20. November 2008

US-Wahl und Europa Obamanie und der amerikanische Mythos

Die EU verkörpert die amerikanische Ideologie

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Obamanie. Der alte Kontinent befindet sich in kollektiver Verzückung über die Wahl Barack Obamas zum amerikanischen Präsidenten. Jeder Schritt und jede Entscheidung des designierten Präsidenten ist Gegenstand sklavischer und vergötternder Berichterstattung in der europäischen Presse: Wird Obama weiterhin ein BlackBerry benutzen? Was für einen Hund wird Obama für das Weiße Haus kaufen? In was für einem gepanzerten Wagen wird er fahren? In europäischen Hauptstädten geben Leute private Parties, um die Wahl Obamas zu feiern, während der neue Präsident eingeladen wurde, im Europaparlament zu sprechen und im April am Gipfeltreffen der Europäischen Union teilzunehmen.

Der Grund für diesen Erguss ist nicht schwer zu begreifen. Barack Obama repräsentiert im höchsten Grade all die Werte, die den europäischen Eliten lieb und teuer sind – Jugend, Fortschritt, Innovation und, vor allem, Multikulturalismus. Während Obama vor dem Obersten Gericht zum Beweis herausgefordert werden soll, dass er in Hawaii und nicht in Kenya geboren wurde – was ihn für das Amt des Präsidenten der Vereinigten Staaten disqualifizieren würde –, sind es gerade seine Fremdartigkeit und sein ethnisch gemischter Hintergrund, den viele europäische Führer an ihm höchst attraktiv finden.

Obama entspricht exakt den postmodernen, postnationalen und multiethnischen Phantasien, denen sich europäische Führer hingeben – und die zu realisieren sie sich seit Jahrzehnten mit der Schaffung der Vereinigten Staaten von Europa abmühen. Das europäische Projekt ist letztendlich ideologisch amerikanisch. Nicht nur, dass es von Anbeginn von den USA (einschließlich der CIA) unterstützt und initiiert wurde (siehe Gerd Lunestad, “Empire by Integration”, Oxford University Press, 1998); sondern sein ganzer Symbolismus und sein Vokabular – von den Sternen auf der Flagge bis zur Verwendung des Wortes „Konvent“ zur Bezeichnung des 2002 bis 2004 mit der Ausarbeitung der europäischen Verfassung beauftragten Komittees – fußt auf dem amerikanischen Modell.

Es fußt insbesondere auf das, was ich den amerikanischen Mythos nenne. Die Leute sprechen oft über den „amerikanischen Traum“, womit sie normalerweise etwas ziemlich banales darüber sagen wollen, wie Menschen den sozialen Aufstieg von ganz unten zu Positionen mit großer Machtfülle schaffen. Aber Amerika selbst verkörpert einen anderen Traum, oder Mythos, der mit dem ersten verknüpft ist, nämlich, dass ein Staat auf der Grundlage vertraglich festgelegter und universal gültiger Werte gegründet werden und dauerhaft existieren kann, ohne seine Legitimität aus den Launen der Geschichte oder der Geographie zu schöpfen. Dies ist der wahre amerikanische Traum.

Wir können das an der Art erkennen, wie Amerikaner ihren Staat oft als „jung“ bezeichnen. In Wahrheit ist der amerikanische Staat nicht jünger als andere Staaten, die sich niemals so bezeichnen, Australien oder Kanada zum Beispiel. Der Grund für den Unterschied ist, dass Amerikaner glauben, dass ihr Land eine neue und andere Gesellschaftsform repräsentiert, geschaffen von den „Gründervätern“, „ex nihilo“ auf der Grundlage rationaler Prinzipien. Diesem Traum gemäß leben diese Prinzipien heute weiter fort und bilden weiterhin, als eine Art Notwendigkeit statt eines historischen Zufalls, die Grundlage für die fortgesetzte Existenz des amerikanischen Staates. In diesem Sinn ist der amerikanische Traum eine Art semireligiöser „Bund“, der niemals veraltet, weil er aufgrund des Festhaltens jedes individuellen Amerikaners an den Gesellschaftsvertrag ständig erneuert wird.

Die europäischen Eliten fühlen sich dieser – meiner Ansicht nach völlig falschen – Version der Geschichte stark hingezogen. Sie wollen für Europa das Gleiche: sie wollen die uralten Nationalstaaten Europas in eine postmoderne, posthistorische, postgeographische und natürlich postnationale Zukunft zusammenführen, in der „französisch“ und „deutsch“ wenig mehr als folkloristische Bedeutung haben werden. Sie wollen, dass alle europäischen Gesellschaften multikulturell und multiethnisch sind. Sie wollen die muslimische Türkei in die EU hineinlassen, um ihre Sache unter Beweis zu stellen. Sie möchten eine Art von Politik betreiben, die leugnet, dass sie überhaupt Politik ist und tun statt dessen so, als ob sie eine gigantische humanitäre Friedensmission erfüllen. Sie sehen sich nicht als Politiker, die in der realen Welt Macht ausüben, sondern als semimessianische Figuren, etwa so wie Barack Obama. Sie betrachten sich als der selben ideologischen Gemeinschaft wie die der Amerikaner zugehörig, eine Gemeinschaft, die ihnen erlaubt, die Gesetze der Geographie und der Geschichte zu brechen und sich einem Tausenden von Kilometer entfernten Land näher zu fühlen als ihren unmittelbaren Nachbarn. Als der Hohe Vertreter für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU, Javier Solana, vor der amerikanischen Wahl eine Rede hielt, sagte er, dass Europa und Amerika zusammen „eine Kraft des Guten in der Welt“ seien.

Eine der vielen negativen Ergebnisse hiervon ist meiner Ansicht nach der Schaden, der den europäisch-russischen Beziehungen zugefügt wird. 1991 ließ Russland jeden Schein fallen, dass es einen Traum mit universeller Anziehungskraft für die ganze Menschheit verkörpere. Dieser Traum – der Kommunismus – hatte das Land an den Rand der Vernichtung geführt. Jetzt ist Russlands Politik zutiefst anti-ideologisch und pragmatisch, so sehr sogar, dass es kaum einen Unterschied zwischen dem Staat und den zahlreichen Mega-Unternehmen des Landes gibt, die Rohstoffe und Energie liefern. Weil sich Russland jetzt resolut weigert, irgendeinen „Traum“ zu verkörpern und statt dessen auf der Grundlage solider wirtschaftlicher Beziehungen und gegenseitigem geopolitischen Respekts normale internationale Beziehungen mit Europa pflegen will, wird es gemieden und statt dessen als Bedrohung betrachtet. Schlimmer noch, es wird als Verkörperung einer reaktionären Kraft angesehen – eine, die sich weigert, sich dem kollektiven Traum anzuschließen und statt dessen Politik betreiben will.

Es ist ein lächerlicher Zustand. Russland ist Europas geographischer Nachbar; die meisten Kontinentaleuropäer könnten mit ihren Autos dort in sehr viel kürzerer Zeit sein, als es braucht, die USA zu durchqueren. Russen sind offensichtlich selbst Europäer. Russland versorgt Europa mit dem, was es braucht (Energie und Rohstoffe), während Europa Russland mit dem versorgt, was es braucht (Hightech und Präzisionstechnik). Nach welchem Wertmaßstab sollten Europäer die Wahl eines amerikanischen Präsidenten als etwas behandeln, das so eng mit ihnen verknüpft ist, dass man manchmal den Eindruck hat, Barack Obama sei persönlich zu ihnen ins Haus gekommen und habe an ihrem Küchentisch Platz genommen, während ihre Medien gleichzeitig jeden Schritt des viel näheren russischen Präsidenten als verdächtig, unheilvoll und bedrohlich abtun? Die Welt steht gewiss auf dem Kopf.


Information:

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 19.11.2008 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


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