26. Oktober 2010

China Tourismusboom bei den Mittelreichen

Minderheiten gucken an elf Feiertagen

Viel frei haben die Chinesen nicht: den 1. Januar, zum traditionellen Frühlingsfest (Chinesisches Neujahrsfest) drei Tage, zum Tag der Arbeit, Qingming (was als tomb-sweeping übersetzt wird), zum Drachenbootfest und zum Mondfest jeweils einen Tag, sowie die Ferien zum Staatsgründungstag am 1. Oktober, drei Tage lang. Macht zusammen 11 Tage „Urlaub“ im Jahr. Kinder unter 14 haben einen Tag mehr frei; Frauen, „Jugendliche“ zwischen 15 und 35 Jahren und Soldaten der Volksbefreiungsarmee jeweils einen halben Tag.

In der diesjährigen „Goldenen Woche“, also der freien Zeit zwischen dem ersten bis zum siebten Oktober, für die immer ein Wochenende vor- oder nachgearbeitet werden muss, waren über 250 Millionen Menschen auf Reisen, und es gab 60 Millionen Hotelübernachtungen. Im Vergleich zum Vorjahr war das eine Steigerung um 27 Prozent. Dabei wurden insgesamt 116 Milliarden Yuan ausgegeben, eine Steigerung zum Vorjahr um sogar 32 Prozent – aber trotzdem pro Kopf nicht mehr als 460 Yuan, umgerechnet rund 50 Euro.

Auf die 39 chinesischen „Schwerpunktreiseziele“ kam dabei ein Drittel der Fahrten und Übernachtungen und sogar über die Hälfte der Einnahmen aus dem Tourismus. Und auch, wenn das Nationale Amt für Tourismus auf seiner Website stolz verkündet, dass sich dieses Jahr von den 9,3 Millionen in- und ausländischen Touristen in Peking nur 14 beschwert hätten, es keinen einzigen Unfall gab und die Zufriedenheitsrate bei 97,6 Prozent lag, wird aus diesen Zahlen doch klar, dass sich die chinesischen Touristen in ihren paar Tagen Urlaub nicht erholen können – Flugtickets sind teurer, Bahnfahrkarten nicht zu bekommen, Hotels ausgebucht, vor den Sehenswürdigkeiten stehen Schlangen bis zum Parkplatz, und drinnen herrscht ein fürchterliches Gedränge.

Zusätzlich zu den größtenteils organisierten Reisen an den gesetzlichen Feiertagen haben Regierungs- oder Unternehmensdelegationen einen großen Anteil an den innerchinesischen „Reisen“. Zusätzlich haben sich die Reisegewohnheiten der städtischen Mittelschicht, die in ihren Arbeitsverträgen fünf bis maximal zehn Tage zusätzlichen Urlaub vereinbaren konnte, in den letzten Jahren stark diversifiziert.

Die der (Millionen-) Städtereisen müden jungen Chinesen zieht es besonders in die noch nicht „modernisierten“ Gebiete in der südwestchinesischen Provinz Yunnan, die von „idyllischen“ Minderheitenvölkern bewohnt werden, nämlich nach Dali (Bai-Nationalität), nach Lijiang (Naxi-Nationalität) und nach Zhongdian (das offizielle Shangri-la), das früher hauptsächlich von Tibetern bewohnt wurde.

Da diese drei Reiseziele inzwischen aber viel zu kommerzialisiert sind (und alle über einen eigenen Flughafen verfügen), suchen chinesische Individualreisende, aber auch Reiseveranstalter, immer stärker nach noch „unverfälschten“ Reisezielen. Und auch die in abgelegenen Regionen Südwestchinas wohnenden Angehörigen der Minderheitenvölker, die bisher nur wenig vom wirtschaftlichen Aufschwung Chinas profitieren konnten, sehen in der Entwicklung des Tourismus eine Chance. Auch, wenn das heißt, dass am Dorfeingang Eintrittskarten verkauft werden und das tägliche Leben zum kulturellen Artefakt wird.


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