13. Juni 2008

Bericht aus Peking Zuviel des Guten

Von den Olympiavorbereitungen der Chinesen

„fanle” ruft Cheng Zhixin. Die hochgewachsene Pekinger Studentin, die sich als Büroaushilfe in einem ausländischen Unternehmen etwas dazuverdient, ist gerade das dritte Mal gelaufen: das erste Mal wurde ihr auf der Post erzählt, dass der Stapel Briefe mit einer auf CD gebrannten Produktpräsentation „wegen der Olympiade” nur noch verschickt werden dürfe, wenn eine Bestätigung der Arbeitseinheit vorläge, dass der Inhalt ungefährlich sei. Das zweite Mal erklärte ihr die Postangestellte, dass die Erklärung mit dem offiziellen Stempel der Arbeitseinheit abgestempelt sein müsste, eine Unterschrift der Büroleiterin reiche keinesfalls aus. Als Cheng Zhixin dann das dritte Mal mit dem roten Stempel unter dem Dolument ankam war es bereits zu spät: Ab dem 1. Juni 2008 dürfen zur Verbesserung der nationalen Sicherheit in China überhaupt keine CDs mehr auf dem Postweg verschickt werden. Sollte die Büroleiterin des ausländische Unternehmens deswegen versuchen, die Dateien per Email zu versenden, muss sie viel Geduld mitbringen – das Internet ist auch bei einem ADSL-Anschluss extrem langsam geworden, ständig bricht die Verbindung zusammen.

Über das unzuverlässige Internet ärgert sich auch Meng Weina, die Gründerin von Huiling, einer Organisation, die Menschen mit geistiger Behinderung betreut. Aber das ist nicht das einzige, was sie ärgert: Daran, dass ihre Organisation keinen einzigen Cent von der Regierung bekommt, hat sie sich schon lange gewöhnt und es macht ihr auch nichts aus. 30 Prozent der Kosten tragen die Familienangehörigen. Zur Deckung der restlichen 70 Prozent bietet Beijing Huiling Dienstleistungen wie von geistig Behinderten geführte Touren durch die traditionellen Pekinger „hutong“-Gassen und verkauft kleine Basteleien und Bilder. Und sammelt Spenden. An dem „Nationalen Behindertentag“ veranstaltet Huiling deswegen jährlich eine „Wohltätigkeits-Langsamlauf“-Aktion. Jährlich außer 2008: „Dieses Jahr ist es wegen der Olympiade zu eng“, wurde ihr von Regierungsseite nach gut sechswöchigem Abklappern der verschiedenen zuständigen Polizeistationen, Verwaltungsämter und Straßenkommitees beschieden, „Am Besten, es wird von Aktionen jeglicher Art abgesehen“. Woher sie dies Jahr ihre Spenden bekommen soll wurde ihr nicht mitgeteilt. „Diese Nachricht war wie eine Schüssel kaltes Wasser auf mein flammend patriotisches Herz“, schreibt sie in einem offenen Brief an den Staatspräsidenten Hu Jintao.

Einen Brief hat auch Angela Strathmann geschrieben. Aber nicht an Hu Jintao und auch weniger pathetisch. Ihr Brief richtet sich nur an die Eltern der Schüler der Pekinger Deutschen Botschaftschule, deren Direktorin sie ist: „Drücken Sie mit die Daumen!” appeliert sie in den Mai-Schulnachrichten, „Es bleibt nur die Sorge, ob wir auch tatsächlich vor dem Eintreten der olympischen Vorsichtsmaßnahmen fertig werden, aber wir sind optimistisch!”. Vom 20. Juni bis zum 20 September gilt in Peking ein Baustopp. Auf Pekings insgesamt über 100 Quadratkilometer großen Baustellen gilt ein Verbot für Erdaushubarbeiten, Zementmischen, Betongießen, Verwendung von Lösungsmitteln und Farbsprühen (letzteres auch in Innenräumen), sowie das Verbot von Werbung auf Bauzäunen. Wichtige Zulieferer wie Stahlwerke und die stadtnahen Zementwerke und Steinbrüche werden während der zwei Monate ganz geschlossen. Es ist daher fraglich, ob der Schulanbau vorher fertig wird. Wenn nicht, muss nach den Sommerferien weitergebaut werden. In einer anderen Hinsicht ist die Schule dagegen schon fertig: Sie hat eine „elearning“-Plattform entwickelt, durch die eine „Beschulung” der über 18-jährigen Schüler erfolgen wird, die ihre Visa wegen vor der Olympiade verschärften Bestimmungen nicht verlängert bekommen und sie deswegen nicht pünktlich zum Unterrichtsbeginn erscheinen können.

Aber das sind alles kleine Probleme im Vergleich zu denen, die die Western Academy, eine der besten Privatschulen Pekings, hatte, nachdem ein Angestellter den Satz „Vive la Franc“e unter dem Symbol fünf ineinander verschlossener Handschellenringe in das schulinterne E-Mail System eingestellt hatte.

Gewiss war es auch im Sinn des IOC-Präsidenten Jaques Rogge, dass rund 20 Beamte von Chinas angeblich 30.000 Mann starken Internet-Polizei sämtliche Computer der Western Academy gründlich untersuchten und das verschandelte Olympia-Symbol überall löschten. Überhaupt ist Jaques Rogge unerlässlich dabei, die zahlreichen Verbesserungen zu betonen, die die Vergabe der Olympiade an China bewirkt hat. Vor allem sieht er diese in den folgenden zwei Bereichen:

Zum einen gibt es ein neues Mediengesetz, aufgrund dessen 25.000 ausländische Journalisten zu der Olympiade einreisen und – außer in Tibet – landesweit frei berichten dürfen. Allerdings wird es den 25.000 ausländischen Journalisten zumindest in Peking schwerfallen, kritische und engagierte Gesprächspartner zu finden: „Vor der Olympiade dürfen wir keine ausländischen Journalisten mehr empfangen“, sagt Shi Ming, der Gründer einer kleinen Organisation, die sich für mehr Rechte der fünf Millionen Pekinger Wanderarbeiter einsetzt. Nach Shi Mings Informationen haben alle Pekinger „non-profit“-Organisationen entsprechenden Besuch von der Staatssicherheit bekommen. Und Jaques Rogge äußert sich in Interviews vorsichtig optimistisch, dass der verbesserte Zugang für ausländische Medien auch nach der Olympiade bestehen bleibt.

Der zweite Bereich betrifft „Verbesserungen im Umweltschutz“. Da Jaques Rogge die Luftqualität nicht gemeint haben kann (im Mai 2008 waren aufgrund der starken Feinstaubbelastung nur 13 Tage innerhalb der „Norm“, sieben weniger als im Vergleichzeitraum des Vorjahres) wird sich seine Aussage wahrscheinlich auf das ab dem 1. Juni in Peking geltende Verbot des Verschenkens von Plastiktüten beziehen. Das jedenfalls war in Peking die am deutlichsten spürbare Veränderung.

„Natürlich können Sie sich Ihr Essen einpacken lassen“, sagt die Kellnerin einer Filiale der beliebten Tai-Shu-Xi-Restaurantkette, „aber wir geben Ihnen keine Plastiktüte mehr“. Durch den schmalen Gang zwischen den vollbesetzten Tischen sieht man eine etwa 50-jährige, kräftig gebaute Chinesin drei aus aufgeschäumtem Kunststoff hergestellte Essensboxen balancieren, unter den Zeigefinder der rechten Hand geklemmt hält sie ein paar hölzerne Einweg-Essstäbchen. Vorsichtig versucht sie sich hinter der Kellnerin durchzuquetschen. Umsonst – sie hat die Essensboxen schräg gehalten, aus der mittleren Packung ist eine dünnflüssige dunkelbraune Soße auf ihre Strümpfe und Schuhe geschwappt. „fanle“ ruft auch Sie.

Interessanterweise kann „fanle“, je nachdem, ob es im zweiten (aufsteigenden) oder im dritten (fallend-steigenden) Ton ausgesprochen wird, etwas unterschiedliches bedeuten. „fanle“ im zweiten Ton heißt „Das nervt!“, während es im dritten Ton „Rebellion!“ bedeutet. Wenn die Regierung vermeiden will, dass immer mehr Pekinger vom zweiten zum dritten Ton übergehen, wäre es für sie wahrscheinlich das Beste, es mit den Olympiavorbereitungen nicht zu übertreiben.


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