16. August 2008

ef-Olympiatagebuch 10 15 Kilometer Autobahn

Bitburger Bier auf Steuerzahlerkosten

Es war ein wunderschöner Abend. Die Feinstaubbelastung war höchstens ein Fünftel so hoch wie üblich. Auf der Flughafenautobahn waren stadtauswärts in der Ferne zum ersten Mal Berge zu sehen – sonst sieht man in Peking bei guten Luft die Berge im Westen und bei sehr guter Luft die Berge im Norden, aber von denen im Osten werden die meisten Pekinger nicht gewusst haben, dass es sie überhaupt gibt.

An diesem Abend gab sich der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland die Ehre, „anlässlich der olympischen Spiele zu einem Empfang am Freitag, 15. August 2008 um 19:00 Uhr einzuladen.“. So stand auf der ausdrücklich nicht übertragbaren Einladungskarte. Nach der Kontrolle von Pass, Tasche und Achselhöhlen konnten die rund 300 Auserwählten gestern Abend vor der Botschaft die Lichtinstallation „In Form“ des Künstler Li Zhiwei (die den Kontrast zwischen Begrenztheit und Freiheit darstellt), in der Botschaft eine Kunstausstellung (wobei das finstere Gesicht der Kuratorin das Eindrucksvollste war, hatte doch ein Kunstbanause Titel und Beschreibung eines Fotos anstatt unter direkt auf das Foto geklebt und damit dieses 30.000-Euro-Kunstwerk beschädigt), in der Residenz des Botschafters ein klassisch chinesisches Orchester und Swiss-Hotel-Catering und hinter der Residenz des Botschafters, also im Garten, ein klassisch europäisches Orchester und gezapftes Bitburger Bier genießen. Natürlich waren alle im Garten.

Wegen der Reden, die dort gehalten wurden. Verteidigungsminister Jung sprach davon, dass sein Besuch „die Verbundenheit von Politik und Sport deutlich machen“ sollte, und die Sprecherin der deutschen Olympiamannschaft, die (in Peking gar nicht startende) Degenfechterin Bokel bestätigte ihm gleich darauf: „Die Mannschaft braucht die Bundesregierung und die Bundeswehr“. Es herrschte also große Einigkeit, Differenzen gab es nur in Bezug auf das Wetter, von dem der Botschafter erklärte, er habe es extra für den ministeriellen Besuch bestellt, und Minister Schäfer der Meinung war, er habe es aus Deutschland mitgebracht. Hier irrten allerdings beide, denn das gute Wetter kommt davon, dass die chinesischen Meteorologen Chemikalien in die Wolken gesprüht haben, damit sich beim morgigen Marathonlauf keiner beschweren kann.

Und wegen der interessanten Gespräche, die man dort belauschen konnte. 30 jugendliche „Fair-Play-Botschafter“ machten das, wofür sie die gut zwei Wochen nach China geschickt wurden: Menschen (außer den Sportlern, denn in das Olympische Dorf lässt man sie nicht herein) auf Fair Play anzusprechen. Sie fragten die Gäste, ob die ihnen einen Fair-Play-Sticker auf den Arm kleben dürften. Und was für sie Fair Play bedeutete. Ein hochrangiger Botschaftsangestellter schüchterte derweil eine Gruppe 16-jähriger Turnerinnen mit seinem Zahlenwissen ein. Er erklärte ihnen, eine der rund einhundert deutschen Auslandsvertretungen koste durchschnittlich pro Jahr nicht mehr als der Bau von 15 Kilometern Autobahn. Der leicht angetrunkene Mitarbeiter eines großen internationalen Buchprüfers widersprach, er fand überhaupt die ganze Veranstaltung völlig überdimensioniert und es sei unehrlich, sich für die Organisation all der Reisen von Ministern, Staatssekretären, Vorab- und Sportausschüsse des Deutschen Bundestages bei den Botschaftsangestellten zu bedanken und nicht bei denen, die dafür bezahlen müssten. Zwei (dem Sakko nach zu urteilen) Mitglieder der Deutschen Olympiamannschaft unterhielten sich über ein weiteres Mitglied. Während der erste sich über dieses beschwerte  („der quatscht viel lieber mit seinen russischen Freunden…“) sprach der andere zu seinen Gunsten: „Nein, seit der seit einem Jahr eingedeutscht worden ist hat er sich gut in die Mannschaft integriert.“

Komisch, dass sich im Westen so viele darüber aufgeregt haben, dass die chinesische Turnerin He Kexin jetzt laut ihrem vom IOC geprüften Original-Pass 16 Jahre als ist, obwohl sie noch vor neun Monaten ein viel versprechendes „13-jähriges“ Talent war. Sicherlich: Was Original-Dokumente betrifft hätten einige Mitarbeiter der Deutschen Botschaft sicher etwas zu sagen gehabt, wurde doch vor acht Jahren extra eine „akademische Prüfstelle“ in Leben gerufen, um die Glaubwürdigkeit von Original-Hochschulzeugnissen zu überprüfen – denn durch Nachfrage bei den die Dokumente verkaufenden und die Namen der sich auf einen deutschen Studienlatz bewerbenden Antragsteller sogar bis in die Vorlesungs-Teilnehmerlisten nachtragenden (staatlichen) Hochschulen kam man im Kulturreferat nie sehr weit.

Fair Play wäre nun, wenn eingestanden würde, dass alle Regierungen gleichermaßen tricksen, wenn es darum geht, sich mithilfe „ihrer“ Sportler in einem guten Licht zu präsentieren und ihnen daher zu verbieten, sich einzumischen. Noch fairer wäre es aber, auf die Chinareisen von Regierungsvertretern inklusive der für ihr Wichtig- und Wohlfühlen nötigen Veranstaltungen ganz zu verzichten. Denn durch die guten Wünsche des Verteidigungsministers, „dass wir möglichst den Rang im Medallienspiegel vielleicht halten“, dem man sich übrigens nur anschließen kann, denn, wie der DOSB-Generaldirektor Michael Vesper in seiner Rede anmerkte, „mit Niederlagen umzugehen ist manchmal schwieriger als mit Siegen“, haben die deutschen Sportler wirklich einen zu großen Wettbewerbsvorteil bekommen.

Abgesehen davon könnte man so die Kosten einer deutschen Auslandsvertretung bestimmt auf unter 10 Kilometer pro Jahr senken. Aus der Sicht des Mitarbeiters des großen internationalen Buchprüfers wäre das sicher ein so großer „Fairnesszugewinn“, dass er ihn sogar schriftlich attestieren würde.


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