14. August 2008

ef-Olympiatagebuch 9 Ein verbesserter Medaillenspiegel

Wieviel Steuergelder pro Goldgewinn?

Patsch! „Wieder eine Goldmedallie!”. Die beiden Sportkommentatoren des CCTV-Nachrichtensenders haben miteinander verabredet, dass sie jedes Mal ihre Hände mit denen ihres Sportkommentatoren-Partners zusammenklatschen wollen, wenn China wieder eine Goldmedaille gewinnt. Für Silber- oder Bronze-Medaillen haben sie kein Zeichen verabredet, die zählen in China nicht mit. Wenn man deshalb bei www.yahoo.com das „www“ durch ein „2008cn“ ersetzt und sich also auf der entsprechenden chinesischen Yahoo-Website informiert, dann wechselt der erste Platz im Medaillenspiegel von den USA zu China. Das liegt daran, dass in den USA alle Medaillen zusammenaddiert werden (zur Zeit der Niederschrift 30, im einzelnen 10 / 8 / 12) und in China nur die Gold-Medaillen zählen (18 / 6 / 5, zusammen 29). Es ist gar nicht so unwahrscheinlich, dass sich am Ende der Olympiade zwei Nationen zu Gesamt-Siegern erklären werden.

In Peking gibt es jetzt in allen Hotels und Informationsständen sowie in vielen Geschäften und Supermärkten eine Tafel, auf der die aktuelle Zahl der Gold-Medaillen verzeichnet wird. Dabei ist gar nicht zu verstehen, was an dem Medaillenspiegel so interessant sein soll. Sind die Sportler der USA besser geworden, weil sich die UdSSR in mehrere unabhängige Staaten aufgeteilt hat? Würden die chinesischen Sportler dadurch schlechter, wenn es eines Tages eine vereinigte EU-Mannschaft geben würde? Wenigstens sollten die Medaillen mit der Gesamtbevölkerungszahl eines Landes gewichtet werden, oder noch besser mit der Anzahl der Menschen im olympiatauglichen Alter zwischen vielleicht 15 und 35 Jahren. Dann wäre zumindest erst einmal Schluss mit der Unklarheit, wer den Medaillenspiegel anführt.

Noch interessanter wäre aber ein Effizienzvergleich: „Es gibt eine alte Rechnung, sagt der 40-jährige Wang Xiaoshan, Redakteur bei dem Pekinger Sportmagazin „Tiyu Huaobao“, „aufgestellt für die Olympiade in Sydney. Damals kostete jede chinesische Goldmedallie die chinesischen Steuerzahler 700 Millionen RMB Yuan (umgerechnet 70 Millionen Euro). Zumindest, wenn man nur die Verwaltungskosten des staatlichen Sportamts berücksichtigt“. Leider hat Wang Xiaoshan keine entsprechenden Zahlen für Athen 2004. Dabei müsste es die Chinesen doch sehr interessieren, ob der Betrag geschrumpft oder gewachsen ist, und wo sich China im Vergleich zu anderen Nationen befinden.

Deutschland würde in einem solchen Medaillenspiegel wahrscheinlich einen der letzten Plätze belegen: Denn die deutschen Sportler sind vor allem in den Sportarten gut, in denen es auf technisches Know-How und Materialbeschaffenheit ankommt. Was wiederum daran liegt, dass die Bundesregierung das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) und das Institut Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) mit jährlich über 9 Millionen Euro Steuergeldern fördert. Die Mitarbeiter dieser Institute entwickeln und bauen auf Kohlenstoffbasis Fahrräder, Ruderboote, Kanus usw., die dann den entscheidenden Wettbewerbsvorteil bringen (sollen). Hinzu kommen Millionen für Fachverbände, Sportsoldaten der Bundeswehr (824 Planstellen), Stellen bei Polizei (180 Planstellen) und Zoll (40 Skiläufer), Anti-Doping-Kampf, Nachwuchsleistungssport (39 Elite-Sportschulen und Sporthilfe für 150 Elite-Sportler) usw.  

Wirklich schwer zu verstehen ist in diesem Zusammenhang, dass es unethisch wäre, Einkommen durch kommerzielle Werbung in den olympischen Wettkampfstädten zu erzielen. Und Peking hält sich streng an diese IOC-Vorschrift: In den Wettkampfstädten ist (mit Ausnahme der Omega-Schriftzüge auf den Anzeigetafeln) tatsächlich weder Logo noch Schriftzug eines Sponsors zu sehen. Wieso ist es dann  aber ethisch unbedenklich, die für das Erreichen von Medaillen offenbar notwendigen Millionen durch unter Androhung des zwangsweisen Entzugs von privatem Eigentum oder der persönlichen Freiheit erhobene Abgaben zu finanzieren? Und wäre es nicht ein viel größerer Schritt in Richtung Entkommerzialisierung des Sportes, wenn vielleicht ein afrikanisches Land an der Spitze des Medaillenspiegels auftauchen würde, dessen drei oder vier begabte Langstreckenläufer ihr Training allein mit den Sponsorengeldern privater Unternehmen finanzierten und die der Bevölkerung ihres Landes mit keinem Cent auf der Tasche lagen?

Macht man sich diese Sicht der Dinge zu eigen, kann man die Begeisterung der Chinesen über jede zusätzliche Goldmedallie gleich viel besser verstehen. Denn mit jedem Zusammenklatschen der Hände der CCTV Sportkommentatoren werden ihre Gold-Medaillen, zumindest im Durchschnitt für die Bevölkerung gleich ein paar Millionen RMB Yuan billiger.


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