28. Oktober 2010

Reportagefragment Essen wie Gott in China

Saures Gemüse vor der Fahrt ins Armutsdorf

Eine halbe Stunde vor den verabredeten acht Uhr klopft Wang Haoming, Vizevorsitzender des Kreises Liangshan, an meiner Hotelzimmertür. „Frühstücken kommen!“ Dass ich schon Muffins gegessen und Milchtee getrunken habe, zählt nicht. „Nein, Du musst richtiges Frühstück essen. Nudeln.“ Ich habe zwar gar keinen Hunger, aber die hiesigen Nudeln sind nicht schlecht – und Widerstand ohnehin zwecklos. Danach gefragt, welche Nudeln ich gerne hätte, sage ich: „Scharfes Huhn, aber ohne Huhn, kein Fleisch, nur die scharfe Soße“. Wang bestellt deswegen „Nudeln mit saurem Gemüse, das ist ein Ausländer, der verträgt scharfes Essen nicht“. Bei dem sauren Gemüse ist aber Fleisch dabei.

Unsere Abfahrt war für halb neun angesetzt. Aber aus einem Grund, den er mir nicht erklärt, muss Wang noch dringend zu einer Versammlung, die „zur Abstimmung der Regierungsarbeit immer am Montag Morgen“ stattfindet. Komisch, dass er das gestern noch nicht wusste. Als Wang gegen halb zwölf endlich die Genehmigung, einen Ausländer in eines der „Armutsdörfer“ in den Bergen mitzunehmen (oder was auch immer so lange gebraucht hat), erhalten hat, müssen wir erst mal Mittag essen.

Nachmittags um drei in dem „Armutsdorf“ angekommen führt Wang mich auf dem kürzestem Weg in das Haus des Dorf-Parteikomiteevorsitzenden, der mir, kaum, dass ich auf einem der niedrigen Hocker Platz genommen haben, sofort mehrere Wassermelonenstücke, geschälte Birnen und grellpink gefärbte Hühnereier, die fürchterlich abfärben, in die Hände drückt. Während ich mit klebrigen rosafarbenen Händen mitschreibe, dass ein Bauer Tomaten und Auberginen angepflanzt und damit innerhalb von neun Monaten 20.000 Yuan, über 2.200 Euro, verdient hat, schleicht sich Wang unauffällig neben mich. Er tut so, als würde er den mir gegenübersitzenden Dorf-Parteikomiteevorsitzenden fotografieren. Aber in Wirklichkeit drückt er erst auf den Auslöser, als er die Linse nach unten auf die vollgekritzelte Seite meines Notizblocks gerichtet hat. Deswegen schreibe ich nur ab dann noch Stichpunkte mit. Zum Beispiel, dass der betreffende Bauer das Wissen zum Gemüseanbau in „Landwirtschaftstechnikausbildungszentrumskursen“ gelernt hat, oder dass sich die Dorfbevölkerung sehr über einen „Basketballplatzinstandsetzungskostenzuschuss“ freuen würde.

Zurück in der Kreisstadt, will ich noch schnell etwas Milch für meinen Tee Morgen früh kaufen. Wang kommt mit in den Laden (er will jetzt auch Milch kaufen) und besteht darauf, alles zu bezahlen. So langsam hätte ich gerne meine Ruhe. Aber Wang verbietet mir, alleine zum Hotel zurückzugehen. „Zu unsicher...“ Im Hotel will Wang unbedingt alle meine Taschen alleine hochtragen. Weil das, zusammen mit den geflochtenen Körben, seinem Abschiedsgeschenk, ein paar zu viele sind, fällt ihm mein Computer runter. Anschließend besteht Wang darauf, mich zum Abendessen einzuladen. Ich sage, dass ich wirklich nur eine kleine Schüssel Nudeln will. Wir gehen in das beste Restaurant der Stadt, in dem es alles Mögliche gibt. Nur keine Nudeln.


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