23. Februar 2009

Allianz des Nordens? Eine Antwort an Srdja Trifkovic

Zunächst muss der Selbstmord der christlichen Zivilisation beendet werden

Vor kurzem besuchte ich die Kathedrale von Orléans. In einem Land großer Kathedralen ist sie eine der größten, ein prachtvolles spätgotisches Gebäude, dessen Innenbau dramatischer in die Höhe ragt als die schwereren Innenbauten von Chartres oder Notre Dame de Paris. Orléans ist auch eine der dramatischsten Städte der französischen Geschichte, der Ort der größten Schlacht des Hundertjährigen Krieges, wo Johanna, die „Jungfrau von Orléans“, die Engländer besiegte und damit ihr Land von den ausländischen Invasoren befreite.

Ich habe kaum schwerere Enttäuschungen erlebt als nach dem Betreten der Kathedrale. Es war natürlich nicht die Architektur, die herrlich ist, sondern die Atmosphäre. Es war wie in einem Leichenschauhaus. Kein Geistlicher trieb sich herum; keine Frau, die Blumengestecke zusammenstellte; keiner, der zur Chorprobe kam oder sie verließ. Es war ganz sicher keine Messe im Gange, und wurde scheinbar nicht einmal erwartet. Die Nebenaltäre waren offenkundig seit Jahrzehnten nicht mehr gebraucht worden. Die prachtvollen neugotischen Beichtstühle setzten still in der Kälte Staub an. Die einzigen Geräusche stammten vom Regenwasser, das reichlich durch das Dach sickerte und an einer der Säulen eine riesige Pfütze bildete, und der lächerliche Klang einer in Endlosschleife spielenden CD mit Verdis Requiem. Es war wie eine Szene aus einem billigen Film, wo ängstliche Reisende auf ein vor kurzem verlassenes Haus stoßen, aber es war beängstigend einfach, sich die Kathedrale wenige Jahrzehnte in der Zukunft vorzustellen, vollständig zerfallen wie so viele Kathedralen und frühere Abteien anderswo in Europa.

Die Wahl des Requiems war natürlich auf unheimliche Weise passend. In ihrem gegenwärtigen Zustand ist die Kathedrale nichts als ein prächtiges Mausoleum für eine tote christliche Kultur – mit dem einzigen Unterschied, dass in modernen Mausoleen wie in denen von Lenin und Atatürk der im Innenraum befindliche tote Mann für seine politischen Handlungen bis zum heutigen Tag verehrt wird. Im Gegensatz zu ihnen ist die christliche Kultur Europas nicht mit einem Knalleffekt, sondern ruhmlos gestorben.

Missmutige Gedanken wie diese kreisen mir im Kopf herum, wenn ich großartige Lobschriften wie Srdja Trifkovics kürzlich erfolgten Aufruf zur Errichtung eines „Nordens“ lese, das heißt einer politischen Allianz der Vereinigten Staaten, Europas und Russlands, der den sogenannten „Westen“ ersetzen soll, der unter Führung Amerikas genau darauf abzielt, jene Verbindung zu kappen, die ansonsten auf natürliche Weise zwischen den europäischen Nationen und jenen der Neuen Welt bestünde. Die USA hat seit dem Ende des Kalten Krieges alles getan, um die künstliche Spaltung, die den Kontinent durchzieht, mit dem geopolitischen Ziel aufrecht zu erhalten, Russland immer weiter nach Osten und Norden zu drängen, indem die amerikanische Vorherrschaft auf die Ukraine und das Schwarze Meer ausgedehnt wird, die beide zum natürlichen geopolitischen Raum Russlands gehören. Es ist ein lächerliches und groteskes Projekt und ich hoffe, dass es schnell scheitert, wie schon im letzten August, als Georgien Südossetien angriff und eine russische Antwort sowie die Entsendung russischer Truppen in zwei abtrünnige georgianische Provinzen provozierte.

„Der Westen“ ist in der Vergangenheit oft ein ziemlich lächerlicher politisch-kultureller Begriff gewesen. Wie der große Mittelalterforscher Ernst Kantorowicz in einem 1942 geschriebenen Aufsatz, „The Problem of Medieval World Unity“ [1], hinwies, war es eine Phantasie der Westeuropäer des Mittelalters, sich das Heilige Römische Reich als „Christenheit“ vorzustellen, da es natürlich im Osten das rivalisierende „Römische Reich“ gab, dessen Fundament Byzanz war. Die Byzantiner verstanden sich ebenfalls als Träger des universellen Christenheit und betrachteten das westliche Reich lediglich als eine irrelevante und respektlose Konstruktion fränkischer Könige. Dies war trotz der Tatsache der Fall, dass sowohl das westliche wie das östliche Reich vom Islam militärisch wie religiös bedroht war – und beide innerhalb von Jahrzehnten seit der Gründung dieser Religion. Mit der Schlacht von Poitiers im Jahr 732 begann der Westen, den Islam zurückzuschlagen; der Osten fiel sieben Jahrhunderte später. Aber der Druck, der vom Islam ausging, schärfte das Bewusstsein der Christen aufs äußerste und es ist tatsächlich unmittelbar nach der Schlacht von Poitiers, dass der Begriff „Europäer“ zum ersten Mal verwendet wird. [2]

Vielleicht führt die islamische Bedrohung jetzt zu einem ähnlichen Gefühl, dass das, was Dmitry Rogozin, der russische Botschafter bei der NATO, den Srdja Trifkovic zitiert, „die weiße nördliche Hemisphäre“ nennt, zusammenhalten muss oder getrennt erhängt wird. Leider glaube ich, dass die vorgeschlagene Lösung – eine Allianz Russlands, Europas und der USA – nicht nur in einer, sondern in zweierlei Hinsicht am Wesentlichen vorbeigeht.

Erstens, und Srdja Trifkovic wird der erste sein, der hier zustimmt, leiden Europa und Russland unter einem katastrophalen demographischen Zusammenbruch. Selbst Amerikas prognostiziertes Bevölkerungswachstum wird der Einwanderung geschuldet sein. Mit anderen Worten, die christliche Zivilisation wird nicht, wie in der Vergangenheit, von außen von aggressiven Jihadisten oder von türkischem Expansionismus bedroht. Sie ist aufgrund ihres eigenen materialistischen Selbstmordes gefährdet – ein in die Länge gezogener und zielstrebiger Selbstmord, der jetzt seit Jahrzehnten in Gang ist und der nicht nur in der Weigerung besteht, Kinder zu bekommen (ein unverhohlenes Zeichen, falls je eines nötig war, dass moderne sogenannte „progressive“ Europäer und Amerikaner nur an die Gegenwart denken und nie an die Zukunft), sondern auch in der vorsätzlichen Preisgabe der christlichen Religion, was das leckende Dach in einer menschenleeren Kathedrale auf perfekte Weise versinnbildlicht.

Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil ist jede Ausbreitung des christlichen Glaubens ausschließlich ein Phänomen der Dritten Welt gewesen, unterstützt von einer Liturgie, die ebenso stumpfsinnig wie hässlich ist. Das Ergebnis ist, dass die Belegschaft der großen katholischen Heiligtümer in Paris (zum Beispiel die wunderbare Medaillen-Kapelle an der rue du Bac) gänzlich aus philippinischen Nonnen besteht, eine erfreuliche Ironie, da der Sitz der „Missions étrangères“, die seit dem 17. Jahrhundert Asien evangelisierte, gleich nebenan ist. Die Natur verabscheut ein Vakuum und ist es daher ein Wunder, dass der Islam dort hingeht, wo Christen sich zu zeigen fürchten? „Nicht durch die Schuld der Sterne, lieber Brutus, durch eigne Schuld nur sind wir Schwächlinge.“

Zweitens, und gleichzeitig, meine ich, dass solche großartigen geopolitischen Pläne eine Ablenkung sind. Die natürliche politische Einheit ist die Nation. Es ist diese Einheit, die ihren Bürgern einleuchtet, weil sie real ist. Nationen sind nicht-reduzierbare Tatsachen der politischen Geographie, etwa wie Berge in der üblichen Geographie und vergleichbar einer Familie mit Staat, und der Versuch, sie zu übersehen oder zu überwinden, ist absurd und gefährlich. Zweifellos kann uns die Vorstellung einer großen Allianz gegen eine revanchistische oder muslimische Dritte Welt einen Schauer der Erregung und einen Moment der Flucht vor der Realität unserer vorsätzlichen Selbstzerstörung geben. Aber sie ist genau das – eine Idee, ein Wunsch, ein Traum – nicht ein realistisches politisches Projekt.

Selbst wenn die Menschen existierten, die sie umsetzen würden, würde sie nicht Bestand haben. Wenn sich selbst die tiefgläubigen Christen, die die östlichen und westlichen Reiche führten, im 8. Jahrhundert nicht gegen die Muslime verbünden konnten, die Frankreich und Spanien überrannt hatten; wenn die venezianischen Kreuzritter, anstatt das Heilige Land im Jahr 1204 zurückzugewinnen, die Hauptstadt des östlichen Reiches plünderten; wenn die Griechen den Sultansturban dem Kardinalshut vorzogen, als sie 1439 die im Rat von Florenz erreichte und unterzeichnete Vereinbarung zur Wiedervereinigung der westlichen und östlichen Kirchen zurückwiesen, dann besteht wirklich nicht viel Hoffnung, dass uns das diesmal gelingt. Viel besser wäre es, erstmal unsere eigenen Häuser in Ordnung zu bringen, das alleine ist schon eine monumentale Aufgabe. Wenn wir das getan haben, können wir anfangen, über große Allianzen zu reden.

 

[1] Nachdruck in Ernst Kantorowicz, “Selected Studies”, Locust Valley, J.J Augustine Publisher, 1965, S.78

[2] Siehe Roberto de Mattei, “De Europa, Tra radici cristiani e sogni postmoderni”, Roma: Casa Editrice Le Lettere, 2006, S. 84.


Internet:

Srdja Trifkovic – The North Worth Saving

Information:

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 17.02.2009 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


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