10. August 2008

ef-Olympiatagebuch 5 Kein Reis und Spiele

Über das behördlich zensierte Festessen

„Hier gibt es ja nur Brot“, beschwert sich eine zierliche junge Chinesin bei ihrem Freund. Der ist ratlos. 20 Minuten haben die beiden nun in der Schlange vor einem der kleinen Imbisse im „National Indoor Stadium“ angestanden. In 40 Minuten beginnen die Qualifikationswettkämpfe für die Damen-Gymnastikteams von Brasilien und Frankreich. Wegen der strengen Sicherheitskontrollen haben sich die beiden nichts mitgebracht, und jetzt haben sie nichts zu essen. Und noch nicht mal das Brot gibt es noch: Der Imbiss ist fast ausverkauft, er hat nur noch Kartoffelchips, Popcorn und Snickers.

Draußen auf dem weiten Gelände des Olympic Green zwischen Birds Nest, Water Cube, National Indoor- und National Fencing Stadium und dem Olympiaturm gibt es auch nicht viel mehr: Nicht ein einziges Restaurant, sondern nur ein paar Zelte, wo es zusätzlich zu der Auswahl der kleinen Imbisse in den Stadien noch Instant-Nudeln und eine Styroporpackung Reis mit irgendwelchen lieblos zusammen gemischten Beilagen, Curry-Zucker-Essig, gibt. Man kann auf jedem chinesischen Bahnsteig erheblich besser speisen als hier.

Das ist sehr schade. Nicht nur, weil es mit Sicherheit mehr chinesischen Zuschauern als nur dem jungen Paar im National Indoor Stadium den Abend verdirbt, sondern auch, weil es so gänzlich unchinesisch ist.

Viele an größeren Pekinger Straßen gelegene Mietshäuser hatten früher die paar Meter zwischen Hauswand und Straße an Ladenbesitzer vermietet. Dort gab es alles: Fotokopier- und Schreibservice, CD und DVD-Läden, Obststände, Schneider und Handwerker – und vor allem drei, vier Arbeitsplätze alle zehn Quadratmeter. Inzwischen wurden diese ohne Baugenehmigung errichteten Anbauten abgerissen und entweder die Straße noch mehr vergrößert oder ein nicht zum Klima passender Grünstreifen gepflanzt, Rasen und Primeln, betreten verboten. Nur, dass im Falle des Pekinger Olympiageländes dieser Grünstreifen 680 Hektar groß ist und „Pekinger Olympiade-Wald-Park“ heißt.

Nicht zu unrecht sind die Chinesen sehr stolz auf ihre Küche, und zu einem gelungenen Abend gehört unbedingt ein gutes Essen. Die ausländischen Gäste hätten eigentlich auch nicht vorgehabt, nach den Wettkämpfen an der nächsten U-Bahn-Station der Olympia-Linie Nr. 8 in den McDonald zu gehen, aber es gibt kleine Alternative. Auch in dieser Hinsicht wurde auf dem Pekinger Olympiagelände auf die Spitze getrieben, was in der ganzen Stadt spätestens seit der erfolgreichen Olympia-Bewerbung 2001 stattfand – die kulturelle Eigenheit wurde einer sterilen Modernität geopfert. Zuerst verschwanden die uigurischen Händler, die auf kleinen mobilen Kohlegrillen Lammfleischspieße brieten. Dann verschwanden die kleinen Garküchen und Ein-Zimmer-Restaurants, die morgens in Bambuskörben mit Hackfleisch gefüllte Hefeklöße dämpften. Dann verschwanden die Straßenstände, die abends in feurig-scharfer Soße gekochte Spezialitäten anboten. Noch kurz vor der Olympiade lief in Peking eine Kampagne gegen „Nahrungsmittelweiterverarbeitung ohne behördliche Genehmigung“.

Und während die Besucher der Qualifikationswettkämpfe für die Damen-Gymnastikteams von Brasilien und Frankreich auf ihren mit behördlicher Genehmigung hergestellten Kartoffelchips und Snickers herumkauen, wird ihnen klar, dass es die chinesische Regierung zwar geschafft hat, für Brot und Spiele zu sorgen, dass der Preis dafür aber ein ziemlich hoher war.


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