11. August 2008

ef-Olympiatagebuch 6 Die Sichtweise der Freiwilligen

Überziehung nach Ticket-Tausch

„Wir haben noch einige Fußballtickets für die Wettkämpfe außerhalb Pekings übrig“, sagt der junge Mann bei der offiziellen Ticket-Hotline 952008. „Aber alle Veranstaltungen in Peking sind komplett ausverkauft“. Das erstaunt. In dem sich auf Sportler und Flaggen schwenkenden Fans konzentrierendem Fernsehen ist es nur schlecht zu erkennen, aber der junge Mann müsste doch auch gesehen haben, dass zum Beispiel die Bogenschützen vor zu zwei Dritteln leeren Tribünen auf ihre Scheiben schießen mussten. Zugegeben; das Wetter war schlecht. Aber auch bei den in Sporthallen stattfindenden Wettkämpfen bleiben Plätze frei. Es kann natürlich sein, dass eine bestimmte Anzahl Sitzplätze bewusst freigehalten wird, falls sich besonders wichtige Persönlichkeiten kurzfristig entscheiden sollten, ausgerechnet diesen Wettkampf besuchen zu wollen, oder für die Inhaber der Freipässe für alle olympischen Veranstaltungen. Solche Plätze sollten sich aber in einem Block und im vorderen Bereich befinden – und dort gibt es sie auch. Warum bei komplett ausverkaufen Veranstaltungen außerhalb dieser Blöcke trotzdem noch gut 20 Prozent der Plätze frei bleiben ist nicht zu verstehen.

Ist es normal, dass 20 Prozent der Zuschauer kurzfristig ihr Visum nicht (verlängert) bekommen, krank werden oder ihr Ticket verlieren? Oder haben die leeren Plätze etwas damit zu tun, dass bereits in dem Zeitraum von Mitte März bis Mitte Mai 2008 laut chinesischen Pressemeldungen 316 Ticket-Schwarzmarkthändler verhaftet worden waren, wovon 205 zu Haftstrafen und zwei zur Umerziehung durch Arbeit verurteilt worden waren – und das, obwohl man seine Tickets aus den Bewerbungsphasen eins und zwei erst ab Mitte Juni abholen konnte?

So etwas steht natürlich nicht auf der offiziellen Olympia-Website. Dort findet sich nur die rührende Geschichte von einem Herrn Wang aus Ningbo in der Provinz Zhejiang, der zwei Stunden vor Ablauf der offiziellen Eröffnungsveranstaltungsticketübertragungsantragseinreichungsfrist Mitte Juli 2008 sein Ticket einer an Lungenkrebs sterbenden Schrottaufkäuferin namens Frau Dong schenkte, wodurch deren größter Wunsch, ihren Sohn Dingtian bei der Eröffnungsveranstaltung Kung-Fu machen sehen zu können, in Erfüllung ging.

Die Tageszeitung „China Youth Daily“ meldet unter Berufung auf einen Sicherheitsbeamten, dass jeder, der Tickets zu einem überhöhten Peis verkauft, mit einer 10- bis 15-tägigen Haftstrafe rechnen muss. Hier dürfte der Hauptgrund für die freien Plätze liegen. Was der Sicherheitsbeamte wohl sagen würde, wenn sie einmal auf ausländische Ebay-Seiten sehen würden?

Andererseits ist es moralisch viel weniger verwerflich, nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage zu handeln und sein Ticket an jemand abzugeben, der freiwillig dazu bereit ist, den verlangten Preis zu bezahlen, als jemanden zu denunzieren. Dieser Meinung schienen auch die Olympia-Sicherheits-Freiwilligen zu sein, vor deren Nase gestern vor dem Eingangstor des Chaoyang-Parks Beachvolleyballtickets den Besitzer wechselten. Vielleicht waren sie aber weniger Anhänger einer Marktlösung von Verteilungsproblemen, als dass Tickets schlicht nicht in ihren Zuständigkeitsbereich gehörten – das ist schwer abzuschätzen. Es gibt einfach zu viele verschiedene Freiwillige: Jede Verkäuferin der großen Pekinger Supermarktkette Jingkelong trägt inzwischen ein blaues Olympia-Freiwilligen T-Shirt. Dann gibt es die weißen Poloshirts mit der Yanjing-Bier-Werbung, die auch sehr weit verbreitet wurden und wahrscheinlich nur in Verbindung mit einer roten Armbinde gelten, oft zu sehen bei Parkplatzwächtern. Die meisten Freiwilligen schließlich tragen blaue T-Shirts mit einer China-Mobile-Werbung. Dies sind größtenteils junge Studenten, die zumindest eine erkennbare Funktion haben, wie zum Beispiel in nicht mehr als 200 Meter voneinander entfernten Informations- und Übersetzungshilfe-Ständen herumlungern, die Sicherheits- und Kartenkontrollen am Einlass der Sportstätten durchführen, sich um betrunkene Ausländer kümmern, die nicht mehr wissen, wie ihr Hotel heißt, und die zahlreichen Telefonhotlines bemannen. Bis zu acht solcher Freiwilligen stehen auch an den wichtigsten innerstädtischen Kreuzungen, zusätzlich zu den noch einmal acht Soldaten der Volksbefreiungsarmee und den drei bis vier Verkehrspolizisten. Irgendwo müssen die 100.000 Olympia-Sicherheits-Freiwilligen schließlich auch sein. Was aber nicht heißt, dass man nicht SMS-schreibend mit seinem Fahrrad bei Rot über die Kreuzung fahren könnte, denn ihr eigenes Leben aufs Spiel setzende Fahrradfahrer gehören nicht in den Zuständigkeitsbereich all dieser Uniformierten. Was aber im Umkehrschluss auch heißt, dass man selbst aufpassen muss, wenn ein von einem Freiwilligen gesteuerter gesponserter schwarzer Audi A 80 oder ein VW-Passat Polizeiauto aus einer Seitenstrasse kommt. Denn auch dann werden Fahrradfahrer von ihnen nicht gesehen.

Internet

Offizielle Olympia-Website



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