09. August 2008

Alexander Solschenizyn Die russische Frage

Warum der Westen den verstorbenen russischen Schriftsteller nicht mag

Die Reaktionen westlicher Kommentatoren auf den Tod Alexander Solschenizyns waren vorhersehbar. Ja, sagten sie, seine mutige Enthüllung der Bösartigkeit des sowjetischen Strafsystems im „Archipel GULAG“ zeichnete ihn als moralischen Giganten aus; später aber setzte er sein moralisches Format aufs Spiel, indem er sich weigerte, den Westen zu mögen und indem er ein russischer Nationalist wurde.

Ein perfektes Beispiel dieser Argumentation war Anne Applebaums Kommentar im Londoner „Guardian“. Sie, die ebenfalls eine Autorin über die Geschichte des GULAGs ist, schrieb: „In späteren Jahren verlor Solschenizyn an Format ... weil er sich weigerte, die liberale Demokratie zu unterstützen. Er mochte den Westen nie wirklich, mochte weder den freien Markt noch die Pop-Kultur wirklich.“

Solche Kommentare enthüllen mehr über ihre Quelle als über ihren Gegenstand. Wir haben es hier mit etwas zu tun, das ich Geoideologie zu nennen vorschlage: Das leider nun weitverbreitete Vorurteil, dass „der Westen“ und „Demokratie“ identische Begriffe sind. Darüber hinaus ist „der Westen“ in der Vorstellung solcher Kommentatoren identisch mit „freien Märkten“ und „Pop-Kultur“. „Der Westen“ bedeutet anscheinend nicht mehr „christliche Religion“ oder gar jene Erbschaft aus der glorreichen Schatzkammer der Kulturen Athens und Roms. Statt dessen bedeutet er MTV, Coca-Cola und Koks.

Auf jeder Ebene sind diese Annahmen falsch. Beginnen wir mit „freien Märkten“, das endlos wiederholte Schlagwort der Globalisierer. Nach welchem möglichen Kriterium kann Russland als unfreierer Markt bezeichnet werden als die Vereinigten Staaten von Amerika oder als die Mehrheit der EU-Mitgliedsstaaten? Einer der Hauptkriterien ist der vom Staat konsumierte Anteil am Privateinkommen. Der Einkommenssteuersatz ist in Russland die konstante „flat tax“ von 13 Prozent – ein Bruchteil der ungefähr 25 Prozent, die in den USA gezahlt werden, ungefähr 33 Prozent in Großbritannien und 40 Prozent oder mehr in Kontinentaleuropa. Was die Pop-Kultur angeht, so hat Russland leider eine Menge davon. Seine Jugend ist von ihr leider ebenso durchtränkt wie die Jugend Europas und Amerikas.

Im Kommentar wird auch versäumt, dem Leser irgendeine ernsthafte Analyse der politischen Position Solschenizyns zu präsentieren. Die Autorin macht diffuse und abfällige Bemerkungen über die Unangemessenheit von Solschenizyns „Vision einer spirituelleren Gesellschaft“ und seinem „verkrusteten und altmodischen Nationalismus“ – Urteile, die sich sehr auf die sowjetische Propaganda zu stützen scheinen, die sie angeblich ablehnt. Aber sie versäumt es, den Leser darüber zu unterrichten, was sie damit genau meint. Dabei wäre es doch anlässlich des Todes dieses Mannes sicherlich opportun, den Menschen zu erzählen, was er dachte.

Jeder, der Solschenizyns erstaunlichen Aufsatz von 1995, „Die russische Frage am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts“, liest, wird erkennen, dass diese Karikatur Unsinn ist. Solschenizyns politische Positionen haben überhaupt nichts Irrationales oder Mystisches an sich – und die Bezüge auf die Religion, die ihm, wie wir alle wissen, tatsächlich lieb und teuer war, sind nur sehr flüchtig. Nein, was aus diesem Aufsatz hervorgeht, ist eine extrem einfache und kraftvolle politische Position, die leicht in zeitgenössisches amerikanisches Englisch als „Paläokonservativismus“ übersetzbar ist.

Solschenizyn schreibt eine vernichtende Kritik über dreihundert Jahre russische Geschichte. Fast kein russischer Führer kommt ohne Tadel davon (er mochte nur Kaiserin Elisabeth [1741–1762] und Zar Alexander III [1881–1894]); die meisten werden rundweg verdammt. Man könnte die Heftigkeit der Angriffe Solschenizyns kritisieren, aber ihre ideologische Stimmigkeit ist sehr klar: Er ist gegen Führer, die riskante Auslandseinsätze, einschließlich den Imperialismus, auf Kosten der russischen Bevölkerung anstreben. Dies, sagt er, ist es, was fast alle Zaren seit Peter der Große mit den Führern der Bolschewisten gemein haben.

Immer wieder, in einer Vielfalt historischer Zusammenhänge, sagt Solschenizyn, dass Russland dieses oder jenes ausländische Ziel nicht hätte verfolgen, sondern sich statt dessen der Förderung von Stabilität und Wohlstand zu Hause hätte widmen sollen.

„Während wir immer den Bulgaren, den Serben, den Montenegrinern zu helfen bestrebt waren, hätten wir besser daran getan, an die Weißrussen und die Ukrainer zu denken: Mit schwerer imperialistischer Hand beraubten wir sie einer kulturellen und spirituellen Entwicklung nach ihren eigenen Traditionen ... die endlosen Kriege um die Christen auf dem Balkan waren ein Verbrechen gegen das russische Volk ... Der Versuch, ganz Russland zu großrussifizieren erwies sich nicht nur als schädlich für die lebendigen nationalen Eigenschaften aller anderen Ethnien im Reich, sondern war vor allem der großrussischen Nationalität selbst abträglich ... Die Ziele eines großen Reiches und die moralische Gesundheit des Volkes sind unvereinbar ... An einem Großreich festzuhalten bedeutet, an der Auslöschung unseres eigenen Volkes mitzuwirken.“

Es gibt buchstäblich nichts, was diese Ansicht von den antiinterventionistischen Positionen und den Antikriegspositionen Pat Buchanans (Autor von „A Republic not an Empire“) oder Ron Pauls unterscheidet.

Nachdem er sich mit den Greueltaten des Kommunismus befasst, wendet sich Solschenizyn dem schrecklichen Chaos der postkommunistischen Ära zu. Auch hier bleibt er seiner Sorge um die Menschen Russlands treu. Er schreibt: „Das Problem ist nicht, dass die UdSSR auseinander brach – das war unvermeidlich. Das wirkliche Problem, und was noch lange ein Durcheinander bleiben wird, ist, dass der Verfall entlang falscher leninistischer Grenzen stattfand, wodurch uns ganze russische Provinzen entrissen wurden. In einigen Tagen verloren wir 25 Millionen ethnischer Russen – 18 Prozent unserer gesamten Nation – und die Regierung konnte nicht einmal den Mut aufbringen, dieses furchtbare Ereignis, eine kolossale historische Niederlage Russlands, zur Kenntnis zu nehmen und ihr politisches Missfallen dagegen zu äußern.“

Solschenizyn hat recht. Eine der dauerhaftesten Erbschaften des Leninismus, die bestehen bleiben, nachdem alles andere hinweggefegt worden oder zusammengebrochen ist, war die Entscheidung, auf dem Territorium dessen, was der einheitliche russische Staat gewesen war, unechte föderale Gebilde zu schaffen. Diese Gebilde, Sowjetrepubliken genannt, trugen lediglich zur Entstehung unechter Nationalismen und natürlich zur Verwässerung der russischen nationalen Identität bei. Sie waren unecht, weil die betreffenden Republiken in Wirklichkeit nicht mit der ethnischen Realität übereinstimmten: Kasachen zum Beispiel sind und bleiben in Kasachstan eine zahlenmäßige Minderheit, während die Ukraine in Wirklichkeit eine Sammlung alter russischer Provinzen (insbesondere Kiew) und einiger ukrainischer ist. Dieser unechte Nationalismus gab der Sowjetunion die Möglichkeit, sich als eine internationale Föderation von Völkern zu präsentieren, ähnlich der Europäische Union heute. Aber dies wurde von den Feinden Russlands ausgenutzt, als die Zeit gekommen war, die geopolitische Existenz des historischen russischen Staates zu zerstören. Das passierte, als die UdSSR im Dezember 1991 von drei Republikführern einseitig aufgelöst wurde.

Und dies ist der Schlüssel zur westlichen Feindseligkeit gegenüber Solschenizyn. Der Mann, den der Westen ausnutzte, um den Kommunismus zu zerstören, verweigerte die Verneigung vor den fortgesetzten (und weitgehend erfolgreichen) Versuchen des Westens, Russland selbst zu zerstören. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Anne Applebaum, eine amerikanische Staatsbürgerin, die Ehefrau des Außenministers des ältesten Feindes Russlands, nämlich Polen, ist.

Information:

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 09.08.2008 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


Internet:

Anne Applebaum: Scribe of the Gulag 


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von John Laughland

Über John Laughland

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige