06. Juli 2008

Russland Der dynamische Riese nebenan

Eine aktuelle Momentaufnahme aus einem Ausnahmeland

Kürzlich besuchte ich Moskau, innerhalb von sieben Monaten mein zweiter Besuch der russischen Hauptstadt, und es ist immer ein überwältigendes Erlebnis. Moskau ist ein Moloch von einer Stadt, eine unvorstellbar riesige Metropole, wo alles ein weit größeres Ausmaß hat als sonstwo in Europa. Die Gebäude sind massiv, die meisten Straßen sind dreispurig in beiden Richtungen, die Menschenmengen sind gewaltig. Die U-Bahn, die berühmt dafür ist, die beste der Welt zu sein, transportiert ein Gewimmel von Millionen von Menschen hierhin und dorthin; die Rolltreppen sind ständig voll von Menschen, die hinauf- und hinabfluten, die Züge sind voll, obwohl jede Minute einer einfährt, absolut pünktlich wie eine Schweizer Uhr.

Das anarchische Gefühl wird durch die entsetzlichen Verkehrsstaus der Stadt gesteigert. Obwohl die U-Bahn gut ist, fahren hunderttausende Moskauer mit dem Auto. Vielleicht ist es für sie ein Statussymbol, mit dem Auto statt mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren. Die Entfernungen sind in Moskau so groß, dass man in dem, was die Innenstadt zu sein scheint, gefühlte Stunden die riesigen Boulevards entlangfahren kann; häufiger jedoch verbringt man echte Stunden im Stillstand, während Autos, Stoßstange an Stoßstange, von einer roten Ampel zur nächsten kriechen.

Verkehrsstaus sind ein Symbol für das pulsierende Leben in Russland heute, mit allem Guten und Schlechten, was es mit sich bringt. Die selben guten und schlechten Seiten zeigen sich in der wirtschaftlichen Dynamik Russlands. Aber der Unterschied im Wohlstand Moskaus zwischen 1988, als ich die Stadt erstmals besuchte, und jetzt, könnte kaum größer sein. Die meisten Autos in den Staus sind Allradfahrzeuge, und die Stadt (zumindest im Zentrum) ist mit teuren Läden und teuren Hotels gefüllt. Mit der für die Nation typischen Neigung für Extreme haben sich die Russen von Almosenempfängern zu Fürsten entwickelt, ohne scheinbar eine Zwischenstufe durchzumachen: Russische Einwanderer in Westeuropa sind nicht, wie die Polen, Raumpfleger oder Bauarbeiter, sondern statt dessen Multimillionäre. In Russland selbst floriert der Mittelstand – zumindest in den urbanen Zentren – und es scheint, als findet man mehr russische Touristen an den angesagten Badestränden der Welt als Deutsche. Unter solchen Bedingungen gewaltigen Wirtschaftswachstums ist jedes Gerede von politischer Diktatur schlicht Unsinn.

Russland ist wie England ein europäisches Land, das sich üblicherweise nicht als Teil Europas betrachtet. Wenn Russen das Wort „Europa“ benutzen, dann meinen sie einen anderen Ort. Natürlich ist Moskau eine europäische Stadt. Sie ist sogar ethnisch homogen, die wenigen früheren Sowjetbürger aus Zentralasien oder dem Kaukasus, und die vielen chinesischen Einwanderer, die man sieht, stellen lediglich einen Tropfen im slawischen Ozean dar. Aber wie Russland selbst ist Moskau mit Europa nicht vergleichbar. Während man die Straßen der Hauptstadt entlanggeht, spürt man irgendwie die Präsenz des weiterhin gigantischen asiatischen Reiches Russlands jenseits der Stadtgrenze, denn trotz der erheblichen territorialen Verluste, die die Russen beim Auseinanderbrechen der Sowjetunion erlitten, erstreckt sich das Land noch immer bis zum Pazifik.

Größe ist das Dilemma Russlands. Viele Philosophen – besonders Nikolai Berdjajew – haben sich über die Wirkung geäußert, die der riesige geographische Raum auf die russische Seele ausübt, wobei einige behaupten, dass Autokratie in diesem Land deswegen unausweichlich ist. Andere haben sich über die Tatsache geäußert, dass, während Größe anscheinend Kraft bedeutet, Russlands riesige Räume oft eine Quelle der Schwäche sein kann. Bekannt ist, dass britische Schiffe im Krimkrieg die Krim schneller erreichen konnten als russische Truppen, die dorthin zu Fuß marschierten, weil es keine Züge gab. Das Land hat unermesslich lange Grenzen, die unmöglich zu überwachen und schwer zu verteidigen sind.

Russlands Größe stellt jedoch auch eine defensive Kraft dar. In den Tiefen der Birkenwälder läuft das russische Leben – das ewige Russland – wie eh und je ab, trotz der stürmischen Veränderungen, die dem Land in zwei Jahrhunderten rapiden wirtschaftlichen und politischen Wandels zugefügt wurden. Dieses Leben, in den zahllosen Porträts des Großbürgertums in ihren Datschen dargestellt, die in der Tretjakow-Galerie zu sehen sind, scheint im wesentlichen unverändert geblieben zu sein, wie man es vom Landleben in England oder Frankreich nicht behaupten kann. Russland ist auch eines der wenigen Länder Europas, wo gewöhnliche Menschen an einen einfachen religiösen Glauben festhalten. Zweifellos ist er weitgehend auf die Ebene eines bäuerlichen Aberglauben herabgesunken (wie zum Teil in Italien), aber Tatsache ist, dass der Anblick eines sich in einem Augenblick der Sorge bekreuzigenden Russen viel wahrscheinlicher ist, als dies bei einem Deutschen, einem Briten oder sogar einem Spanier zu sehen.

Egal, was zutrifft, Russlands Größe bedeutet mit Sicherheit, dass es in kein europäisches System mühelos integriert werden kann. Den Höhepunkt seiner geographischen Präsenz erreichte es während des kalten Krieges, als es die eine Hälfte einer bipolaren Welt war. Derzeit ist Russland ein wenig mehr mit Kanada vergleichbar als mit den Vereinigten Staaten, aber es ist immer noch viel zu groß, um als ein normaler europäischer Staat zu gelten. Seine Größe versetzt Menschen in Angst und macht es dem Rest Europas schwer, es wie ein normales Land zu behandeln.

Russland kann in der Tat niemals ein normales Land sein. Es wird immer eine Welt für sich bleiben. Das ist der Grund, weshalb Europa und der Westen hart daran arbeiten muss, eine respektvolle Einstellung gegenüber Russland zu entwickeln. In der Vergangenheit hat sich die westliche Feindseligkeit gegenüber Russland in Feindschaft gegen „Zarismus“, „Imperialismus“ und Kommunismus manifestiert: Es sind allesamt letztlich Möglichkeiten, die eigenen Übel auf den gefürchteten „anderen“ zu projizieren. Die Teilung Europas in Ost und West geht auf die Gründung Konstantinopels und die Teilung des römischen Reiches in Ost und West im frühen dritten Jahrhundert n. Chr. zurück, wobei Russland jetzt der vorrangige Erbe Byzantiums ist. Die Überwindung einer derart langfristigen Trennung kann nicht mühelos stattfinden. Sie kann überhaupt nur kommen, wenn die zwei Hälften Europas, Russland und der Westen, sich gegenüber wie zwei gleichrangige Vermächtnisnehmer der selben, ungeteilten christlichen Zivilisation verhalten.

 

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere ef-Kolumnen von John Laughland.


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