20. August 2008

ef-Olympiatagebuch 14 Das größte Problem des Landes

Gibt es wirklich zu viele Chinesen?

Das größte Problem unseres Landes ist immer noch, dass die Bevölkerung zu groß ist“, stand früher auf einem überdimensionierten Plakat im Ankunftsbereich des Terminals 2 des Pekinger Flughafens. Inzwischen hängt das Plakat dort schon seit vielleicht fünf Jahren nicht mehr. Das ist gut: Als Deutscher fühlte man sich bei der Lektüre des Plakates unwohl: Das ist aber wahrscheinlich noch nichts im Vergleich dazu, was die Chinesen fühlen. Wie es wohl ist, wenn die eigene Regierung über einen denkt: „Ach, ihr seid uns zu viele, mit ein paar Millionen weniger ließe sich viel besser regieren ...“. Als Deutscher ist man es von seiner Regierung immerhin gewöhnt, dass die jammern, man hätte zu wenige Kinder. Eine Rolle, die in China übrigens die Großeltern innehaben. Und nur die wenigsten Deutschen und Chinesen fragen sich überhaupt, was sich „die“ denn eigentlich da einmischen.

Durch jahrzehntelange Propaganda der Nationalen Bevölkerungs- und Familienplanungskommission hat sich aber das Gefühl, die Bevölkerung wäre zu groß, in den Köpfen der meisten Chinesen festgesetzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem man nicht den Seufzer zhonguoren tai duo le (dt. es gibt zu viele Chinesen) hört - sei es, weil irgend etwas ausverkauft ist oder einem das letzte Ticket für eine Leichtathletik-Veranstaltung vor der Nase weggeschnappt wurde, weil jemand seinen Bus verpasst, da das Gedränge in der Unterführung zu dicht war oder nicht mehr in einen überfüllten U-Bahn Wagen hineinkommt, weil jemand Probleme hat, eine gute Arbeit zu finden ...

Besonders oft ist dieser Seufzer derzeit in nördlichen Bereich des Olympic Green zu hören – dort, wo zuerst stundenlang angestanden werden muss, um den Coca-Cola oder Kodak-Pavillon zu besuchen. Danach quetscht man sich durch die Zelte der verschiedenen chinesischen Provinzen. Das Pekinger Zelt widmet sich „Immateriellen Kulturellen Erbe“, zeigt aber nur ein paar Vasen und einen Nachbau des Kaiserthrons in der Verbotenen Stadt. Das Shanghaier Zelt widmet sich klassischen Musikinstrumenten, Höhepunkt der Ausstellung sind eine mit den Motiven der verschiedenen olympischen Sportarten verzierte Schmuck-Zither und der Nachbau einer „Tiger-Ständer Vogel-Halterung Trommel aus der Zeit der Streitenden Reiche [vor 221 v. Chr.], aus dem Bezirk Jiangling, Provinz Hubei“. Nun ist Hubei über 500 Kilometer von Shanghai entfernt und es kommt die Frage auf, warum diese Trommel in diesem Zelt steht, aber zum Nachdenken kommt man nicht, denn alle 10 Sekunden ruft eine der Olympia-Freiwilligen „Bitte schneller machen, bitte schneller machen“ oder „draußen warten viele Menschen, bitte fotografieren und dann schnell den Platz frei machen“. Im Anschluss an diese strapaziösen Besichtigungen gehen die meisten chinesischen Besucher zu dem riesigen McDonalds unterhalb des Olympischen Wald-Parks und essen genau dasselbe wie tausende anderer Besucher auch. Hier kann man nicht mehr weitergehen und muss wieder zurück. Und überall ist alles voll von tausenden Menschen, die zhongguoren tai duo le seufzen: Wenn es eine Art Rosenmontag-Umzug der fünf Olympia-Maskottchen gibt, wenn irgendwo ein Springbrunnen angeschaltet wird...

Bei dem gestrigen Fußball-Halbfinalspiel Argentinien gegen Brasilien erschienen viele chinesische Zuschauer mit einer argentinischen Flagge auf der einen und der brasilianischen Flagge auf der anderen Wange gemalt und sie feuerten dann auch beide Mannschaften an.

Lediglich ein junger Mann, dem Aussehen nach ein Student, hielt „nur“ zu Argentinien und zog damit die Aufmerksamkeit mehrerer echter Brasilianer ein paar Reihen weiter hinten auf sich. Diese zogen Fratzen und alberten herum und wurden dabei von den begeisterten chinesischen Zuschauern sicher tausend Mal fotografiert. Als sie in der Halbzeit Bier kaufen gingen zerwuselten sie dem nur-Argentinien-Fan die Haare mit ihrer Flagge, wie ein Frisör jemandem die Haare nach dem Waschen abtrocknet. Als die Brasilianer zurück kamen streckte der nur-Argentinien-Fan ihnen die Hand entgegen, aber nicht anklagend. Er wollte auch das ihm angebotene Bier nicht annehmen – er wollte nur unbedingt ein Foto von sich zusammen mit einem echten brasilianischen Fan. Man sah ihm den Stolz an, ihre Aufmerksamkeit erregt zu haben und als einer der Brasilianer für das Foto sogar den Arm um ihn legte strahlte er mehr als beim 3 : 0.

Am Terminal 3 des Pekinger Flughafens sollte ein Plakat aufgehängt werden, auf dem „Das größte Problem unseres Landes ist immer noch, dass die Konformität zu groß ist“ steht.


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