09. August 2008

ef-Olympiatagebuch 4 Der beliebteste Ausländer

China und Da Shan

„Während der Olympischen Spiele sind die für den Transport von Gegenständen in die Hauptstadt nötigen Formalitäten umständlich. Deswegen kann es zu Verzögerungen kommen. Wegen der entstehenden Unannehmlichkeiten bitten wir um Ihre Entschuldigung“, steht auf allen Fahrstuhltüren, vom ersten bis zum 16. Stockwerk des Pekinger Hengshun-Bürogebäudes, als Erklärung dafür, warum die für die Reparatur benötigten Ersatzteile immer noch nicht eingetroffen sind und alle Unternehmer, Angestellten und Besucher seit gut zwei Wochen die Treppe laufen müssen. Insofern ist es schon eine Leistung, dass heute Abend die Anzeigetafel am Westtor des Chaoyang Parks tatsächlich wieder funktionierte. Es lief aber entgegen der gestrigen Ankündigung keine Live-Übertragungen einer Sportveranstaltung – also weder das Basketballspiel USA gegen Tschechien auf CCTV 2 noch das Fußballspiel China gegen Kanada im Olympic Channel. Erst kamen die Abendnachrichten, wo unter anderem zu erfahren was, was der ranghöchste nordkoreanische Teilnehmer von der Eröffnungsveranstaltung hielt, und dass eine amerikanische Rollstuhlfahrerin in einem CCTV-Interview die Meinung vertrat, dass man 100 Jahre alt werden könnte und trotzdem nie wieder etwas sehen würde, was diese Eröffnungsveranstaltung übertreffen könnte. Dann kam eine Wiederholung der Eröffnungsveranstaltung.

Entsprechend schlecht war der Platz besucht, die höchstens 40 Besucher saßen weit verstreut im Schatten der Stände am Rand. Eine deutsche Journalistin versuchte, aus einer alten Chinesin herauszuquetschen, wie ihr denn die Eröffnungsveranstaltung gefallen habe („nicht schlecht“) und was sie dabei gefühlt habe (keine Antwort). Dann fängt die alte Chinesin an, ihrerseits Fragen zu stellen, ob die junge Dame in Peking studiere („nein, ich bin schon fertig“) und was sie denn arbeite („ich bin Lehrerin“) und ob sie Da Shan kenne, der könnte auch so gut Chinesisch. Dies ist der typische Verlauf für eine Unterhaltung mit einem fremden Chinesen. Und Da Shan ist der Ausländer, dem gestern bei der Übertragung der Eröffnungsfeier von allen Ausländern am meisten zugejubelt wurde, als er mit der kanadischen Mannschaft in das Stadion einmarschierte. Obwohl er überhaupt gar kein Sportler ist.

Da Shan heißt in Wirklichkeit Mark Rowswell, ist Kanadier und lebt seit 1988 in China. Er ist der Schüler des berühmten „xiangsheng“ Dialog-Komödianten Jiang Kun und ist durch seine Fernsehauftritte, inzwischen hat er mehrere eigene Programme, wahrscheinlich einer Milliarde Menschen bekannt. Die meisten in China lebenden Ausländer mögen ihn nicht, vielleicht weil sie ständig auf ihn angesprochen werden, vielleicht weil sie auf seine Sprachkenntnisse neidisch sind, aber möglicherweise auch, weil er sich wie ein dressiertes Äffchen benimmt. So begann sein aktuellstes Interview mit der offiziellen Website der 29. Olympischen Spiele so: Gastgeber: „Als Teil unserer Serie „China durch die Augen von Ausländern“ begrüßen wir nun Da Shan als unseren geehrten Gast. Da Shan, sag „Hallo“ zu allen“. Da Shan: „Hallo, Freunde! Ich bin froh hier sein und auf der offiziellen Website der Olympischen Spiele über die Olympiade sprechen zu können“.

In dem Interview sagte er dann genau die Sachen, die alle Chinesen von ihm hören wollen, sowohl in sprachlicher („Im Gegensatz zu Chinesisch ist Englisch ziemlich durcheinander, was Grammatik angeht. Chinesen versuchen etwas auf systematischen Wege zu lernen, was überhaupt nicht systematisch ist.“) als auch in politischer Hinsicht: „China war seit alter Zeit eine machtvolle Nation und die chinesische Nation ist machtvoll. Nach der Ming- und Qing-Dynastie hat China etwas an Status in der Welt verloren. Nun, in dieser Zeit des Friedens, gewinnt China langsam an Stärke zurück. Tatsächlich heißt „China erhebt sich“ nur, dass China dorthin zurückkehrt, was es früher war. China sollte rechtmäßig die Führungsrolle in der Welt innehaben. Jetzt geht es in diese Richtung, und das ist gut und richtig“. Mit so einer Meinung kann man es in China zum Superstar, zum Fackelträger und zum Inhaber eines Freipasses für sämtliche olympische Veranstaltungen bringen.

Vielleicht sollte man Da Shan auf seiner Website eine Email schreiben und ihn fragen, ob er, wenn er schon nicht dazu bereit ist, seinen Freipass einmal zu verleihen, damit sich normale Ausländer die Wettkämpfe nicht immer nur zu Hause im Fernsehen anschauen müssen, nicht wenigstens eine Möglichkeiten hat, die Genehmigung zum Transport des fehlenden Fahrstuhl-Ersatzteils im Hengshun-Bürogebäude etwas schneller zu beschaffen.

Internet

Da Shan


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