18. August 2008

ef-Olympiatagebuch 12 Schlechtes Essen und Leistungsabfall

Dirk Nowitzki aß bei McDonald’s

Michael Vesper, der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes, mag die original deutsche Küche in dem „Deutschen Haus” des Pekinger Kempinski-Hotels am Liebsten. „Deutsche Nahrungsmittelzusatzstoffe” nennt er das. Wie witzig! Die unter der zunehmend entwürdigenden Kontrollpraxis leidenden Athleten, die ihre Verbände lückenlos über ihren jeweiligen Aufenthaltsort zu informieren haben, sich bei der Abgabe von Proben von fremden Anti-Doping-Kontrolleuren auf die gut ausgeleuchteten Genitalien schauen lassen müssen und wegen der jahrelang eingefrorenen Doping-Proben ihre Medaillen und Prämien quasi nur noch „auf Widerruf” bekommen, haben über diesen Witz aber nicht gelacht. Zumindest nicht sehr laut.

360 Euro Eintritt pro Tag kostet der Besuch im Deutschen Haus. Etwas übertrieben, wenn man bedenkt, dass in dem Kempinski-Hotel das hervorragende Brunch-Buffet am Wochenende selbst mit Champagner nur 26 Euro kostet. Auch ist das Kempinski-Hotel vom Olympischen Dorf ziemlich weit entfernt – alles Vorkehrungen, die mithelfen (sollten?), dass hier Sportfunktionäre und Sponsoren weitgehend unter sich bleiben. So speiste zum Beispiel auch der deutsche NBA-Basketballstar Dirk Nowitzki gestern Abend woanders, obwohl er, wenn er dort nicht ohnehin freien Eintritt hätte, sich die 360 Euro sicher hätte leisten können. Er aß übrigens auch nicht im Olympischen Dorf – vielleicht aus Sorge, sich dort mit dem Virus zu infizieren, der einen deutschen Ruder-Trainer und sechs Ruderer mit hohem Fieber und Gliederschmerzen in die Quarantäne zwang. Der leichte Doppelvierer der Männer wurde deswegen ganz abgemeldet und der Vierer der Männer musste dreimal umbesetzt werden.

Dirk Nowitzki wurde statt dessen gestern Abend dabei beobachtet, dass er sich mit McDonald’s-Produkten vollstopfte. Eine etwas ungewöhnliche Ernährungsweise am Vorabend des sicher nicht ganz leichten Spiels gegen die Mannschaft der USA. Vielleicht denken die deutschen Basketballspieler, sie könnten so gut wie die aus den USA spielen, wenn sie so schlecht essen wie diese? Das wäre dann ein in etwa genauso schlauer Versuch wie der der enttäuschenden deutschen Ruderer, die sportliche Leistung (legal) zu steigern. Die Ruderer werden ihre Hoffnungen in Zukunft auf die Person eines neuen Chef-Bundestrainers setzen. Dessen Position soll jetzt im Anschluss an die Olympiade geschaffen und besetzt werden. Der Chef-Bundestrainer wird dann die Aufgabe haben, die Arbeit der bisher vier Bundestrainer zu vereinheitlichen. Irgendwo gab es mal eine Studie, die empirisch nachwies, dass die Anzahl der im Krieg getöteten Feinde umgekehrt proportional zu der Zahl der Generäle ist. Wahrscheinlich ist die Zahl der errungenen Medaillen auch umgekehrt proportional zu der der Bundestrainer. Diese Pläne lassen jedenfalls für London 2012 keine größeren Hoffnungen aufkommen als für das Basketballspiel Deutschland gegen USA heute Abend.

Der wahre Grund für das schlechte Abschneiden der Ruderer liegt weder an den strengen Doping-Tests noch am schlechten Essen, noch am fehlenden Chef-Bundestrainer. Es hat einen ganz anderen Grund. Auf diesen wies Michael Müller, Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes in einem Interview ganz offen hin: Die deutschen Ruderer haben nur 15 Stunden pro Woche trainiert, die Ruderer der anderen Nationen aber 30.


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