19. August 2008

ef-Olympiatagebuch 13 Das Ende einer Legende?

Chinesische Männerphantasien

„Bei uns hängt doch alles nur an den Frauen“, sagt Yan Qi mit einem Blick auf den Medaillenspiegel und macht ein missmutiges Gesicht. Mit seiner Aussage hat der junge Unternehmer, der derzeit gerade eine Investition in eine Goldmine in der Provinz Hebei erwägt, zwar nicht recht: Chinesische Athleten und Athletinnen bekamen bisher fast gleich viele Goldmedaillen. Die Athletinnen gewannen lediglich wesentlich mehr Silber- oder Bronzemedaillen. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung scheint es doch so zu sein, dass China vor allem aufgrund der starken Frauen seinen ersten Platz im Medaillenspiegel halten kann. Das wird daran liegen, dass die chinesischen Männer in den meistbeachteten Mannschaftssportarten im internationalen Vergleich schlechter sind als ihre weiblichen Mannschaftsmitglieder.

Vielleicht lag es daran, dass so viele chinesische Männer in Tränen ausbrachen, als der nach dem NBA-Basketballstar Yao Ming in China am meisten gefeierte chinesische Athlet, der 110-Meter-Hürden-Sieger aus Athen, Liu Xiang, gestern nach einem nicht von ihm verursachten Fehlstart aufgab und noch nicht einmal seinen Vorlauf beendete. Wie sein Trainer Sun Haiping, selbst mit einem völlig tränenüberströmten Gesicht, bei einer Pressekonferenz verkündete, war der Grund für die Aufgabe eine Achillessehen-Entzündung.

Auch andere Gründe kommen in Frage. So durfte Liu Xiang vor der Olympiade noch nicht einmal mehr selbst Auto fahren, aus Sorge, ihm und damit der größten Medaillenhoffnung im als „Vogelnest“ bezeichneten Olympiastadion könnte etwas zustoßen. So eine Behandlung kann einem schon auf das Gemüt schlagen. Im vergangenen Jahr hat Liu Xiang außerdem angeblich fünf Millionen Euro durch Werbung verdient. Und die ganzen Film- und Fototermine brauchen schließlich auch ihre Zeit. Aber fest steht, dass Liu Xiang die fünf Millionen Euro nicht hätte verdienen können und nicht gestern ein ganzes Land so hätte in Trauer stürzen können, wenn er nicht, zumindest für die chinesischen Männer, eine ganze besondere Bedeutung gehabt hätte.

Für sie war er der erste chinesische Leichtathletik-Goldmedaillengewinner. Der erste Asiate, der einen olympischen Sprint-Wettkampf gewann (auch hier stimmt die erste Aussage nicht ganz – in der Nacht seines großen Erfolgs in Athen gewann auch die chinesische 10.000-Meter-Läuferin Xing Huina eine Goldmedaille, aber das war eine Frau). Er war der Mann, der der ganzen Welt zeigte, dass die Chinesen nicht nur in künstlerischen, tänzerischen, feinmotorischen oder grazilen Sportarten gut sind. In dieser Hinsicht hatte er vielleicht für die Chinesen eine ähnliche Funktion wie Bruce Lee für die Hongkonger in den 70er Jahren. So meldete das Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas, die „Volkstageszeitung“, auf ihrer Website: „In der heutigen Welt gibt es wahrscheinlich nicht mehr viele Menschen, die immer noch annehmen, dass die Chinesen Zöpfe tragen und Frauen die Füße einbinden, wie das in den Hongkonger Kung-Fu-Filmen gezeigt wird. Aber Geschichten über unzivilisierte und chaotische Chinesen sind in der ganzen Welt weit verbreitet.“ Die Angst vor dem Vorurteil, die Chinesen wären „der kranke Mann Ostasiens“, ist immer noch da.

Das alles heißt aber nicht, dass sie Chinesen nun alle Hoffnung aufgegeben hätten oder sich für die restlichen Leichtathletikwettkämpfe nicht mehr interessierten. In der auf die Aufgabe Liu Xiangs folgenden Veranstaltung im Vogelnest starteten zwei chinesische Diskuswerferinnen und eine chinesische Stabhochspringerin in den Finalen ihrer jeweiligen Sportarten (keine Männer. Was die Goldmedaillengewinner angeht sind Männer und Frauen aber wirklich ausgeglichen!). Sie wurden von den chinesischen Zuschauern begeistert angefeuert, allerdings schlug das zhongguo jia you auch schnell in ein schadenfrohes Lachen um, wenn eine der Diskuswerferinnen nicht über die 60-Meter-Linie hinauskam oder die chinesische Stabhochspringerin die Stange nicht riss, weil sie darunter entlang sprang. Ohne diese drei Athletinnen wussten die chinesischen Zuschauer nicht mehr so recht, wen sie anfeuern sollten. Woher sollten sie auch so genau wissen, ob nun die Niederländischen Antillen oder Panama diplomatischen Beziehungen mit China oder mit Taiwan hat, für Chinesen der Hauptmaßstab der Unterstützungswürdigkeit kleiner Entwicklungsländer und möglicherweise auch deren Athleten. Der Stimmung tat das keinen großen Abbruch.

Den größten Applaus erhielt der 3.000-Meter-Hindernis-Läufer Abdelkader Hachlaf aus Marokko, der wohl aufgrund eines Sturzes 40 Sekunden hinter dem Feld herlief, aber nicht aufgab. Möglicherweise wäre das auch für Liu Xiang die bessere Alternative gewesen. Denn als „kranker Mann” einfach so davon zu humpeln, das wird ihm nur schwer verziehen werden.

Internet

http://liuxiang.sports.cn/english/


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