19. Mai 2008

Tibet und westliche Medien Der patriotischste Chinese

Countdown zur Olympiade 2008 in Peking

Ausgerechnet 88 Tage vor der Eröffnungsveranstaltung am 8.8.2008 gab es in der südwestchinesischen Provinz Sichuan die größte Naturkatastrophe seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik, ein Erdbeben der Stufe 7,8 auf der Richterskala – nur das Pekinger Seiesmologische Institut hatte zunächst ein Erdbeben der Stufe 8 gemeldet. Schon bald darauf kursierten in China die ersten SMS mit einem traditionellen Spruchreim: „shenzhou gong zhen huan aoyun, huaxia doulou fan zangdu“ (deutsch: Ganz China schwankt um die Olympiade zu begrüßen, das Reich der Mitte rüttelt sich gegen die tibetische Unabhängigkeit auf). So unterschiedlich kann Wahrnehmung sein.

Vor 3/14, wie die Straßenschlachten in Lhasa Mitte März in den chinesischen Medien in Anlehnung an 9/11 nun bezeichnet werden, war die Kritik des Westens an China eher diffus. Irgendwie wollte man den Chinesen sagen, dass sie weniger Auto fahren sollten, damit die Luft nicht so verschmutzt würde, und dass sie weniger Erdöl kaufen sollten, damit die Preise nicht so steigen. Aber das traute man sich nicht so recht, da der Westen nicht nur pro Kopf, sondern auch in absoluten Zahlen, viel mehr Autos besitzt und viel mehr Erdöl verbraucht als alle Chinesen zusammen. Seit 3/14 hat sich auch die Kritik an China gewandelt: Nun kann der Westen seine Kritik auf einen Bereich konzentrieren, wo er sich moralisch auf unverfänglichem Terrain wähnt. Anstelle um CO2 Emmissionen oder Bodenschätze wird seitdem um die richtige Deutung der Straßenschlachten in Lhasa gestritten.

Am 22. März, dem Tag, als die letzten beiden in Lhasa verbliebenen westlichen Journalisten aus Tibet ausgewiesen wurden, begann in China die Kampagne gegen die „verzerrte Berichterstattung im Westen“. Auf den Titelseiten der chinesischen Zeitungen erschienen Screenshots der Websites westlicher Medien: CNN zeigte ein Foto der Straßenschlachten in Lhasa, allerdings nicht im ursprünglichen Format, sondern ohne die tibetischen Steinewerfer am rechten Bildrand. Auf dem Foto, mit dem die BBC die „starke Militärpräsenz in Lhasa“ deutlich machen wollte, stehen Männer in Tarnanzügen in Wirklichkeit an der offenen Hecktür eines Krankenwagens. Auf den Websites von „Washington Post“, FOX, n-tv, RFI, RTL und „Bild“ wurden Bilder aus Nepal verwendet, um Nachrichten aus Tibet zu illustrieren.

Ein weiterer Screenshot zeigt das Fotos eines Mannes, der von Uniformierten weggezerrt wird. „Ein Aufständsicher wird von Sicherheitsbehörden abgeführt“, meldete die Website der „Berliner Zeitung“ dazu. Bei dem Mann soll es sich aber laut chinesischen Medien um einen von der Polizei vor dem Mob geretteten Chinesen handeln. Für die Chinesen ein typisches Beispiel: Sie gehen davon aus, dass die westlichen Medien die Öffentlichkeit über die Vorgänge in Lhasa bewusst getäuscht hat und glauben sogar, dass sie die Opfer auf chinesischer Seite komplett verschwiegen hätten. Denn als Protest gegen die Plünderung von 890 chinesischen Läden in Lhasa hätte doch wohl niemand der im Rollstuhl sitzenden Sportlerin Jin Jing die Olympiafackel aus der Hand gerissen?

Die mit einer großen Fülle von Finanz- und Wirtschaftsstatistiken aufwartende chinesische Berichterstattung über Tibet interessiert die Chinesen nur wenig. Obwohl sie allen Grund hätten, sich über das, was berichtet wird, zu ärgern: 9 von 10 Renminbi (RMB), die die tibetische Regierung ausgibt, stammen aus Transfers der Zentralregierung. Zusätzlich dazu flossen 9,3 Milliarden RMB chinesische Hilfsgelder in 2.816 tibetische Projekte. Das sind Mittel, die durch direkte oder indirekte Steuern von Chinesen selbst aufgebracht wurden.

Die Chinesen waren auch schon vor 3/14 vehemente Gegner einer tibetischen Unabhängigkeit und glaubten vage, dass der Dalai Lama kein besonders guter Mensch sei. Genauso waren die Chinesen schon vor dem 22. März davon überzeugt, dass die westlichen Medien nichts Gutes über China berichteten. Das wird in dem per Email weit verbreiteten Gedicht „Wie die Chinesen fühlen“ deutlich: „Wir probierten den Kommunismus, um gleicher zu sein, Ihr habt uns dafür gehasst, dass wir Kommunisten sind. Jetzt befürworten wir freien Handel und privatisieren, Ihr beschimpft uns als Merkantilisten. Halt! Ihr habt verlangt: 1,3 Milliarden, die gut essen, zerstören den Planeten! Deswegen probierten wir es mit Geburtenkontrolle. Dann habt ihr uns wegen Menschenrechtsverletzungen verdammt.“

Doch durch den Abdruck der Screenshots hatten es die Chinesen zum ersten Mal direkt vor Augen, wie in den westlichen Medien über ihr Land berichtet wurde. Diese aus ihrer Sicht absichtlich falsche oder zumindest parteiische Berichterstattung verärgerte sie zutiefst. Seitdem schwappt eine Welle des Nationalismus über das Land, wie es sie seit der NATO-Bombardierung der Belgrader Botschaft vor neun Jahren nicht mehr gab. Das französische Unternehmen Carrefour traf es im Gegensatz zu der Belgrader Botschaft nur zufällig: Wegen einiger Äußerungen von Präsident Sarkozy, wegen der Zwischenfälle bei dem Fackellauf in Paris und wegen eines im Internet aufgetauchten Gerüchts, der Hauptaktionär Carrefours, Louis Vuitton Moët Hennessy, würde die Dalai-Lama-Clique finanziell unterstützen. Per SMS wurde zu einem Boykott aufgerufen: „Lasst die ganze Welt die Kraft der Solidarität des chinesischen Volkes erkennen, am 1. Mai sollen die Carrefour-Läden im ganzen Land leer bleiben – wenn Du dies 20 mal weiterleitest, bis Du der patriotischste Chinese“.

1. Mai 2008, Peking, Carrefour, Chuang Yi Jia Filiale. Die jungen Männer haben vor dem Eingang gewartet. „Ist das ein Franzose?“ Ein stämmiger Chinese kommt einen Schritt näher. Er hat kurz geschorenes Haar und trägt eine Trainingshose. Eine große Narbe auf dem muskulösen Unterarm und ein finsterer Blick lassen ihn bedrohlich wirken. Als er erfährt, dass der Ausländer ein Deutscher ist, entspannt sich seine Miene etwas. Aber eine Frage will er noch anbringen: „Weltfrieden ist doch gut, oder?“ Als ihm nicht widersprochen wird, entspannt er sich weiter. „Ich bin hier um zuzusehen“, verrät er. Viel zu sehen gibt es aber nicht: eine Countdown-Uhr über dem Eingang, die anzeigt, dass es noch 99 Tage bis zur Eröffnungsveranstaltung sind, daneben der Satz: „China vor!“, darunter Kunden, die volle Einkaufstüten nach Hause schleppen. „Normalerweise wären es an einem 1. Mai viel mehr Kunden“, behauptet der Chinese trotzig. Da hat er recht, viel ist nicht los. Aber trotzdem gibt es drinnen im Supermarkt keine mit Tiefkühlkost beladene und dann stehengelassene Einkaufswagen (auch dazu war im Internet aufgerufen worden), sondern statt dessen die üblichen Schlangen vor den Kassen. Das einzig interessante sind die fünf Polizeiautos vor der Tür, doch die rund 20 Polizisten haben nichts zu tun. Sie filmen ihre beiden Deutschen Schäferhunde mit einer mitgebrachten Videokamera.

Der patriotischste junge Chinese vor dem Carrefour ist inzwischen ein Freund geworden. „Deutsche Autos sind von hoher Qualität“, erklärt er. Und nach einem Moment des Nachdenkens fügt er hinzu: „Eigentlich sind wir zu Ausländern doch richtig freundlich, oder?“

Die Menschen im Westen glauben in Bezug auf Tibet genau das Gegenteil von den Chinesen: Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass der Dalai Lama ein guter Mensch ist und befürworten vage eine tibetische Unabhängigkeit. Gemeinsamkeit mit den Chinesen herrscht höchstens darin, dass auch sie die Finanz- und Wirtschaftsstatistiken nur wenig interessieren. Obwohl die westlichen Freunde Tibets allen Grund hätten, sich über das, was berichtet wird, zu freuen: Das jährliche Wirtschaftswachstum in der „Autonomen Region Tibet“ betrug während der letzten sieben Jahre in Folge über 12 Prozent, das durchschnittliche pro-Kopf-Einkommen erreichte 12.000 RMB pro Jahr. Für die Menschen im Westen ist aber alles, was die chinesischen Medien melden, nur Propaganda. Die Chinesen in der Volksrepublik hätten aufgrund mangelnder Pressefreiheit keine Ahnung, die Chinesen im Ausland seien „brainwashed“.

Dieses Argument kam auch in Bezug auf die weltweiten Proteste von Chinesen gegen die „verzerrte Berichterstattung im Westen“ am 19. April. Auch hier war der Streit um die richtige Deutung vorprogrammiert: „Westliche Medien deuten an, die chinesische Regierung würde die Flamme des Nationalismus anfachen, und hätte aber auch Angst, die Kontrolle zu verlieren“, sagt Professor Yu Wanli vom Forschungszentrum für Internationale Strategien an der renommierten Peking Universität, „immer denken sie, die Unabhängigkeit der chinesischen Zivilgesellschaft wäre nicht echt“. Um diesem Verdacht entgegenzuwirken steht dann auch auf der Website www.anti-cnn.com, die sich zum Sprachrohr der verärgerten Chinesen gemacht hat, gleich in den ersten Zeilen, dass die Website von Freiwilligen aufgebaut wurde, die allesamt „in keinem Kontakt zu irgendwelchen Regierungsbeamten“ stehen. Und ein Blogger sagt: „Ich weiß nicht woher das kommt, dass die westlichen Medien immer denken, dass alle Chinesen, die Englisch oder eine Website aufbauen können, für die Regierung arbeiten.“

Bei genauerer Betrachtung des Internets in China käme aber so ein Verdacht gar nicht erst auf. Hier gab es Dummheiten, wie den Aufruf, auch französische (Zungen-) Küsse zu boykottieren. Falschmeldungen, wie die Nachricht, die französische Regierung hätte Carrefour 2 Millionen DU-Dollar zur Verfügung gestellt, damit in allen chinesischen Filialen am 1. Mai die Preise gesenkt und ausländischen Journalisten gezeigt werden könnte, wie voll die Filialen trotz Boykottaufruf wären. Appelle an das Organisationskomitee für die Olympiade (BOCOG), das Transportflugzeug, einen in Toulouse endmontierten Airbus A-330, gegen eine Boeing auszutauschen. Und auch lustige Beiträge, wie die Forderung nach „Freiheit für Korsika“ – sollen die Franzosen doch auch einmal spüren, wie es ist, wenn sich Ausländer auf die Seite von Seperatisten stellen, die eine Zerteilung des eigenen Landes fordern.

Vor allem aber gab es eine große Anzahl von Beiträgen von Chinesen, die für Globalisierung, für freien Handel und gegen Wirtschaftsboykotte eintraten. Viel zitiert wurde auch eine Meldung, dass Carrefour in China mit zu 99 Prozent chinesischen Angestellten zu 99 Prozent in China hergestellte Produkte verkauft und ein Boykott nicht rational wäre. Dass es am 1. Mai keine Demonstration der „Kraft der Solidarität des chinesischen Volkes“ gab, war mehr dieser Grundstimmung und diesen Beiträgen geschuldet als den Polizisten vor der Tür.

Dem Westen ist es aufgrund seiner christlichen Traditionen „immer leicht gefallen, mit den Armen zu teilen. Unsere Aufgabe wird aber jetzt darin bestehen, mit den neuen Reichen zu teilen, ein Problem, vor dem wir noch relativ ratlos stehen“, sagte der deutsche Sinologe Professor Michael Lackner. Der Westen sollte begreifen, dass es gerecht ist, dass derjenige das Barrel Öl bekommt oder das Auto fahren darf, der bereit ist, dafür den höchsten Preis zu zahlen.

Das ist aber nicht die einzige Lektion, die gelernt werden muss. Auch von der Mär der moralischen Überlegenheit des Westens wird man sich verabschieden müssen. Wie schon der US-Ökonom David Friedman bemerkte: Gewaltanwendung ist eine so fürchterlich teuere Methode der Konfliktlösung, dass sie nur von kleinen Kindern und großen Staaten angewandt wird. Diese Regel kommt ohne West und Ost aus. War der amerikanische Angriff auf den Irak völkerrechtlicher besser gerechtfertigt als der chinesische Einmarsch in Tibet? Hat Russland die olympischen Winterspiele 2016 für die Verbesserung der Menschenrechtslage in Tschetschenien bekommen? Wohl kaum.

Wenn der Westen das Überlegenheitsgefühl aufgibt und nicht sofort weiß, dass die chinesische Regierung ausländische Hilfe und zivilgesellschaftliche Gruppen bei den Rettungasaktionen in Sichuan nur deswegen zulässt, um später die Verantwortung auf sie abschieben zu können, und wenn die chinesischen Medien nicht nur über die heroischen Rettungsleistungen von Armee, bewaffneter Polizei und paramilitärischen Einheiten berichten, dann merkt man auf einmal, dass der Westen und China tatsächlich von derselben Sache sprechen.

Information

Wolf Dieter Kantelhardt wird exklusiv auf www.ef-online.de vom 4. bis 24. August täglich von Anekdoten und Ereignissen rund um die Olympischen Spiele in Peking berichten, die westliche Mainstreammedien verschweigen.


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