07. August 2008

ef-Olympiatagebuch 2 Der letzte Fackellauf

Aus der Seitentüre eines Lieferwagens gehalten

„Die Olympischen Spiele des Altertums kannten noch keinen Fackellauf. Erst 1936 wurde zu den XI. Olympischen Spielen in Nazideutschland der erste Fackellauf veranstaltet... Die Fackel wurde nach hellenistischem Vorbild im antiken Olympia durch einen Brennspiegel entzündet. Das Olympische Feuer wurde dann rund 3.100 Kilometer nach Berlin getragen. Die Nazis stellten diesen ersten Fackellauf als völkerverbindendes Symbol dar, das den ‚Friedenswillen’ des Dritten Reiches verkünden sollte“, meldet die Tageschau in ihrem aktuellen Newsletter unter der Überschrift „China weist ausländische Demonstranten aus“.

China musste sich seit seiner Olympiabewerbung nicht nur gegen ex- oder implizite Vergleiche zwischen den Olympischen Spielen von 1936 und denen von 2008, sondern auch gegen die Vermischung von Politik und Sport zur Wehr setzen. Aber als Luo Gan, Mitglied des Ständigen Ausschusses des Politbüros des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas im April 2008 die geplante Route des Fackellaufs verkündete, führte sie durch alle 18 Bezirke und die Technologie-Entwicklungszone. Und aus der Vogelperspektive betrachtet sollte die Route die acht einzelnen Striche des chinesischen Schriftzeichens für „he“ (dt. Frieden) nachzeichnen.

Dieser Plan eines Laufs im Zeichen des Friedens musste aber leider fallen gelassen werden. Sun Xuecai, Vizevorsitzender des Pekinger Sportamts und Vizevorsitzender des Pekinger Fackelweitergabe-Organisationskomitees, erklärte dazu in einem Interview: „Auf der ursprünglich geplanten Strecke konnte die Einhaltung des Zeitrahmens nicht sichergestellt werden, und ohne Zweifel hätte es viele Unannehmlichkeiten für die Menschen entlang der Strecke verursacht“. Außer dieser guten Erklärung hatte er, für chinesische Beamte nicht ungewöhnlich, eine Fülle von Zahlenmaterial parat: 39 Kilometer, 841 Läufer, 8 Stunden und 54 Minuten. Das heißt, jeder Läufer trägt seine Fackel in 40 Sekunden 46 Meter weit durch zwei Kilometer pro Pekinger Bezirk.

Und auf die folgende Frage der Journalistin „Können die Pekinger entlang der Strecke die Weitergabe der Fackel mit ansehen?“ antwortet er: „Wir haben ein paar Zuschauer entlang des Wegs organisiert; Pekinger Bürger, genau genommen auch einschließlich Touristen, können an die Strecke kommen und die Weitergabe der Fackel mit ansehen, da gibt es keine Beschränkungen.“

Der letzte Abschnitt des Fackellaufs am 7. August 2008 sollte vom Osttor des Erdaltar-Parks bis zum Erdaltar, wo früher der Kaiser der Erde Opfer brachte, führen. Es fand sich nach längerem Herumsuchen auch eine präzise Zeitangabe: 18:04 – 18:06 Uhr. Da aber um 17:00 Uhr der Zugang zu dem Erdaltar-Park bereits versperrt war, blieb nur die Straßenecke am Osteingang. Hier hatten sich bereits mehrere tausend Zuschauer unter der Beobachtung eines großen Polizeiaufgebots versammelt. Ab 17:30 Uhr joggten größere Kontingente Soldaten der Volksbefreiungsarmee in den Park hinein. Eine Viertelstunde später erschienen zwei Hubschrauber, die über dem Erdaltar-Park zu kreisen begannen. In Ermangelung anderer Attraktionen begannen die Zuschauer, diesen zuzujubeln, wenn sie dicht herunterkamen. Weitere Kontingente Soldaten, bewaffneter Polizei und Verkehrspolizei fuhren oder joggten die Straße herauf und herab, bis um 18:06 Uhr mehrere Polizeiautos, Reisebusse und ein Lieferwagen heranrasten. Bei letzterem war bei sehr genauem Hinsehen zu erkennen, wie jemand eine Olympia-Fackel aus der offenen Seitentür heraushielt. Diese Fahrzeugkolonne fuhr ohne anzuhalten direkt durch das Osttor in den Park hinein. Eine Viertelstunde später wurde den Zuschauern klar, dass es nicht mehr zu sehen geben würde, und die meisten machten sich auf den Weg nach Hause, um sich die Zusammenfassung des Fackellaufs im Fernsehen anzusehen.

Achtet man bei dieser Übertragung nicht auf die theatralischen Kniefälle, Küsse der Fackel oder „thumps-up-“ oder „Victory-“Zeichen der Läufer, sondern auf die Zuschauer, wird aus der Tatsache, dass sie alle überhaupt nicht drängeln und überhaupt nicht fotografieren, sofort deutlich, dass es sich bei ihnen um ganz andere Zuschauer als die vom Osttor des Erdaltar-Parks handeln muss.

„Der Peking-2008-Fackellauf wird, wie das Motto schon sagt, eine Reise der Harmonie werden und Freundschaft und Achtung zu Menschen verschiedener Nationalitäten, Rassen und Religionen bringen“, hatte IOC Präsident Jaques Rogge auf der Veranstaltung im April 2008 erklärt. „Ich habe keinen Zweifel, dass der Peking-2008-Fackellauf viele besondere Erinnerungen hinterlassen und viele neue Träume für Menschen auf der ganzen Welt erschaffen wird.“ Irgendwie drängt sich der Verdacht auf, dass es in den letzten zweiundsiebzig Jahren in Bezug auf Heuchelei nicht viel besser geworden ist.


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