleppten, Eingekerkerten und Opfern von Zwangsarbeit ganz zu schweigen – scheinen einige Menschen nicht davon abzuhalten, dem roten Schlächter Denkmäler zu setzen. Ein Denkmal im wörtlichen Sinne in Gori, Georgien, Stalins Geburtsstadt. Ein weiteres „Denkmal“ ist mir im Regal eines russischen Lebensmittelmarktes im bayerischen Aschaffenburg begegnet. Als ich meine Blicke über die Spirituosen schweifen ließ, habe ich ein Getränk gefunden, das „Stalins Wein“ heißt und von der Firma Dreiling in Siegburg vertrieben wird. Nach einem kurzen verwunderten Augenreiben hab ich noch mal hingeschaut. Ja, „Stalins Wein“ wird hier angeboten. Für 3,90 Euro kann man hier eine mit spanischem Rotwein gefüllte und Stalins Konterfei verzierte Flasche erwerben.

Nun sollte man nicht erwarten, dass in der politisch korrekten Bundesrepublik jemand daran Anstoß nimmt. Stalin hat in der BRD auch nie regiert. Und im Beitrittsgebiet, der ehemaligen SBZ/DDR, auch „nur“ mittelbar. Jedoch lässt sich an diesem Beispiel die bundesdeutsche Doppelmoral aufzeigen. Man stelle sich nämlich einen goldenen Gerstensaft mit einem Bild von Hitler vor, welches etwa als „Führerbier“ oder „Adolfs Trunk“ angepriesen wird. Das Medienecho und politische Erdbeben wäre auf keiner Richterskala mehr messbar, von strafrechtlichen Konsequenzen mal ganz abgesehen.

Aber wie kommt diese unterschiedliche Bewertung von Massenmördern? Vergleicht man beide, wird seitens der politisch korrekten Berufsbetroffenen eine „Verharmlosung der Opfer des Nationalsozialismus“ ins Feld geführt. Doch ist das wirklich ein Argument? Oder verharmlosen diejenigen, die dieses „Argument“ vortragen, nicht eher die Opfer von Stalins Sozialismus? Schließlich sind solchen Personen zufolge die Opfer Hitlers mehr Opfer als die Stalins, also „mehr wert“, sonst könnte man sie ja vergleichen. Wer zwischen Opfern unterscheidet, sortiert aber Menschen nach Wert. Genau das haben auch die Nationalsozialisten getan. Zufall?

Ein Weißwein würde jedenfalls kaum zu Stalin passen. Ein (blut-) roter Wein dagegen schon eher. Der von der Firma Dreiling vertriebene Rebensaft wird als „lieblich“ angepriesen. Stalins Herrschaft war es sicher nicht. Bevor nicht auch ein genauso dreist als „bekömmlich“ angepriesenes „Führerbier“ als braunes Braupendant zu Stalins lieblichen Rotwein einen Flaschenhals zieren darf, solange jedenfalls kann von politisch-historischer Gleichberechtigung der totalitären Geschmacklosigkeiten nicht die Rede sein. Prösterchen!


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Christian Spernbauer

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