15. März 2009

Amoklauf von Winnenden IV. Die Wahl der Waffen

Warum Verbote in die falsche Richtung führen

Trotz der Meinungen vom Vorsitzenden des Innenausschusses des Deutschen Bundestages Sebastian Edathy (SPD) sowie von Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble (CDU), welche übereinstimmend eine weitere Verschärfung des Waffenrechtes als unnötig bezeichnen, wird diese nun diskutiert. Es wird teilweise die Ansicht vertreten, dass mit weniger Waffen auch weniger Gewalt einhergehen würde. Faktisch trifft dies jedoch nicht zu.

Deutschland hat neben Großbritannien und im Gegensatz zu den USA, der Schweiz oder Finnland ein sehr restriktives Waffenrecht. Während es in Deutschland schwierig ist, an Schusswaffen zu kommen (von automatischen Waffen ganz abgesehen), darf etwa in der Schweiz jeder Milizionär sein Sturmgewehr mit nach Hause nehmen. Dennoch hört man wenig bis nichts über Amokläufe oder ausufernde Gewalt mit Schusswaffen in der Schweiz. Auch in Finnland ist fast die Hälfte der Bevölkerung bewaffnet. Dennoch war der Amoklauf an einer finnischen Schule gerade deswegen so erschreckend, weil man damit aus diesem Teil Europas überhaupt nicht gerechnet hat.

Werfen wir einen Blick in die USA, in denen es mehr Schusswaffen in Privatbesitz als Einwohner gibt und in denen pro Stunde ca. 2.000 Schusswaffen produziert werden. In Texas besitzen 37 Prozent der Einwohner ein Waffe, die Mordrate liegt pro 100.000 Personen bei 12,7. In Kalifornien - auch gerne als „Killafornien“ bezeichnet liegt die Mordrate ebenfalls bei 12,7, die Zahl der Bewaffneten jedoch lediglich bei 21 Prozent. Im Staat New York liegt die Mordrate leicht darüber bei 13,2. Dort sind jedoch lediglich 11 Prozent im Besitz einer Schusswaffe. In Vermont liegt die Zahl der Bürger, welche im Besitz von Schusswaffen sind, ähnlich hoch wie in Texas, genau bei 35 Prozent. Die Mordrate liegt jedoch bei 0,7 und damit unter der Mordrate Deutschlands (1,2). Und in Washington D. C. war der private Besitz von Schusswaffen 30 Jahre lang verboten. Das Ergebnis war nicht der Rückgang der Mordrate, sondern ein Anstieg. Im allgemeinen gibt es in US-Bundesstaaten mit einem restriktiven Waffenrecht nicht weniger Gewalt durch Schusswaffen als in solchen Staaten mit liberaler Gesetzgebung. In Kennesaw (Georgia) wurde sogar ein Gesetz verabschiedet, nach dem verpflichtend in jedem Haushalt eine Waffe vorhanden sein muss. Dies führte zu einer Verringerung der Kriminalität, besonders der Gewaltkriminalität.

Die oben stehenden Zahlen betreffen natürlich nur die legalen und registrierten Waffen. In Deutschland gibt es ca. drei Millionen Menschen, die zum Besitz einer Waffe berechtigt sind. Man geht weiter davon aus, dass ca. 10 Millionen legale und weitere 20 Millionen illegale Waffen im Umlauf sind.

Ein Problem sind meist nicht die legalen Waffen, sondern die illegalen. Ein Verbot von Waffen hilft dem Kriminellen, der dadurch weiß, definitiv auf ein unbewaffnetes Opfer zu treffen. Denn wer eine Waffe für eine vorsätzliche kriminelle Handlung erwirbt, wird sich von einem Verbot nicht abschrecken lassen. Weiter bestätigen Inhaftierte in US-Hochsicherheitsgefängnissen, dass das, was sie am meisten fürchten (mehr noch als die Polizei), ein bewaffnetes Opfer sei. Sie scheren sich nicht darum, ob ein Gesetz ihnen verbietet, eine Waffe zu tragen. Sie tragen sie sowieso.

Doch was hat das mit dem Amoklauf von Winnenden oder vergleichbaren Ereignissen zu tun? Zunächst ist die Tatwaffe nicht wie gesetzlich vorgeschrieben in einem Sicherheitsschrank aufbewahrt worden. Da jedoch Waffe und Munition getrennt gelagert werden müssen bleibt die Frage offen, wie Tim K. an die Munition kam. Momentan gibt es noch widersprüchliche Meldungen, die von einer ebenfalls ungesichert gelagerten Munition bis hin zur Kenntnis des Täters der Geheimzahl des Waffenschrankes reichen. In diesem Zusammenhang wies Innenminister Wolfgang Schäuble darauf hin, dass eine Verschärfung des Waffenrechtes diese tragischen Ereignisse nicht hätte verhindern können, da es sich um eine legal erworbene und registrierte Waffe handelt. Werden legale Waffen unsachgemäß genutzt oder gelagert, bringen noch restriktivere Gesetze nichts.

Ein weiterer Punkt ist das jeweilige Ziel von Amokläufen. Sie finden hauptsächlich in Schulen oder Hochschulen statt. Häufig waren oder sind die Täter Schüler oder Studenten der jeweiligen Einrichtungen. Wieso, fragt etwa der Blogger Marco, finden solche Amokläufe nie in einer Polizeistation oder bei der Bundeswehr statt? Er führt dies darauf zurück, dass die Täter keine Gegner suchen, sondern Opfer. Und in einer Bildungseinrichtung kann ein Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, auf Unbewaffnete zu treffen. Ähnliches belegen auch Aussagen über verhinderte Amokläufe in den USA, bei denen Polizeibeamte und bewaffnete Zivilisten das Feuer erwiderten und den Amokläufer dazu zwangen, in Deckung zu gehen und nur noch ungezielte Schüsse abzugeben. Ebenso der Fall vor einigen Jahren, bei dem Studenten Schüsse auf dem Campus hörten und zu ihrem Wagen eilten, in dem sie eine Handfeuerwaffe hatten. Sie konnten den Amokläufer in Schach halten, bis die Polizei ihn festnehmen konnte.

Die Tatsache, dass solche grauenhaften Taten meist in waffenfreien Zonen stattfinden, führt uns zu den sogenannten „Killerspielen“. Sowohl aus Teilen der CSU als auch vom stellvertretenden Vorsitzenden der Unions-Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach (CDU) werden – wieder einmal – Rufe nach Verboten laut. Doch wie sind solche Spiele eigentlich aufgebaut? Beim meistgenannten Spiel „Counter Strike“ – welches bei weitem nicht das brutalste, sondern lediglich das wohl weitverbreitetste seiner Gattung ist – spielt man im Team gegen ein anderes Team. Vereinfacht gesagt versuche ich den Gegner und der Gegner mich zu erledigen. Aber gerade so laufen Amokläufe wie der von Winnenden nicht ab. Dort hat der Täter gerade unbewaffnete Schüler und Lehrerinnen getötet. Als die ersten Polizeibeamten in der Schule eintrafen und beherzt dem Täter entgegentraten, flüchtete dieser. „Killerspiele“ funktionieren gerade umgekehrt. Dort ist jeder bewaffnet, und das weiß man auch. Es gibt sogar nur relativ wenige Spiele, bei denen man seine Waffe auch wegstecken kann. Man setzt sich gerade der „Gefahr“ aus, auch getroffen zu werden. Ziel des Spiels ist es gerade, besser zu sein als der bewaffnete Konkurrent. Es ist ein Kampf mit gleichen Mitteln, Winnenden hätte ungleicher nicht sein können.

In den letzten Jahren gab es in Deutschland drei traurige Ereignisse an Schulen: Erfurt, Emsdetten und nun auch Winnenden. Jedoch gibt es seit Jahren allein in Deutschland Millionen von Spielern solcher Spiele. Müsste die Zahl der Amokläufe in Deutschland und weltweit nicht höher sein, wenn ein eindeutiger Zusammenhang hergestellt werden könnte?

Übrigens spielen auch viele Erwachsene mit. Und mit welcher Begründung will man einem erwachsenen, mündigen Bürger solche Medien vorenthalten? Mit der Begründung, auch Kinder könnten darankommen? Das können sie auch an die Autoschlüssel, Küchenmesser Spiritus und Feuerzeug kommen. Dazu kommt: Gerade das Verbotene lockt. Besser wären also stärkere Kontrollen beim Verkauf von Medien an Jugendliche, damit 14jährige nicht an Material kommen, das man erst ab der Volljährigkeit erwerben darf.

Absolute Sicherheit kann und wird es nie geben. Es sollte den Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Nun in Aktionismus zu verfallen und über Symbolpolitik und weitere Verbote zu diskutieren, ist mal wieder der falsche Weg.


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Christian Spernbauer

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