06. November 2010

China Geschichtslektionen in einer Großen Mauer

Der Wüstenfuchs im Autobahn-Fettnäpfchen

Der neue „Harvard“-Jeep der Autofirma „Große Mauer“, der Dienstwagen des Vizevorsitzenden des Kreises Liangshan, rast über eine ebenfalls neue Guizhouer Provinzautobahn; Vizevorsitzender Wang Haoming neben mir erzählt, dass er von seiner Ausbildung her Lehrer ist. „Oh. Für welches Fach denn?“ – „Politische Geschichte.“

Wir kommen auf politische Geschichte zu sprechen. Als ich dabei das Wort für „Kolonie“ gebrauche, zuckt Wang zusammen und will wissen, was ich damit meine. Ach Du Schreck! Habe ich ein falsches Wort benutzt? Eines, das in China einen den Kolonialismus rechtfertigenden Beigeschmack hat? Ich sage, dass ich das in meinem Kopf bloß übersetzt hätte, keine andere Bezeichnung dafür kennen würde und gar nichts damit meinte als nur „Kolonie“.

Wang lacht gequält. Als Chinese würde er sich unwohl fühlen, wenn einer aus dem Westen ihm gegenüber von Kolonien spräche. Ich wüsste doch sicher, dass Hongkong bis 1997 eine britische Kolonie gewesen sei. Und dann fährt Wang fort, sich über erlittenes Unrecht zu beschweren: Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sich Japan nicht wie Willy Brandt entschuldigt...

Wo ich nun als westlicher Ausländer schon beim Thema „Kolonie“ alle Bezüge zu Tibet und Xinjiang vermeiden muss, gehe ich beim Thema „offizielle Entschuldigung“ lieber auch nicht auf die „Kulturrevolution“ oder den von Deng Xiaoping befohlenen Angriffskrieg ein, bei dem die Volksbefreiungsarmee im Jahre 1979 Vietnam überfiel. Denn alle diese Themen werden heute im chinesischen Geschichtsunterricht nicht behandelt.

Ich sage, dass das aber nicht nur für Japan gelte, sondern asiatische Regierungen allgemein die Vergangenheit nur unzureichend aufarbeiteten: „In der Mongolei wird Dschingis Khan bis heute verehrt, obwohl er in Zentralasien ganze Völker ausgerottet hat...“

Wang wiegt zweifelnd den Kopf. So recht glaubt er mir nicht: „Viel wichtiger ist doch, dass Dschingis Khans Enkel China wiedervereinigt hat. Denn die Mongolei gehört auch zu China“. „Also, das ist schwer zu sagen: Welches Volk zu wem gehört...“ – „Doch“, widerspricht mir Wang mit Nachdruck „bei der Mongolei ist das so. Die hat schon immer zu China gehört“.

– „Nein, nur in der Qing-Dynastie!“ [1644 – 1911]
– „Nein, auch in der Ming-Dynastie“ [1368 – 1644], hält Wang dagegen.
– „So? Und warum haben die Chinesen dann die Große Mauer gebaut?“
– „...“

Jetzt wechselt Wang das Thema und sagt, er sei ein großer Bewunderer von Long-Mei-Er. „Nie gehört. Wer ist denn das?“ – „Long-Mei-Er. Ein deutscher General. Auch Wüstenfuchs genannt.“ – „Ach, Rommel...“. Aber über die Heldentaten deutscher Generäle will ich nicht sprechen.

Und dann herrscht Schweigen im „Harvard“ der „Großen Mauer“. Nur noch das Geräusch von neuen Reifen auf Asphalt ist zu hören.


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