13. August 2008

ef-Olympiatagebuch 8 Peking entspannt sich

Über die hübsche Sicherheitshelferin mit engem schwarzen Oberteil

„Nein, Geld geben die mir nicht“, sagt die 42-jährige Zhao Juanli und schüttelt den Kopf. „Die haben mir gesagt, ich soll das jetzt machen“. Die, das sind die alten Frauen vom Straßenkomitee. Die wahrscheinlich herausgefunden haben, dass es der Ehre, eine Sicherheits-Freiwillige für die Olympiade zu sein, nun genug ist, beziehungsweise die bestimmt herausgefunden haben, dass es keinen Spaß macht, den ganzen Tag an einer eher unbelebten Straßenecke vor einem Wohngebiet innerhalb des Dritten Pekinger Stadtrings zu stehen. Was denn ihre Aufgabe wäre? Hier gerät Zhao Juanli etwas ins Schwimmen. „Ich soll keine hereinlassen“, erklärt sie schließlich, meint aber damit wohl „keine verdächtigen Fremden“. Ob sie denn von dem Straßenkomitee ein juristisches Training bekommen habe oder einen Freiwilligen-Workshop besuchen konnte? Wieder schüttelt Zhao Juanli den Kopf, diesmal schon mit dem „Was der Ausländer mal wieder für komische Fragen stellt“-Blick. Also haben die alten Frauen ihre ehrenvolle und verantwortungsreiche Aufgabe, während der Olympischen Spiele über die Sicherheit der Pekinger zu wachen, an die Obstverkäuferin aus Hebei abgetreten, die hier am Eingang des Wohnviertels zwischen ihren verschiedenen Sorten Melonen, Tomaten und Gurken sitzt. Wo die doch sowieso den ganzen Tag hier sitzt...

Dass Zhao Juanli jemanden daran hindern könnte, das Wohngebiet zu betreten, ist, auch wenn sie nun in dem roten Yanjing-Bier-T-Shirt steckt, eine völlig abstruse Idee. Dazu kommt noch, dass sie die meiste Zeit damit beschäftigt ist, Obst und Gemüse abzuwiegen und die Preise im Kopf zusammenzuaddieren. Das fällt ihr bei mehr als drei verschiedenen Sorten Einkäufen sichtlich schwer und beansprucht ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie bekommt gar nicht mit, wer hier alles aus- und eingeht. Den alten Frauen vom Straßenkomitee war das aber wohl egal.

Auch die Sicherheits-Freiwilligen lassen nach: Die an den Straßenkreuzungen sind mitsamt Volksbefreiungsarmee und Verkehrspolizei verschwunden. Die am Eingang der U-Bahn-Stationen Taschen durchleuchten, schauen nicht mehr richtig hin, der Reiz des Neuen ist weg, sie haben einfach schon in zu viele Taschen geschaut, als dass es sie noch interessieren würde, was völlig unverdächtige Fremde darin mit sich herumschleppen. Die, die am Eingang der Sportstadien kontrollieren, haben auch an Elan verloren. Andererseits waren ihre Arbeitsanweisungen auch nicht viel präziser als die für die Obstverkäuferin Zhao Juanli: Zumindest auf der Rückseite der Olympia-Eintrittskarten steht nur „Chinesische Gesetze und Vorschriften verbieten das Mitbringen bestimmter Gegenstände zu den Wettkampfstätten“. Gestern gehörten ein Wollknäuel mit langen Stricknadeln und ein 150-ml-Fläschchen Parfum bereits nicht mehr zu „bestimmten Gegenständen“.

Das vielleicht deutlichste Zeichen setzen die Pekinger Taxifahrer: Keiner von ihnen trägt noch die Krawatte zu dem gelben Hemd. Mit offenem Kragen lässt es sich bei der feuchten Hitze hier auch viel leichter aushalten.

Nur der Polizist, der in seinem Auto vor dem Eingang des „Beijing Science and Technology Gymnasium“ saß, hat sich noch nicht an die neue Stimmung angepasst. Wie der Blitz kam er aus seinem Auto heraus, wollte wissen, was es hier Interessantes zu sehen gäbe und erklärte dann, es wäre verboten, Polizeiautos zu fotografieren. Dann ging er zum Auto zurück, kam aber gleich noch einmal wieder zurück und verlangte, die bisher gemachten Bilder durchsehen zu dürfen. Als er das mit seinem Auto fand, verlangte er dessen unverzügliche Löschung. Auch mit der Ausrede, der Fotoapparat wäre neu und daher nicht bekannt, wie einzelne Bilder gelöscht werden könnten, gab er sich nicht zufrieden: Er verlange die Herausgabe der Speicherkarte und löschte das Bild dann in seinem eigenen Fotoapparat. Erst beim Weitergehen fiel auf, dass der Polizist gar nicht alleine in seinem Auto gesessen hatte – eine hübsche junge Chinesin in engem schwarzen (Zivil-) Oberteil war bei ihm gewesen. Wenn nun auch ihm das Beobachten völlig unverdächtiger Fremder, die er alle zu den Wettkämpfen hineinlassen musste, zu langweilig geworden war und er deswegen seine Freundin zur Arbeit mitgebracht hatte, dann ist seine unentspannte Reaktion auf das Fotografiert werden schon gleich viel besser zu verstehen. Wer weiß, wie entspannt seine Vorgesetzten reagiert hätten, wenn sie auf irgend eine Weise durch das Foto herausbekommen hätten, dass er während seiner Arbeitszeit seiner Freundin schöne Augen macht und seine Aufgabe nicht ernster nimmt als die alten Frauen vom Straßenkomitee?

Weil die mit der Sicherheit Beauftragen endlich gemerkt haben, dass ihre Arbeit nicht gebraucht wird, fühlt man sich in Peking schon gleich viel wohler. 


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