11. Juli 2008

Einwanderung Was ist eine Nation?

Eine Familie, keine Wertegemeinschaft

„Was ist eine Nation?“ lautete die berühmte Frage Ernest Renans im Jahr 1882 und er kam zum Ergebnis, dass sie eine Gruppe von Menschen sei, die entschieden hatten, zusammen zu leben. Diese Definition blieb hängen, denn sie bringt den am meisten gehegten Glaubenssatz aller Linken auf den Punkt, nämlich dass sich das menschliche Leben im wesentlichen um individuelle Auswahl dreht. Der Glaube ist seit über einem Jahrhundert populär geblieben und zeigt sich in Begriffen wie „Verfassungspatriotismus“ und, was noch wichtiger ist, in der sehr weit verbreiteten Vorstellung von Multikulturalismus.

Selbst Renans Definition enthält jedoch Pfusch – einen Pfusch, der notwendig war, um zu verhindern, dass seine Idee auf die Stufe offensichtlicher Absurdität herabsinkt. Er sagte, dass eine Nation eine Gruppe von Menschen war, die in der Vergangenheit großartige Dinge vollbracht hatten und die in der Zukunft mehr zustande bringen wollten. Die Verwendung von „wollten“ war notwendig, um seinen Schlüsselbegriff der Auswahl zu bewahren, aber aufgrund seines Bezuges auf die Vergangenheit wurde es unsinnig. Die Menschen, die in der Geschichte großartige Dinge vollbracht haben sind nicht die selben Menschen (nicht die selben Individuen), die heute leben. Es ist daher falsch, die zwei Bedeutungen des Wortes „people“ in einen Begriff zu verschmelzen. Ein Volk („a people“) kann nicht durch Auswahl definiert werden: Wenn Mitglieder einer Nation finden oder glauben, dass ihr Land eine glorreiche Vergangenheit hat, dann ist diese Vergangenheit, wie die eigenen Eltern, etwas ererbtes und nicht etwas ausgesuchtes. Die eigenen Eltern determinieren ein Individuum auf eine Art und Weise, die das Individuum nicht ausgesucht hat und nicht bestimmen kann.

Die Doktrin des Multikulturalismus leitet sich direkt von Renan ab, weil sie behauptet, dass Menschen auf der Grundlage simpler Auswahl in einem Staat zusammen leben können. Die Idee ist, dass Individuen aus der ganzen Welt kommen können und in Frieden und Harmonie leben können, während sie Elemente ihrer verschiedenen kulturellen Herkünfte bewahren.

Ein großer Teil der Gegnerschaft gegen den Multikulturalismus ist jedoch auch grundsätzlich links und renenianisch. Wie es sich trifft, wurde der Multikulturalismus, obwohl er viele Jahre lang ein Slogan der Linken gewesen ist, in Grundsatzreden Tony Blairs und einer seiner Ministerinnen im Jahr 2006 förmlich fallen gelassen. Im Eifer des „Krieges gegen den Terror“, den sie energisch unterstützt hatten, und der die Emotionen gegen Muslime in Großbritannien erhitzt hat, sagten der Premierminister und Ruth Kelly – die damals die „Ministerin für Gemeinschaften“ war –, dass Multikulturalismus nun in Wirklichkeit veraltet war. Sie argumentierten, dass Einwanderer sich grundlegenden britischen Werten anpassen müssten, wenn sie im Land bleiben wollten, und sie griffen den Multikulturalismus dafür an, den sozialen und gesellschaftlichen Zusammenhalt untergraben zu haben.

Kelly sagte: „In unserem Bemühen, das Aufzwingen einer einzigen britische Identität zu vermeiden, haben wir im Ergebnis einige Gemeinschaften bekommen, die isoliert voneinander leben, die untereinander keine Verbindung haben?“ (Rede vom 24. August 2006). Und Blairs Rede, mit dem Titel „Die Pflicht zur Integration: Gemeinsame britische Werte“ (gehalten am 8. Dezember 2006) schloss mit einem machtvollen und ziemlich aggressiven Satz, der ihn nur wenige Jahre zuvor als Rechtsextremen gebrandmarkt hätte: „Unsere Toleranz ist Teil dessen, was Großbritannien zu Großbritannien macht. Also passt Euch daran an; oder kommt nicht hierher!

Gordon Brown hat, mit seiner ziemlich ungelenken Betonung der britischen Wesensart und der Notwendigkeit, diese zu fördern, weitergemacht. Um sie zu stärken, hat er sogar eine ziemlich sowjetisch und amerikanisch klingende „Veteranentag“-Feier eingeführt. Trotz ihrer konservativen Erscheinungsformen bleiben diese Ansichten fundamental links. Der Grund hierfür ist, dass sie, obwohl sie das multikulturelle Paradigma für sozialen Zusammenhalt auf den Kopf gestellt haben, das Schlüsselelement der Auswahl beibehalten. Einwanderern wird gesagt, dass sie zwischen Anpassung oder Wegzug auswählen müssen, während Briten im allgemeinen gesagt wird, dass ihre Nation im Wesentlichen aus Werten besteht. Hat aber nicht die jüngste Erfahrung gezeigt, dass das Einimpfen eines einzigen Wertekanons in Wirklichkeit keinen Zusammenhalt multiethnischer Gesellschaften erzeugen kann?

Angeregt wurden meine diesbezüglichen Gedanken von aktuellen Fotos einer großen Gruppe von jungen Menschen, die anlässlich des Mordes an ihrem Freund Ben Kinsella, der vor einigen Tagen in den Straßen Londons erstochen worden war, eine Demonstration veranstalteten. Es hat in London eine Explosion von Messerstechereien gegeben, die zum Teil eine Folge einer sich ausbreitenden Messerkultur unter vorwiegend aus Schwarzen bestehenden Banden sind – und zum anderen Teil eine Folge des Zusammenbruchs der Polizeiarbeit und des sozialen Zusammenhalts überhaupt. Wie in vielen westlichen Gesellschaften bringen gewöhnliche Menschen der Polizei keinen Respekt entgegen und die Polizei selbst animiert kaum dazu. In meiner Straße in London kannte jeder den örtlichen Ladenbesitzer, aber keiner kannte die örtlichen Polizisten, weil sie niemals irgendwo zu sehen waren. Als sie sich an der Aufklärung eines Bagatelldelikts versuchten (wie den Diebstahl meines Rades, was sie nur unter intensivem, über viele Monate hinweg ausgeübtem Druck meinerseits taten), stellten sie üblicherweise fest, dass die von ihnen befragten Personen sich weigerten, auch nur ihren Namen zu nennen.

Die Fotos der Demonstration sind aufgrund der Tatsache bemerkenswert, dass fast jeder junge Mensch darauf weiß ist. Dies ist ein seltener Anblick in London, besonders im East End, wo die Einwanderung besonders stark ist. Er ist eine starke Andeutung dafür, dass jahrzehntelanges Predigen über interrassische Toleranz darin versagt hat, die Menschen in Großbritannien über die ethnischen Trennlinien hinweg zu vereinen. Nun, es ist klar, dass eine Straßendemonstration von jungen Menschen, die schockiert und bestürzt über einen sinnlosen Mord sind, keine Nation ist. Aber da ich die Möglichkeit absolut ausschließe, dass sich diese Gruppe weißer Menschen aktiv dafür entschieden hat, Schwarze in ihrer öffentlichen Versammlung nicht zuzulassen, enthüllt ihre unausgesprochene Entscheidung – ihr Instinkt –, sich zu versammeln, eine Menge über die Natur menschlicher Handlung. Sie enthüllt insbesondere, dass Auswahl und Verhaltensformen tatsächlich zum Teil von der Ethnizität determiniert sind – sehr oft, ohne dass die Menschen sich dessen bewusst sind.

Der renanische Versuch, eine Sphäre für das liberale Ideal der freien individuellen Auswahl herauszuarbeiten, ist daher zum Scheitern verurteilt. Wie Joseph de Maistre sagte, dass er niemals einen „Menschen“, sondern nur Franzosen, Engländer und so weiter getroffen habe, so sind unsere freien, individuellen Auswahlentscheidungen in Wirklichkeit von Faktoren beeinflusst, die wir uns nicht ausgesucht haben. Diese umfassen unsere Eltern, unsere nationale Identität und unsere ethnische Herkunft. Sie formen einen Teil dessen, was wir als Individuen sind – wir sind alle Mitglieder verschiedener menschlicher Gruppen; und der menschliche Zustand ist ohne sie undenkbar.

Mit anderen Worten: Eine Nation ist keine „Wertegemeinschaft“, auch kein unpersönliches, gesellschaftliches, bestimmten Gesetzen unterworfenes Konstrukt. Eine Nation – abgeleitet, wie das Wort andeutet, vom Verb „geboren werden“ – ist eine Familie. Eine Familie kann die Quelle großer Liebe, Gleichgültigkeit oder sogar brudermörderischer Konflikte sein, genau wie eine Nation Zusammenhalt, soziale Ausgrenzung oder Bürgerkrieg erfahren kann. Sicherlich können Nationen Menschen in ihrer Mitte willkommen heißen, die nicht ursprüngliche Mitglieder sind, genau wie sich eine Familie ausdehnen kann, indem sie Angeheiratete aufnimmt. Beide können und sollten ihnen gegenüber tolerant und freundschaftlich sein. Aber letzten Endes sind Nationen, wie Familien, eine Körperschaft aus Menschen, die miteinander blutsverwandt sind.

Diese grundsätzliche Tatsache bleibt unabhängig davon bestehen, welche Auswahl die Individuen selbst treffen mögen. Sie determiniert die Entscheidungen der Menschen nicht absolut, aber sie beeinflusst sie. Die Erfahrung der zweiten und dritten Einwanderergeneration in Europa, deren Eltern oder Großeltern entschieden hatten, in ein neues Land zu ziehen, und die selber entschieden haben, dort zu bleiben, zeigt oft, dass sie der Wahrheit entspricht: Trotz ihrer individuellen Entscheidung bleibt das Verhalten der Menschen oft ethnisch geprägt und kulturell verschieden von dem der Gastgebernation, besonders, wenn sie einer anderen Rasse entstammen.

Durch linke Ideologie haben europäische Nationen systematisch jene Werte zerstört, die sie, als erweiterte Familie, einst verkörperten. Den Eintritt einer sehr großen Zahl von Menschen in ihrer Mitte, die niemals Teil der Familie sein werden, verschärft ein bereits ernstes Problem gesellschaftlicher Ausrenkung. Der Versuch, durch die Betonung von Werten diesen Trend umzudrehen, mag ein löblicher sein, kann aber niemals gelingen, weil das linke Paradigma, auf das er basiert, falsch ist. Es geht davon aus, dass menschliche Gesellschaften mit Privatunternehmen vergleichbar sind und auf der Grundlage eines Vertrages bestehen, während sie statt dessen mit Familien vergleichbar sind und auf der Grundlage der Prinzipien Blutsverwandtschaft und Vaterschaft bestehen. Das ist etwas, was durch noch so viel politische Sophisterei nicht versteckt werden kann.

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Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere ef-Kolumnen von John Laughland.


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