08. August 2008

ef-Olympiatagebuch 3 Erwartungen

Über der Eröffnungsfeier der Spiele in Peking

„Ich erwarte das natürlich nicht“, sagte die füllige Zhang Jing und wedelte sich mit einem Bambus-Fächer kühle Luft zu, „aber alle sagen doch, es könnte eine Bombe explodieren“. Deswegen hat die 47-jährige sich die Eröffnungsveranstaltung lieber zu Hause mit ihrem Mann im Fernsehen angesehen. Andererseits gab es auch nicht viele Alternativen für die als Ticketverkäuferin in einem Stadtbus der Linie 300 arbeitende Zhang Jing. Denn obwohl während der Fußballweltmeisterschaft auch in Peking viele Restaurants Tische und Stühle und eine große Leinwand vor die Tür stellten, hatten heute nur die für Zhang Jing viel zu teueren Ausländer-Bars in der Sanlitun-Gegend in ihren Innenräumen Leinwände aufgestellt.

Aufgrund der zahlreichen Verkehrsbeschränkungen und der für offizielle Delegationen ständig nötigen Vollsperrungen bestimmter Kreuzungen und Straßen kam nur ein in der Nähe ihrer Wohnung im Pekinger Chaoyang-Distrikt gelegener Platz zum „public viewing“ in Frage. Derer gab es drei: Der erste war eine modere überdachte Einkaufsstraße namens „shi mao tian jie“, auf Englisch „The Place“, wo seit mehreren Tagen ein Schild verkündete, dass alle Plätze ausverkauft seien. Der zweite befand sich am Westtor des Chaoyang-Parks, hier bekamen Zuschauer aber heute seit dem frühen Nachmittag erklärt, dass es hier aufgrund „technischer Probleme“ keine Übertragung der Eröffnungsveranstaltung gäbe, ab Morgen würden allerdings die einzelnen Wettkämpfe gezeigt werden können. Der dritte Platz befand sich am Nordtor des Arbeiterstadions. Genauer gesagt außerhalb des Nordtors: Denn das Tor blieb geschlossen, so dass zwischen den Zuschauern und der nicht sehr großen Anzeigetafel auf dem oberen Stadionrand gut 200 Meter Luftlinie lagen. Stühle waren keine aufgestellt worden, ab 19:15 Uhr ließen sich die inzwischen hier angekommenen Zuschauer, zu etwas mehr als der Hälfte junge Ausländer, auf über den Fußboden ausgebreiteten Zeitungen nieder. Insgesamt etwas über 2.000 Zuschauer verfolgten hier die Übertragung des chinesischen Staatsfernsehsenders CCTV 1.

Wer weiß, dass chinesische Kinder schon im Kindergarten draußen nicht frei spielen, sondern unter der Anleitung eines Lehrers bestimmte Turn- oder Kung-Fu Übungen machen und bis zum Schulabschluss der größte Teil des Sportunterrichts aus einer „guangbo ticao“, (dt. Lautsprecherübertragung-Gymnastik) genannten langen und auswendig zu lernenden Bewegungsfolge besteht, wird sich nicht darüber wundern, dass für Chinesen eine große Faszination davon ausgeht, möglichst viele Menschen gleichzeitig genau die gleiche Bewegung ausführen zu sehen, selbst zu Musik oder bei Tai Chi. Und wer die letzten Filme des für die künstlerische Gestaltung des Programms verantwortlichen Zhang Yimou gesehen hat, wird sich nicht darüber wundern, dass alle Register einer idealisierten klassischen Kultur gezogen wurden. Den auf ihren Zeitungen sitzenden chinesischen Zuschauern vor dem Nordtor des Arbeiterstadions gefiel die Vorführung, oft gab es spontanen Applaus. Den nacheinander anrückenden ausländischen Fernsehteams war das aber zu wenig: Als schließlich sieben verschiedene Kameras vor allem auf die chinesischen Zuschauer mit auf den Backen aufgeklebten herzförmigen chinesische Flaggen gerichtet wurden, brachten sie diese dadurch gegen kurz vor zehn dazu, fast eine halbe Stunde lang „zhongguo jia you“ (dt. China gib Gas) zu rufen. Wären die Fernsehteams danach nicht abgezogen, wahrscheinlich um die Bilder noch für die Abendnachrichten zu schneiden, hätten sie die selbe Stimmung auch noch „in echt“ filmen können – als nach den deutschen Athleten eine rote Flagge auftauchte und die meisten Zuschauer wegen der großen Entfernung zur Anzeigetafel zunächst nicht erkennen konnte, dass es sich um die Flagge von Marokko handelte. Beim Einzug der chinesischen Mannschaft, bei den Reden und bei der Entzündung der Flamme war die Begeisterung der chinesischen Zuschauer wirklich groß.

Ein offensichtlich angetrunkener etwa 18-jähriger ausländischer Schüler oder Student ging zu dieser Zeit herum und sagte jedem Zuschauer mit mittelmäßig gutem Chinesisch „xizang jia you“ (dt. Tibet gib Gas) ins Gesicht. Es dauerte etwas 20 Sekunden bis sich einer der freiwilligen Ordnungshüter auf seine Fährte geheftet hatte, noch einmal 10 Sekunden später waren es gleich fünf, und danach war der junge Auslandsstudent verschwunden, aber da er nur Bier getrunken hatte, hätte er das eigentlich auch erwarten können und müssen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Erwartungen der meisten Zuschauer wohl weder über- noch untertroffen wurden. Was die nicht erwartete und nicht explodierte Bombe von Zhang Jing betrifft, ließe sich vielleicht sagen, dass das Gerücht darüber wie erwartet dafür sorgte, dass die meisten Pekinger dort waren, wo Regierungen ihre Bevölkerungen immer am liebsten haben: vor dem Fernseher.


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