30. Mai 2007

Ralph Giordano und Anna Reimann Schreibtischtäter bei der Arbeit

Spiegel-Online einmal mehr auf Abwegen

Der „Spiegel“ ist ein seriöses deutsches Nachrichtenmagazin – in dem mitunter auch überraschende Artikel zu finden sind. In der Dependence Spiegel-Online dürfen sich Gender-Feministen, Hardcore-Sozialisten und „Anti“-Faschisten austoben. Anna Reimann etwa – stets engagiert in Sachen Feminismus, Globalisierungskritik und Antifa. Die Suchmaschine Google weist unter ihrem Namen einen Artikel aus dem Jahr 2004 ganz oben aus: Sie war es, die auf den eigentümlich freien Gustloff-Streich hereinfiel und über eine angebliche Unterwanderung der globalisierungskritischen rotsozialistischen ATTAC durch die globalisierungskritische braunsozialistische NPD berichtete. Damals war es ein Scherz der ef-Redaktion, dem sie und Spiegel-Online aufsaßen. Kurz vor der braunroten Mobilmachung in Heiligendamm weiß heute jeder, dass eigentümlich frei der realen bunttotalitären Allianz nur einen kleinen virtuellen Schritt voraus war.

Dieselbe Journalistin Anna Reimann berichtet nun, dass gemäß der linken Kollegen von der „taz“ der linke Schriftsteller Ralph Giordano plötzlich rechts sei. Giordano hatte sich gegen den Bau einer Groß-Moschee in Köln-Ehrenfeld ausgesprochen. Frauen in Burkas seien menschliche Pinguinie, hatte Giordano zur Begründung angeführt. Er fühle sich dabei in seinem ästhetischen Empfinden gestört. Wie die Mehrheit der Bevölkerung sei er deshalb dafür, den Bau zu verbieten.

„Ob sich der Schriftsteller in seinem eigenen ästhetischen Empfinden gestört fühlt, kann kein Maßstab für den Umgang mit dem Islam sein“ – merkt Anna Reimann zunächst beinahe treffend an. Beinahe, weil es um den konkreten Bau einer Moschee geht. Und nicht um den Umgang mit einem Abstraktum, der Frau Reimann bewegt. Giordano liege jedenfalls genauso daneben wie seine Kritiker, die ihn nun gleich in die rechte Ecke stellen: „Ihn flugs zu einem Rechtsradikalen zu stempeln, ist maßlos und demagogisch“ – so Reimann, die sich seit drei Jahren in Sachen rinkslechter Velwechsrungen besonders gut auskennt. Auch „Frauenrechtlerinnen“ seien mit ihrer Islamkritik nämlich schon mehrfach fälschlich in die rechte Ecke gestellt worden.

Dann kommt Reimann zu ihrem Anliegen: „Die Trennlinien zwischen vernünftiger und populistischer Islamkritik“ verlaufen nun doch nicht so richtig zwischen rinks und lechts, sondern, da ist sich die Journalistin ganz sicher, „entlang der Frauenfrage“. Reimann zitiert Seyran Ates: „Für mich gibt es keinen Unterschied, ob eine Frau unter einem Kopftuch verdeckt wird oder ob sich eine Frau halbnackt auf einer Motorhaube räkelt. Beides dient dazu, das weibliche Wesen zum Sexualobjekt zu reduzieren.“

Nun mag ja die eine oder andere Frauenexpertin hier und dort mangels persönlichem Kontakt mit dem männlichen Geschlecht an allen möglichen Orten „das weibliche Wesen zum Sexualobjekt reduziert“ sehen. Derlei feministischer „Objektivismus“ sagt mehr über wilde Phantasien der subjektiven Betrachterinnen aus als über das Beschriebene.

Interessant bleibt im „Fall Giordano“ ein Detail, über das Anna Reimann nicht berichtet: Giordano hatte für seine Äußerungen Beifall von der rechten Bürgerbewegung pro Köln bekommen. Um sich davon zu distanzieren, sagte er der „Bild“-Zeitung, „Mitglieder von Pro Köln“ würden ihn „am liebsten in eine Gaskammer stecken, wenn sie könnten, wie sie wollten.“ Daraufhin hat die im Rat der Stadt vertretene Gruppierung eine Strafanzeige wegen Beleidigung und Verleumdung gegen den Schriftsteller aufgegeben – mit recht großer Aussicht auf Erfolg.

Giordano könnte damit die von ihm stets mit Verve betriebene Antifa-Hysterie zum Verhängnis werden. Er, der „gute Linke“, der mitunter auch gleich „ganz Deutschland“ für aufgebauschte rechte Straftaten „verantwortlich“ machte und der seinen linken Schriftstellerkollegen Rolf Hochhuth schonmal des „Nachtretens gegen Holocaust-Opfer“ bezichtigte, ohne überhaupt den Text gelesen zu haben, der als Begründung dafür herhalten sollte. Dieser Ralph Giordano tritt wild um sich, wenn er plötzlich selbst in die rechte Ecke gestellt wird. Da werden dann Kommunalpolitiker zu Helfern in der Gaskammer, nur um vom schrecklichen Verdacht möglichst doch noch abzulenken. In Wirklichkeit zeigt all dies, wie widersinnig die Gut-Böse-Unterscheidung der linken „Anti“-Faschisten Giordano, Reimann und Co. längst geworden ist und wie sehr sie sich in den Widersprüchen verheddert haben. Wenn altlinke, neokonservative und antifaschistische Bush-Krieger im gemeinsamen Hass auf den Islam heute an der Seite von Deutsch-Nationalen gegen den Bau von Moscheen kämpfen, dann ist in vielen achsenmächtigen Internet-Blogs das Rechts-Links-Schema zur Kenntlichkeit verschwommen. Nicht nur in Heiligendamm. Linksrechter Antikapitalismus von Attac und NPD dort, linksrechter Antiislamismus von Pro Köln bis Ralph Giordano hier.

Für Anna Reimann ist dies nicht das Thema. Sie interessieren weder die realen juristischen Auseinandersetzungen noch die neuen politischen Koalitionen. Sie lebt als Kind derselben lieber ihre Phantasien. Und kommt dabei zu dem Schluss: „Es gibt in der Integrations- und Islamdebatte keine neutralen Akteure.“

Sie irrt. Selbstverständlich gibt es in politischen Debatten einen neutralen Standpunkt – den antipolitischen. So mag Anna Reimann für den Bau einer Moschee und vielleicht gegen den Bau eines McDonalds-Restaurants oder eines Bordells sein. Ralph Giordano mag gegen den Bau einer Moschee und für die beiden anderen Bau- und Begegnungsstätten stimmen – oder auch nicht. Der neutrale Standpunkt ist eine Meinungsäußerung, der persönliche Besuch oder das Fernbleiben. Der neutrale Standpunkt hindert Dritte nicht daran, auf eigene Kosten was auch immer zu errichten, zu betreiben oder freiwillig zu betreten. Der politisch neutrale Standpunkt ist produktiv und tolerant.

Die Spielgelfechterin Anna Reimann ist wie der Alt-KPD-Genosse Ralph Giordano ein fundamentalistischer Homo Politicus. Für solche Leute gibt es keinen neutralen Standpunkt. Beide stecken ihre rotbraunen Näschen mit Vorliebe und immer wieder in Dinge, die sie nichts angehen, die sie aber für ein Politikum halten. Ihr Ziel ist nicht die Produktion, sondern die Zerstörung. Mindestens die Verhinderung. Die Verhinderung von Moscheen hier, die Verhinderung von Fotos mit halbnackten Frauen dort. Im Namen von hochtrabenden Ideen wie „dem Umgang mit dem Islam“ oder „der Frauenfrage“.

Anna Reimann fordert schlussendlich mit doppeltem „Müssen“: „Es müssen Maßstäbe für die Integration definiert werden, die sich immer an einem orientieren müssen: Der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Frauen.“ Sie sollte nicht von sich auf andere schließen – müssen. Und ob Frauen – oder Männer! – „Gleichberechtigung“, „Selbstbestimmung“ oder was auch immer bei einem Bic Mac, in einem Bordell oder in einer Moschee finden, das sollten sie ganz alleine selbst entscheiden – können.

Internet:

„Pinguine, Burkas und der Nazivorwurf“ von Anna Reimann

Der Attac-NPD-Streich und die Reaktionen der Presse


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Stephan Waitz

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