30. November 2007

Achse des Guten Gut, besser, Antifa

Wenn Aufklärung der Gesinnung zum Opfer fällt

Nachdem eigentümlich frei den „Antifaschismus“ zum Schwerpunktthema der November-Ausgabe gemacht hatte, diskutierte auch die selbsternannte „liberale Blogosphäre“ mit sich selbst über dieses Thema. Heraus kamen viele lustige Stilblüten. Wenig überraschend, haben doch so einige Mitspieler der Internet-Krabbelgruppe eine Antifa-Vergangenheit und andere ganz offenbar, denkt man ihre Entwicklung zuende, eine Antifa-Zukunft. Die mit der Kapuzen-Zukunft streiten nun mit den Ehemaligen über die Antifa-Gegenwart. Derweil verlinkt die „liberale Blogosphäre“ gerne auf ihre Lieblingsblogs. Dazu gehören ganz selbstverständlich auch rote Antifanten wie „haGalil“, „Lizas Welt“ oder gar „Indymedia“. Kein Wunder also, dass die ehemaligen Antifa-Kämpfer gegen die neuen Genossen unter den „Liberalen“, die sich noch antifantös beweisen müssen, eher einen schweren Stand haben. So wurde von der „Achse des Guten“ – das ist so etwas wie der Trendsetter in der „liberalen Blogosphäre“ – still und heimlich der folgende Beitrag des Achsen-Mitglieds Michael Holmes gelöscht:

Es ist nicht alles schlecht an der Antifa… Jetzt hat also ‘die liberale Blogosphäre’ eine Antifa-Debatte. Ich hätte nicht gedacht, dass es da viel zu diskutieren gibt. Wenn aber MartinM von den B.L.O.G. und D. Fallenstein den Demokraten in Deutschland eine Art ‘kritische’ Zusammenarbeit oder doch einen Neutralitätspakt mit den Linksextremen nahelegen, dann muss ich doch mal ein paar wenige Worte zu dieser Organisation und ihrem Umfeld sagen. Ich war mehrere Jahre in der Antifa organisiert und weiß wovon ich rede. Die Antifa ist in erster Linie kommunistisch. Etwa 80% ihrer Kader und Anhänger sind bekennende Kommunisten. Der Rest ist eher anarchistisch orientiert (und manchmal, keineswegs immer, etwas weniger unsympathisch). Dementsprechend wird ihr Logo dann auch von zwei wehenden roten und schwarzen Fahnen geziert, wobei sich die rote Fahne aufdringlich über die schwarze schiebt, so als wollte sie drohend an Kronstadt erinnern. In den besetzten Häusern und Jugendzentren, wo man sich zwecks Vorbereitung der Weltrevolution trifft, hängen dann auch bis heute die Fahnen der untergegangenen Sowjetunion, der DDR oder des kommunistischen Kuba. „Faschisten” sind für die Antifa nicht nur die nationalen Sozialisten von der NPD. „Faschisten” sind eigentlich alle, die keine Kommunisten oder doch wenigstens Anarchisten sind. „Faschisten” sind ihnen alle Konservativen, „verkappte Faschisten” die Neoliberalen. Allesamt. Mindestens. Und die Sozialdemokraten? Die schimpft man am liebsten „feige Verräter”. „Faschisten” sind auch alle religiösen Menschen außer Ernesto Cardenal und - wenn draußen die Sonne scheint und man guter Laune ist - vielleicht auch mal Martin Luther King. Der war dafür ein Weichei. Habe ich schon erwähnt, dass alle Kritiker des Kommunismus, im Westen und insbesondere im Osten, „Faschisten” und „Reaktionäre” sind? Nein? Das sollte ich auch gar nicht erst erwähnen müssen. Sicher, keine Demovorbereitung bei der nicht kontrovers über den Umgang mit den „bürgerlichen Spießern” diskutiert wird. Soll man „radikal” und „konsequent” unter sich im schwarzen Block bleiben? Oder doch, wie (angeblich) damals in Spanien, ausnahmsweise die „Volksfront” aufbauen? Aber - und daraus macht man auch gar keinen Hehl - eines ist allen Beteiligten immer klar: ein ‘Bürger’ - ob braun, schwarz, grün oder hellrot - hat nichts als Verachtung verdient. Jeder demokratische oder liberale Antifaschismus ist in den Augen der Antifa „systemimmanent” und deswegen letzten Endes selbst bekämpfenswert, vom Antitotalitarismus ganz zu schweigen. Und zur Gewalt: Zu den Lieblingshobbys der Antifas gehört neben dem rituellen Steinewerfen auf die Polizisten der ersten stabilen Demokratie in Deutschland immer auch das Erstellen von Listen. Von Listen? Von Listen. Da stehen nicht nur ortsbekannte Neonazis drauf. Da stehen dann - je nach Geschmack - auch die Namen einer Menge von konservativen oder liberalen, manchmal auch von grünen oder sozialdemokratischen Politikern, von Unternehmern oder religiösen Führern und natürlich von Aussteigern drauf. Aber die wollen doch nur spielen? Richtig. Denn momentan ist ja - Oh Gram! Oh Graus! Was tun? hätte auch der Genosse Lenin gefragt! - keine „revolutionäre Situation”. Aber eines Tages… Eines Tages ist ihr Tag. Und da wird es eine Wand geben. Und ob da dann auch die nützlichen Idioten - entschuldigt bitte, ist nicht böse gemeint, muss aber sein - aus der liberalen Blogosphäre davor stehen werden, das weiß ich nun nicht, denn das wird spontan und vor Ort und „dezentral” entschieden. Mir hat man meinen Ehrenplatz bereits zugesichert. Der Tag wird nicht kommen? Wahrscheinlich nicht. In vielen Ländern dieser Erde (darunter bekanntlich auch Deutschland) hat es schon oder gibt es noch viel zu viele dieser Tage. Und an diese Tage sollten liberale Demokraten sich und andere immer wieder erinnern. Schon aus Eigeninteresse. Aber vielleicht auch aus Gründen der Solidarität. Ich meine ja nur… Sollten also Liberale keine Bündnisse mit linken oder konservativen Kräften schließen? Doch. Unbedingt. Selbstverständlich. Wir haben ein gemeinsames Ziel, das wichtiger als alle unsere Differenzen ist. Aber es sollten schon linke und konservative Antitotalitaristen sein.“

Naja, man musste sich wohl entscheiden zwischen Aufklärung über die Mordgelüste der Antifanten, die kein Kenner der Szene ernsthaft bestreitet, und den brandschatzenden lieben Freunden aus der Szene selbst, die Kritik an der Antifa nunmal gar nicht mögen – und fies ungemütlich werden können. Also löschten Broder, Maxeiner, Miersch und Co. den aufklärenden Beitrag und man postet nun wieder ein paar der üblichen oft belanglosen Gedankenfetzen, die dann in der Sphäre eine Niveaustufe tiefer mit Verve „diskutiert“ werden. Hauptsache, heute mal ins Blog gerülpst.


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Stephan Waitz

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