01. August 2008

Gold Das Geld der Freiheit und der Ehrlichkeit

Das gegenwärtige Finanzsystem zerstört die natürliche Ordnung der Gesellschaft

Der Zusammenbruch zweier Großbanken in Großbritannien und Amerika (Bear Stearns und Northern Rock) sollte uns Anlass geben, über die Fundamente des Weltfinanzsystems nachzudenken.

Als beim Ausbruch des Ersten Weltkrieges die Währungen erstmals weltweit verstaatlicht wurden, waren die Gründe dafür offensichtlich. Um den Krieg zu führen mussten die Staaten in der Lage sein, ihre eigenen Banknoten zu drucken, ohne das dazugehörige Geld tatsächlich zu haben. Das entsprechende, im August 1914 verabschiedete Gesetz in Frankreich legte unverblümt fest: „Die Bank von Frankreich wird ihre Banknoten nicht mehr gegen Bargeld rückvergüten.“

Das besagte Bargeld war Gold, und Banknoten waren nichts weiter als Titel auf einen bestimmten Betrag an Goldmünzen. Die Geldmenge wurde von der Goldmenge bestimmt. Obwohl der Staat eine große Rolle im Währungssystem spielte – alle Länder hatten „Zentralbanken“ und die Verwendung der nationalen Währung war obligatorisch – war seine wesentliche Funktion die Aufrechterhaltung des Versprechens, dem Träger seiner Banknoten auf Verlangen einen spezifischen Betrag auszuzahlen. So lange dieses Versprechen gehalten werden konnte, war die Währung intakt.

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es Anläufe, das Vorkriegssystem wiederherzustellen, weil es als unverzichtbare Grundlage des Finanzsystems und des Welthandels angesehen wurde. Wie könnten Nationen freien Handel miteinander treiben, wenn der Wert ihrer Währungen ständig fluktuierte? Im 1922 in Genua geschaffenen „Golddevisenstandard“ steckte jedoch ein fataler Fehler, der bald, im schicksalhaften Jahr 1933, zum Zusammenbruch des Systems führte. Der fatale Fehler war, dass zwei Währungen, das britische Pfund Sterling und der US-Dollar, an den Wert des Goldes gebunden wurde. Andere Währungen konnten gegen sie eingetauscht werden und konnten zur Deckung ihrer Emission herangezogen werden.

Dies war ein fataler Fehler, weil damit diese beiden Währungen mit einem besonderen Privileg ausgestattet wurden. Dieses Privileg bedeutete, dass sie immer nachgefragt wurden, egal, wie viel von ihnen im Umlauf war. Jacques Rueff, der große französische Ökonom, bezeichnete diesen Fehler als einen, der „ein tränenloses Defizit“ ermöglichte. Die Vereinigten Staaten und Großbritannien konnten im Grunde so viele Papierdollar und -pfund drucken wie sie wollten, weil sie sicher sein konnten, dass diese von den anderen Zentralbanken als Reserven aufgenommen würden. Sie konnten dieses Papier verwenden, um Güter aus Übersee zu kaufen und im Gegenzug Kapital exportieren, ohne zu fürchten, dass die zusätzliche Geldmenge zu einer Inflation zu Hause führen würde.

Als der Zweite Weltkrieg seinem Ende entgegen ging und Pläne für ein Nachkriegsfinanzsystem ausgebreitet wurden, lebten alte Erinnerungen an feste Umtauschkurse auf (obwohl dies nur eine Folge des Goldstandards war, nicht sein vorrangiger Vorteil). In Bretton Woods wurde jedoch 1944 der selbe Fehler gemacht wie in Genua, nur dass diesmal der US-Dollar allein die Vormachtstellung als Währung mit „Reserve“-Status erhielt. Als dessen Goldbindung im Jahr 1971 gelöst wurde – Richard Nixon musste Dollar drucken, um den Krieg in Vietnam zu finanzieren – trieb das Weltwährungssystem ankerlos in jenem System, in dem wir jetzt leben, eines, in dem der Wert der Währungen ständig untereinander fluktuieren.

Was wir nun als die „Ölkrise“ von 1973 in Erinnerung haben, war in Wirklichkeit kaum mehr als eine rationale Reaktion erdölproduzierender Länder auf die de facto Entwertung des Dollar. Der Ölpreis stieg, weil er in einer im Wert geminderten Währung gekennzeichnet war. Die Ölproduzenten sagten, dass sie statt dessen den Ölpreis in Gold festsetzen würden – das heißt in realem, im Gegensatz zu papierenem, Geld. In Wirklichkeit geschah dies nicht und das schwarze Gold wird weiterhin in Dollar festgesetzt. Dies ist jedoch einer der Hauptgründe, weshalb die Vereinigten Staaten weiterhin ein „tränenloses Defizit“ genießen, das heißt ein scheinbar unbegrenztes Handelsdefizit, das durch das Fluten der Welt mit Dollars finanziert wird, die andere Länder entweder als Zentralbankreserve oder zum Kauf von Öl verwenden.

In den vergangenen ungefähr zwanzig Jahren ist diese Politik mit Vehemenz betrieben worden. Die Federal Reserve der Vereinigten Staaten, eine private Organisation, die das Privileg hat, Dollars zu drucken, jedoch im Besitz privater Banken befindlich ist, hat das Finanzsystem Amerikas – und der Welt – mit billigem Kredit überflutet. Dies ist der Hauptgrund für den gewaltigen Preisanstieg – die Inflation – der Wertpapiere gewesen. Andere Güter, deren Preise stark gestiegen sind, sind unter anderem Immobilien und, natürlich, Öl. Dem Finanzsystem als Ganzes wird möglicherweise durch diese Kreditausweitung geholfen, weil Banken damit Geld verdienen, das Geld mit einem höheren Zinssatz zu verleihen, aber die Wirtschaft und die Gesellschaft als Ganzes leiden.

Das ist der Fall, weil künstlich verbilligter Kredit den Banken ein kurzfristiges Einkommen auf Kosten der Zukunft verschafft. Ein Anstieg der Geldmenge jetzt verschafft den Banken Profite, drückt aber für alle anderen die Preise nach oben. Insbesondere ein Anstieg der Immobilienpreise – ein festgesetzter und realer Vermögensgegenstand, der zwangsläufig steigt, wenn der Wert des Papiergeldes sinkt – erzeugt riesige Probleme für die ganze Wirtschaft, besonders für das Familienleben. Familien können es sich nicht leisten, mehr Kinder zu haben; und der resultierende Zusammenbruch der Geburtenrate bedeutet in der Zukunft Probleme für wichtige Dinge wie Rente und Gesundheitsversorgung. Er fördert außerdem die Einwanderung, die wiederum ihre eigenen Probleme erzeugt, besonders der Missbrauch sozialer Kosten, der die Steuern hebt und den normalen, arbeitenden Bürgern noch mehr Geld aus der Tasche zieht.

Mit einem Wort: Ein System des Papiergeldes, des leichten Kredits und der hohen Steuern zerstört die natürliche Ordnung der Gesellschaft. Es bricht den Gesellschaftsvertrag und zahlt für die Gegenwart auf Kosten der Zukunft. Das Finanzsystem dagegen gedeiht. Banken verdienen Geld, weil, je günstiger Kredite sind, desto mehr Geld können sie verleihen. In ihrer Suche nach immer größeren Einkünften haben Banken die Volkswirtschaften mit Kredit überschwemmt. Die gegenwärtige „sub-prime“-Hypothekenkrise in den USA und Großbritannien ist nur die Spitze des Eisberges. Es ist in beiden Ländern jetzt sehr leicht, für Immobilien einen großen Kredit zu bekommen, ein zahlreiches Vielfaches des eigenen Jahreseinkommens, ohne einen einzigen Beleg: Ich zum Beispiel habe einen Kredit, der ein Vielfaches meines eigenen Jahreseinkommens beträgt, und ich habe ihn bekommen, obwohl ich kein regelmäßiges Einkommen beziehe und ohne irgendeinen Nachweis meiner finanziellen Lage. Es wurde alles mündlich erledigt. Meiner Frau wurde in der Zwischenzeit von unserem örtlichen Warenhaus eine Kreditkarte angeboten, die uns £6.000 Sofortkredit gab, obwohl sie überhaupt kein Einkommen hat und obwohl die Karte in meinem Namen ausgehändigt wurde, obwohl ich den Laden niemals betreten habe.

Wenn Leute einmal Schwierigkeiten haben, solche riskanten Kredite zu tilgen, dann droht natürlich das ganze System in sich zusammenzubrechen. Das Einkommen aus diesen Krediten selbst wird als Sicherheit für andere, zunehmend groteske finanzielle Konstruktionen benutzt, aber wenn die Basis dafür austrocknet, dann kann es eine sehr ernstzunehmende Kettenreaktion geben, da es eine Eigenschaft von Optionsscheinen und anderen Finanzinstrumenten ist, dass sehr große Fremdkapitalsummen für sehr wenig Geld aufgenommen werden können. All dies wird, ich wiederhole, von jener Bank gefördert, die diese Konstruktionen zentral lenkt, die nie ihre eigenen Schulden bezahlt und die ein Klima des leichten Kredits anheizt: Die Federal Reserve.

Der wirkliche Zusammenbruch des Weltfinanzsystems käme dann, wenn Länder und Ölproduzenten begönnen, den US-Dollar fallenzulassen, so wie es manche schon tun. Weil die USA eine unbegrenzte Menge grünes Papier druckt, muss die Nachfrage dafür irgendwie aufrecht erhalten werden. Öl ist eine Hauptquelle dieser Nachfrage – und einer der Gründe des Sturzes Saddam Husseins war seine Entscheidung im Jahr 2000, sein Öl gegen Euros zu verkaufen. Papiergeld und Militarismus sind eng miteinander verknüpft. Wenn der Dollar fallengelassen wird, dann werden die Vereinigten Staaten nicht mehr in der Lage sein, für ihre unbegrenzten Importe zu zahlen. Wenn der Ölpreis deutlich ansteigt, dann wird das ganze Gefüge des amerikanischen Lebens bedroht sein, da alle amerikanischen Städte auf eine Weise gebaut worden sind, dass man in ihnen ohne Auto unmöglich leben kann.

Es wird auch das Argument vorgebracht, dass eine staatliche Kontrolle des Finanzsystems notwendig ist, um einen finanziellen Zusammenbruch zu verhindern. Dieses Argument sieht ein wenig fadenscheinig aus angesichts des Zusammenbruchs von Banken in London und New York – der Zusammenbruch von Northern Rock veranlasste die britische Regierung dazu, fast zweimal soviel Geld hinein zu pumpen, als sie jedes Jahr für das Militär ausgibt – und während ganze Währungen kollabieren, wie 1998 in Russland und im fernen Osten.

Weil die Besitzstandsinteressen so groß sind, werden die US-Zentralbank und die anderen Länder der Welt alles daran setzen, diesen Schwindel so lange wie möglich in Gang zu halten. Sie mögen damit eine Zeit lang Erfolg haben. Aber das Weltfinanzsystem lebt parasitär von der Gesellschaft und wird sie am Ende in die Armut stürzen. Es widerspricht der natürlichen Ordnung und früher oder später wird die natürliche Ordnung zurückkehren.

Information:

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 19.03.2008 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von John Laughland

Über John Laughland

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige