06. August 2008

ef-Olympiatagebuch 1 „Welcome to Beijing“

Mit dem Taxi zu den Spielen

„Kann ich Sie etwas fragen?“ – Zhang Shusen, der laut seiner mit einer „1“ beginnenden Zulassungsnummer schon seit über 15 Jahren in Peking Taxi fährt und somit sicher einiges gewöhnt ist, schaut jetzt verunsichert durch die zum Schutz vor Raubüberfällen zwischen Fahrer- und Beifahrersitz eingebauten Eisenstäbe: „Wann kommen denn die ganzen Ausländer?“

Sind es bisher noch nicht mehr geworden? „Nein, weniger!“, ruft Zhang Shusen. Sehr ärgerlich für ihn: Musste er doch als Vorbereitung für die Olympiade seit über einem Jahr zwei Mal im Monat zwei Stunden seinen grün-gelben Hyundai verlassen und auf einer Schulbank Platz nehmen – um Englisch zu lernen. Die Kosten für den Unterricht zahlte zwar seine Firma, aber seinen Verdienstausfall zahlte ihm niemand. Und die Teilnahme an solchen Kursen war für alle Pekinger Taxifahrer verpflichtend.

Mit 40 Kollegen-Mitschülern in einem Raum und dem in China üblichen Frontalunterricht blieb von dem Sprachkurs nie viel hängen. Zhang Shusen ließ ihn nach anfänglichen Bemühungen nur noch an sich vorbeirauschen. Das ist schade. Einige der Standardfragen wie „How fast is Beijing developing?“ werden zwar eher von chinesischen Journalisten als von westlichen Besuchern und somit nicht auf Englisch gestellt. Andere hingegen, wie „How do you like living in Beijing?“ sind gar nicht so unwahrscheinlich. Und mit den beiden Standard Antworten „1: I think it is a nice place. People are very friendly and intelligent.“ oder: „2: I love it. I would never want to live any place else.“ hätte Zhang Shusen sicher so manchen Fahrgast zum Schmunzeln bringen können. Andererseits liegt ihm nichts daran, Fahrgäste zum Schmunzeln zubringen, da ihm selbst nicht danach zu Mute ist.

Kann er sich denn nicht wenigstens über die Maßnahmen zur Luftreinhaltung freuen? Derzeit dürfen in Peking jeden Tag abwechselnd nur Autos mit geraden beziehungsweise ungeraden Zulassungsnummern fahren – da müsste er doch eigentlich mehr Fahrgäste haben? Er winkt so heftig ab, dass seine Hand an die Eisenstäbe stößt. „Die, die ihr Auto nicht benutzen dürfen, planen die Zeit ein und nehmen öffentliche Verkehrsmittel – wenn sie überhaupt zur Arbeit müssen. Viele Behörden haben ihren Angestellten ganz frei gegeben. Unternehmen haben ihre Tätigkeiten aus Peking heraus verlagert oder zumindest verringert. Mein Sohn zum Beispiel hat einen ganzen Monat Ferien und kann zu Hause fernsehen. Geschäftsleute von außerhalb kommen wegen der hohen Hotelpreise nicht mehr. Alle wichtigen Konferenzen finden woanders statt. Ich habe insgesamt viel weniger Fahrgäste!“.

Aber ist denn nicht wenigstens weniger Stau? Auch jetzt hellt sich Zhang Shusens Miene nicht auf. Zumindest eine Fahrbahn ist immer frei: 200 RMB, umgerechnet 20 Euro Geldstrafe, kostet es ihn, sollte er auf eine der mit dem Olympia-Symbol versehenen Spuren fahren. 1.500 RMB Geldstrafe und 15 Tage Haft bekäme er, wenn er von der Polizei dabei erwischt würde, wie er dort einem Auto mit Sportlern oder  von Sportfunktionären die freie Fahrt versperrte. Da kommt bei ihm keine rechte Freude über den allgemein etwas flüssigeren Verkehr auf.

„Alle sagen, dass wir in Zukunft keine olympischen Spiele mehr machen sollten“ sagt Zhang Shusen. „Das bringt zu viel Ärger“. Er windet sich in seinem Sitz – an sein neues gelbes Hemd und die Krawatte, die die Pekinger Taxifahrer seit gut einer Woche tragen, hat er sich offensichtlich noch nicht gewöhnt. „Lieber wollen wir Weltcups oder irgendsolche Wettkämpfe. Nichts was so viel mit Politik zu tun hat und diese ganze Sicherheit...“.

Leider kann er sich als jemand mit solchen Ansichten auch nicht auf 2009 freuen: „60 Jahre Gründung der Volksrepublik. Und ich habe gehört, dass Hu Jintao dann wieder eine Militärparade abnehmen will. Was das wieder alles ...“ setzt er an, aber dann schaut er noch verunsicherter durch seine Eisenstäbe und bricht seinen Satz ab. So, als hätte er schon zu viel gesagt.


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