12. August 2008

ef-Olympiatagebuch 7 Zuviel des Lobs

Fehlende Begeisterung als Kollateralschaden der Politik

„wo cao ... tai chou le ...qi si wo le ... qu ni de“, wie gebannt starren fünf oder sechs junge Chinesen auf den Flachbildschirm neben einer der Türen der neuen U-Bahnlinie 10 und raunen halblaut vor sich hin. Es passiert in der Olympiastadt Peking sehr selten, dass kleine Grüppchen Sportbegeisterter vor einem der überall zahlreich angebrachten Fernsehbildschirme stehenbleiben – besonders hier, wo sie sich setzen könnten. Aber die beiden Sitzplätze unter dem Bildschirm bleiben frei.

Vielleicht liegt es daran, dass das Staatsfernsehen die Chinesen zu intensiv auf die Olympiade „vorbereitet“ hat: Seit über einem Jahr gab es im Fernsehen kaum etwas anderes als Olympia-Vorbereitungen. Dabei konnte es sich um Hintergrundbereichte handeln, beispielsweise woher der Sand für die Beachvolleyballplätze im Chaoyang-Park geholt wurde (von einem der Strände der chinesischen Tropeninsel Hainan, weil der dortige Sand die beste Wasserdurchlässigkeit hat), bis zu welchen Windgeschwindigkeiten (65 Kilometer pro Stunde) und Niederschlagsmengen (50 mm pro Stunde) die aus 388 verschiedenen Entwürfen nachher ausgewählte Olympia-Fackel noch weiterbrennen kann, aus welchen Materialverbindungen die Schuhe des 110-Meter-Hürden-Stars Liu Xiang hergestellt wurden (extrem verdichtete Nylonfasern, Mikro-Carbon-Sohlen usw.).

Dann gab es sehr lehrerhafte Sendungen, in denen technische Details (wie viele Millimeter ein Tischtennisnetz über den Tischrand steht, wie viel Gramm ein Feldhockeyschläger wiegt usw.) und Regeln heruntergerasselt wurden. Schließlich gab es nicht enden wollende Spekulationen (welcher ausländische Sänger eingeladen werden könnte, um welches Lied bei der Eröffnungsveranstaltung zu singen, wie groß die Chancen der chinesischen Langstreckenläufer auf eine Goldmedaille sind, usw.).

Ausländische Besucher reagierten in der Regel schon nach zwei Tagen genervt auf dieses Fernsehprogramm, wie könnte man es den Chinesen übel nehmen, wenn sie wirklich alles Interesse am Sport verloren hätten – und tatsächlich sitzen sie in den selbstverständlich auch mit einem Fernseher ausgestatteten Pekinger Restaurants oft mit dem Rücken zu diesem.

Aber heute war es anders. Es gab ein Spiel, das die Basketballverrückten jungen Chinesen außerordentlich interessierte: China gegen Spanien. Niemand hatte erwartet, dass China das erste Spiel gegen die USA gewinnen könnte, und die Niederlage war deutlich (70 zu 101). Trotzdem war die Berichterstattung nach dem Spiel sehr positiv. Amerikanische Zuschauern versicherten in Interviews, China hätte insbesondere im ersten Viertel einen hervorragenden Kampf geboten, chinesische Kommentatoren wiesen darauf hin, dass der Punkteabstand bei einem Spiel gegen die USA noch nie so klein gewesen sei, und die Spieler versicherten, von den Amerikanern viel gelernt zu haben, was sie nun im nächsten Spiel gegen Spanien anzuwenden gedächten.

Das haben sie dann wohl auch tatsächlich so gemacht: Nach Ablauf der regulären Spielzeit stand es heute 72 zu 72. Pech, dass die chinesischen Spieler den USA keine Strategie für die fünfminütige Verlängerung hatten abschauen können – China spielte besonders nach einer Foul-Auszeit des NBA-Stars Yao Ming katastrophal schlecht, so dass das Spiel mit 75 zu 85 endete. Aber trotzdem blieb die Berichterstattung positiv: China hätte noch nie so großartig und spannend gespielt, erklärten die Kommentatoren, und die Fernsehzuschauer schickten fleißig SMS, in denen es hieß, China hätte zwar „das Spiel verloren, aber sich selbst gefunden“. In den Abendnachrichten verkündete der Sprecher, dass China zum Sieg gegen den Weltmeister nun neun Minuten gefehlt hätten.

So kann man das natürlich auch sagen. Die fünf oder sechs jungen Chinesen aus der U-Bahnlinie 10 werden aber andere Worte als ihr Staatsfernsehen gefunden haben: Bereits im ersten Viertel beschimpften sie die Fehlpässe und verpatzten Korbwürfe ihrer eigenen Mannschaft mit so heftigen Flüchen, dass diese hier nicht auf Deutsch wiedergegeben werden.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Wolf Dieter Kantelhardt

Über Wolf Dieter Kantelhardt

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige