17. August 2008

ef-Olympiatagebuch 11 Chinesisches Team, gib Gas!

Aber wer ist Zhou Chunxiu?

„Na-ta-li, Na-ta-li“, eine französische Judokämpferin tut sich gegen ihre koreanische Gegnerin schwer, und die französischen Fans in der Sporthalle der Science and Technology Universität feuern sie an, so gut sie können. Das ist meistens so: Während die Europäer ihre Sportler mit dem Namen rufen, rufen die Chinesen immer nur zhongguo jia you (dt. China gib Gas) oder zhongguodui jia you (dt. Chinesisches Team gibt Gas). An den chinesischen Namen liegt das nicht: Die sind immer zwei- oder dreisilbig und lassen sich viel besser rufen als Sandra Köppen-Zuckschwerdt, um einmal eine deutsche Judokämpferin als Beispiel zu nennen.

Haben die Chinesen durch die nun schon bald 60-jährige Herrschaft der Kommunistischen Partei Chinas eine kollektivere Weltsicht als die Europäer? Fast will es so scheinen. Die Taiwaner rufen auch eher die Namen ihrer Sportler als den offiziellen Namen ihres Teams, aber weniger, weil sie keine kommunistische Regierung haben oder weil sie „verwestlicht“ sind, sondern mehr, weil sie nicht unter dem offiziellen Namen ihrers Landes (zhonghua minguo (dt. Republik China) starten dürfen. Der Mannschaftsnamen zhonghua taibei, also zuerst die Bezeichnung einer Kultur, „chinesisch“ und dann der Name der Hauptstadt taibei zu rufen, dürfte den Taiwanern wirklich zu dumm sein. Haben also die Chinesen insgesamt eine kollektivere Weltsicht?

„Fußball“, antwortet der Alte Chen auf die Frage nach seinem Lieblingssport. Der Fahrradreparierer am Eingang eines Wohnviertels ist Alkoholiker und ab mittags immer betrunken, aber einen platten Reifen repariert er für umgerechnet 20 Cent schnell und vor allem: Er versucht nie, einem einen neuen Fahrradschlauch aufzuschwatzen, wenn es nicht nötig ist. Deswegen läuft sein kleines Geschäft gut – auch wenn er mit seinem tiefbraunen zerfurchten Gesicht und seinen ungekämmten Haaren etwas heruntergekommen aussieht und überhaupt kein Patriot ist. „Chinas Fußballmannschaft taugt nichts“, sagt er, ohne danach gefragt worden zu sein.

Über den sportlichen Hinweis, die chinesische Frauenfußballmannschaft sei doch sehr gut, verzieht er nur spöttisch den Mund. „Chinesen wollen immer gerne selbst der Chef sein“, meint er, und schüttelt traurig den Kopf. Über den sinologischen Hinweis, Chinesen könnten, wie in dem klassischen Roman „Die drei Reiche“ die drei Schwurbrüder Liu Bei, Guan Yu und Zhang Fei, sehr wohl gut zusammenarbeiten, nur nicht auf gleichberechtigter Ebene, freut er sich sehr – etwa so, wie sich die Chinesen gefreut haben, als IOC-Präsident Rogge bei der Eröffnungsveranstaltung sagte, die Chinesen hätten in Bezug auf das Erdbeben in der Provinz Sichuan ihre große Solidarität miteinander gezeigt.

Den Wunsch nach Solidarität, nach einer starken (Volks-) Gemeinschaft, den gibt es, und vielleicht spielt dieser Wunsch eine Rolle dabei, dass die Antwort des Alten Chen auf die Frage nach seinem Lieblingssport so typisch ist. Fast alle mögen nur die Mannschaftssportarten. Mehr als 90 Prozent der Pekinger interessieren sich vor allem für Fußball (vor allem die über 30-jährigen) oder Basketball (die Altersgruppe darunter). Dabei sind die Chinesen in diesen beiden und allen anderen Mannschaftssportarten, bei denen es nicht wie beim Turnen oder Fechten nur auf mehrere gute einzelne Sportler ankommt, im internationalen Vergleich schlecht. Den Wunsch nach Solidarität gibt es, weil es so wenig davon gibt – aber geschadet hat den Chinesen der Mangel daran viel weniger als der Versuch der staatlich verordneten Einführung. Es passt nicht zu ihrer Kultur. Und warum rufen die Chinesen dann immer zhongguo jia you?

Das dürfte bei dem Wettkämpfen vor allem daran liegen, dass die chinesischen Zuschauer ihre Sportler nicht kennen. Oft kennen sie noch nicht einmal die Sportart: Bei manchen Wettkämpfen werden deswegen am Eingang Kurzeinführungs-Faltblätter verteilt. Viele Chinesen werden sich beim Beantragen der Tickets verhalten haben, wie sie es bei der Hochschulzugangsprüfung gemacht haben: Alle Oberstufenabsolventen wollen am Liebsten auf eine von zwei Pekinger Elite-Universitäten. Das heißt aber nicht, dass sie diese als oberste Priorität auf ihren Wahlzettel schreiben können: Bekommen sie aufgrund einer zu geringen Punktzahl ihre erste Wahl nicht, werden erst einmal alle Universitäten mit Erstwahl-Studenten aufgefüllt und sie selbst müssen sehen, welche Studienplätze dann wo noch frei sind. Welche Universität ein Oberstufenabsolvent als oberste Priorität auf seinen Wahlzettel schreibt hängt davon ab, wie viele Punkte er wahrscheinlich erreichen wird, welche Universitäten welche Quoten für Studenten aus seiner Provinz haben und wie viele andere gute Studenten es in diesem Jahr in seiner Provinz gibt. Das System führt dazu, dass eine ganze Menge Studenten in einer Stadt, wo sie vorher noch nie waren, etwas studieren, was sie nie zu studieren vorhatten. Und so sitzen wohl auch beim Judo eine ganze Menge Zuschauer, die eigentlich lieber Basketball sehen wollten.

Als heute morgen die erste Marathonläuferin mit großem Vorsprung bei Kilometer 35 auftauchte, blieben die (nicht sehr zahlreichen) chinesischen Zuschauer völlig stumm, da niemand wusste, dass man für Marathonläufer klatscht und dass es sich bei Constantina Tomescu-Dita um eine Rumänin handelte. Ihr Name lässt sich, von diesen Problemen abgesehen, auch nicht sehr gut rufen. Erst als die chinesischen Läuferinnen auftauchten kam Leben in die Zuschauer und sie riefen wieder ihr zhongguo jia you. Der Name Zhou Chunxiu war dagegen überhaupt nicht zu hören, obwohl der sogar westlichen Marathon-Fans bekannt sein müsste (u. a. Sieg des London-Marathon 2007, Silber bei der Weltmeisterschaft in Osaka) und sie heute die Bronzemedaille gewann. Es ist schade, dass ein Land, das so hervorragende Individual-Sportler hervorbringt, diese so wenig schätzt. Und das mag wirklich eine Folge des Kommunismus sein: Im CCTV-Staatsfernsehen kam nach dem Lauf nur ein Bericht über die erfolgreiche polizeiliche Verkehrsregulierung während des Marathons, aber dafür lief eine Wiederholung des gestrigen Basketballspiels China gegen Deutschland gleich zwei Mal, obwohl beide Mannschaften so fürchterlich schlecht gespielt haben.


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