26. Juli 2008

Radikale Studenten 1933. 1968. Heute.

Erschreckende Parallelen

Wer die Deutungshoheit über die Vergangenheit besitzt, der sitzt an den Schalthebeln der kulturellen Macht. Kein Wunder also, dass 40 Jahre nach 1968 das konservative Lager einen neuen Anlauf macht, eine allgemeinverbindliche Sprachregelung darüber durchzusetzen, was die Jugendrevolte von damals wirklich war, nämlich die Brutalo-Nummer einer Generation, das System der Bundesrepublik Deutschland zu stürzen, koste es, was es wolle. Die sieggewohnten 68er, denen allmählich die Luft ausgeht, weil sie an der Pensionierungsgrenze stehen und auf den Sesseln der finanziell verwöhnten Institutionen fett und intellektuell träge geworden sind, versuchen zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Mit einer Mischung aus trotziger Überheblichkeit und dem Wissen darüber, dass ihre Zeit abgelaufen ist, versuchen sie den Bürgern klar zu machen, dass 68 das Geburtsjahr der modernen Zivilgesellschaft in Deutschland gewesen sei. Doch zu groß sind die Folgeschäden des antiautoritären Amoklaufs – Werteverfall allenthalben, ein ruiniertes Bildungssystem, eine Geisteshaltung, die der eigenen Nation eher den Tod als ein prosperierendes Fortkommen wünscht – als dass sie geflissentlich übersehen werden könnten.

Unter den vielen Veröffentlichungen anlässlich des 40-jährigen Jubiläums ragt eine besonders heraus; ich meine das Buch von Götz Aly: Unser Kampf 1968. Die Assoziation, die sich beim Lesen dieses Titels einstellt, ist gewollt. Sie ruft Adolf Hitlers programmatische Schrift Mein Kampf in Erinnerung. Der Berliner Historiker (Jahrgang 1947, in den turbulenten Jahren des studentischen Protests selber auf den Barrikaden stehend) zieht unter anderem Parallelen zwischen dem Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund und dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund, der 1968 an der Spitze der Rebellion stand. Auf den ersten Blick erscheint dieser Vergleich ungehörig, ja wir, die wir durch die jahrelange Gehirnwäsche unserer scheinbar so aufgeklärten und linksdurchwirkten Gesellschaft stromlinienförmig zurecht gelutscht wurden, sind einen Moment lang fassungslos. Hat man uns nicht eingetrichtert, dass die Nennung Nationalsozialismus und Sozialismus in einem Atemzug etwas Sakrosanktes an sich hat? Und jetzt das! Aber Götz Aly, dem wir für seinen Mut an dieser Stelle ausdrücklich danken möchten, führt überzeugende Gründe für seine These an. Und so lesen wir in seinem Buch:

„Zur Militanz gehörte der „rechtsstaatliche“ Aufschrei im passenden Moment: ‚44 Stunden Haft! Unerhörte Polizeischikanen gegen deutsche Studenten’ titelte ‚Die Bewegung’ Ende Januar 1931. Im Innenteil folgte die Empörungsreportage ‚Der Gummiknüppel wütet’. Sie handelte von den Versuchen der braunen Studenten in Heidelberg, Professor Emil Julius Gumbel als unerwünschten Juden, Sozialdemokraten und aktiven Pazifisten vom Campus zu treiben. Die Nazistudenten, die auch den AStA (Allgemeinen Studentenausschuss) beherrschten, hatten eine verbotene Demonstration auf dem Universitätsplatz organisiert, Verstärkung aus dem Umland herangeholt und sich mit Stahlruten und Knüppeln bewaffnet. Sie fühlten sich ‚von einem sterbenden System in ihrer freien Meinungsäußerung terrorisiert’. Die städtische Polizei schritt massiv ein. Sie räumte den Platz. Die Studenten zogen sich in das Unigebäude zurück, trieben jüdische und sozialistische Studenten hinaus und begannen sich zu verbarrikadieren. Es kam zu massiven Auseinandersetzungen. Der Rektor vermittelte und erreichte den freien Abzug der braunen Studenten. Da diese die Justiz für einen Teil des herrschenden Systems hielten, richteten sie einen eigenen Untersuchungsausschuss ein. Dessen Bericht ähnelt den Dokumentationen, die die Untersuchungsausschüsse der Achtundsechziger später lieferten, in frappierender Weise…“

Beide Bewegungen hassten niemanden so sehr wie den Bürger, jenes Mitglied der Gesellschaft, das mit seiner Arbeitskraft und seinem in vielen Fällen selbstlosen Einsatz das System auf Laufen hält. Für die Extremisten beider Seiten gilt er als der „Spießer“. In diesem Zusammenhang schreibt Götz Aly:

„Wenig später publizierte Schirach folgenden antiautoritären Bocksgesang: ‚Wir hassen den Spießer. Sein geliebtestes Wort ist Ruhe und Ordnung. Wenn er eine Festrede hält, wird er patriotisch und schwenkt begeistert seinen Bierkrug. Im Übrigen ist er für friedliche Entwicklung und angenehmen Dauerschlaf auf der Ofenbank. Er trägt – körperlich wie seelisch – Filzpantoffeln. Während der Revolution sitzt er im Keller seines Hauses, ist sie vorüber, steht er auf dem Boden der Tatsachen.“ Das erinnert sofort an Schirachs Nachfahren von 1968, etwa an das Gedicht ‚Mitläufer’ von Friedrich Christian Delius, abgedruckt 1968 im Kursbuch 15: ‚Er entwickelt eine Art Frömmigkeit, / Die hockt und horcht auf irgendeine Gelegenheit / Zur braven Tat, um dann ganz hingerissen / Sich auszuruhn auf schon bekannten Kompromissen. / Keiner spukt ihm ins Bier, drum fühlt er sich stark. / Kein Wasserwerfer traf ihn, und sonntags im Park / Machten nichtsnutzige Rentner ihn immer sensibler, / Machten Zeitungen die Umwälzung täglich plausibler.’“

Anhand einer Reihe von Beispielen macht der Autor deutlich, wie sehr die Techniken der Mobilisierung von Gesinnungsgenossen, der politische Utopismus und die antibürgerliche Geste der beiden radikalen Studentenorganisationen einander ähnelten. Doch entscheidende historische Zusammenhänge sorgten dafür, dass die eine Bewegung erfolgreich agierte (nämlich die von 33) und die andere nicht – Bonn war nicht Weimar. Vor 75 Jahren befand sich Deutschland in einer Phase, die einen Wechsel des politischen Systems begünstigte: die Wirtschaft lag am Boden, der Vertrag von Versailles hatte in weiten Kreisen der Bevölkerung helle Empörung ausgelöst, die Radikalen der NSDAP besaßen in Adolf Hitler einen charismatischen Führer. Das alles konnte der SDS 1968 nicht bieten – die Wirtschaft wuchs und bescherte den Menschen einen sich immer weiter vermehrenden Wohlstand, mit der Teilung des Landes als Folge des verlorenen Zweiten Weltkriegs hatte man sich weitgehend abgefunden und Rudi Dutschke, der als einziger herausragende rhetorische Fähigkeiten besaß, wurde auf dem Höhepunkt der Revolte Opfer eines Anschlags. Und: Der nationalsozialistische Deutsche Studentenbund konnte sich, im Gegensatz zum SDS, auf eine in der Bevölkerung verankerte Partei stützen, die ihm Rückhalt und Perspektive bot.

Wenn Bonn nicht Weimar war, ist dann Berlin Weimar? Noch ist es nicht soweit, aber was nicht ist, kann noch werden – und die ersten Menetekel können wir an den Wänden unserer Häuser lesen. Noch wächst die Wirtschaft (wenn auch nur minimal), aber führende Wissenschaftler haben bereits darauf hingewiesen, dass das ökonomische Wachstum in absehbarer Zeit eine erhebliche Delle abbekommen könnte. Und niemand kann verlässlich prognostizieren, wann der stetig steigende Ölpreis der Konjunktur endgültig den Garaus machen wird. Und die Demokratie, die wir als so gefestigt und selbstverständlich ansehen wie der bayerische Almbauer die Zugspitze, ist in vielen Köpfen auch nicht mehr das, was sie schon einmal war. Einer Umfrage der SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) zufolge glaubt jeder dritte Bundesbürger nicht mehr daran, dass die Demokratie die Probleme unseres Landes löst, in den neuen Bundesländern ist es sogar jeder zweite. Überraschend war nach Ansicht der Meinungsforscher, dass sich nicht nur wirtschaftlich schwächere Schichten ihre Distanz zur Demokratie zum Ausdruck brachten, sondern der Glaube an die herrschenden politischen Strukturen insgesamt und geradezu dramatisch zurückgegangen ist. „Das deutet darauf hin, dass viele Menschen fürchten, demnächst abzurutschen, und sie machen das System dafür verantwortlich“, erklärte Frank Karl von der FES. Der Umfrage nach fühlen sich lediglich 62 Prozent der Bürger gerecht behandelt, während jeder Vierte angab, ungerecht behandelt zu werden.

Noch handelt es sich mehr um eine „gefühlte“ Abwärtsspirale, die in der Umfrage zum Ausdruck kommt. Doch was geschieht, wenn die Konjunktur tatsächlich einbricht, wie das in den Zwanziger Jahren im vergangenen Jahrhundert gewesen ist? Wenn die Zahl der Arbeitslosen nicht mehr abnimmt, sondern sprunghaft steigt, wenn die Finanzen des Staates und der Sozialversicherungen völlig aus dem Ruder laufen und nicht mehr, wie es augenblicklich der Fall ist, mit Müh und Not unter Kontrolle gehalten werden können? Ja, was geschieht dann?

Die revolutionären Studenten standen 1968 allein auf der Straße. Sie konnten nicht auf die Solidarität der arbeitenden Bevölkerung rechnen und scheiterten deshalb. Doch heute ist die Linkspartei in den politischen Ring gestiegen. Sie kanalisiert das Missbehagen beträchtlicher Teile der Bevölkerung, gibt ihnen Ziele vor und verleiht ihren heimlichen Wünschen die nötige  Durchschlagskraft. In Oskar Lafontaine besitzt sie einen Demagogen von hoher Qualität, der es versteht, die Menschen mitzureißen. Für alles und jedes hält die Linkspartei die passende Antwort bereit; sie ist ebenso eingängig wie einfach, sie benennt die Schuldigen (das System, die Reichen) und nährt die Hoffnung, dass paradiesische Zustände möglich sind, wenn die Schuldigen abgestraft und zum Teufel gejagt werden.

Auch an den Universitäten sind die Anhänger der Linkspartei und ihrer Gesinnungsgenossen aktiv. Und hier schließt sich der Kreis – ähnlich wie der Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund und der SDS vor 40 Jahren marschieren heute Studenten als Speerspitze der Revolution vorne weg. Sie sind in der Wahl ihrer Mittel keineswegs zimperlich, und die Art und Weise, wie sie zuletzt an der Universität von Potsdam die CDU-Bundestagsabgeordnete und Präsidentin des Bundes der Vertriebenen, Erika Steinbach, am Reden gehindert haben, nämlich mit nackter Gewalt, lässt schlimme Erinnerungen aufflackern. Die Gemengelage von roten Studenten, Schlägertrupps der Antifa, einer verständnisvollen Linkspartei, die in den Parlamenten sitzt, und einer Bevölkerung, die von Abstiegsängsten geplagt wird und deshalb jedwede politische Orientierung verloren hat, wird für zunehmenden Aufruhr sorgen.

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in der zweimal im Monat erscheinenden Zeitschrift "Gegengift", Ausgabe vom 15. Juli 2008.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Michael Ludwig

Autor

Michael Ludwig

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige