21. August 2008

ef-Olympiatagebuch 15 Die Macht der Gewohnheit

Warum die Fouls nicht gezeigt werden

„Schon wieder!“ ruft ein chinesischer Fußballfan empört. Er wird nicht der einzige gewesen sein. Sieben Gelbe und zwei Rote Karten gab es beim Olympia-Halbfinalspiel zwischen Argentinien und Brasilien im Pekinger Arbeiterstadion. Das Stadion wird in dem „Offiziellen Olympia-Zuschauerführer“ zwar als eins der zehn berühmtesten großen Bauwerke Pekings beschrieben, man merkt ihm aber an, dass es bereits 1959 erbaut wurde. Weder die Sicht noch die Akustik ist besonders gut – immerhin gibt es zwei große Anzeigetafeln. Auf diesen zu sehen sind die Uhrzeit, der Spielstand, die fünf herumhampelnden Olympiamaskottchen sowie verschiedene Anweisungen wie „Cheer“ oder „Lets do the Mexican Wave“. Außerdem können dort Wiederholungen und Zeitlupen gezeigt werden.

Möglicherweise um Jacques Rogge, der nicht müde wurde davon zu reden, wie viel besser in China doch alles geworden wäre, das Gesicht zu wahren, verkündete die chinesische Regierung am 24. Juli, dass sie drei Zonen in Peking ausgewählt hätte, innerhalb welcher demonstriert werden dürfte. Dass es sich bei diesen drei Zonen um den Sonnentempel-Park, den Weltpark und den Purpurner-Bambus-Park handelte und dass die Demonstrationen im Vorfeld beantragt und genehmigt werden müssten, stand dann im Kleingedruckten, welches sich so liest: „Die Polizei wird das Recht auf Demonstrationen sicherstellen, wenn die Demonstranten die vorherige Genehmigung erlangt haben und sich im Einklang mit dem Gesetz befinden“. Das erklärte Liu Shaowu, Direktor für Sicherheit bei dem Organisationskomitee für die Spiele der XXIX. Olympiade in einem „New York Times“-Interview.

Im Detail heißt das, dass Anträge mit detaillierten Angaben fünf Tage im Voraus persönlich bei der Polizei eingereicht werden müssen. Als Gao Chuancai, ein Bauer aus einem Dorf in der Provinz Heilongjiang, letzte Woche nach Peking kam, um gegen Korruption in seinem Heimatdorf zu demonstrieren, stellte er vorschriftgemäß seinen Antrag, bekam dann eine Stunde lang Fragen gestellt und anschließend den Bescheid, sich im fünf Tagen wieder zu melden. So lange brauchte er dann aber doch nicht zu warten: Ein paar Stunden später bekam er Besuch von der Polizei, die ihn nach Heilongjiang zurückbrachte. Allerdings nicht in sein Dorf, sondern in ein Hotel in einer nahe gelegenen Kreisstadt, wo er sich bis jetzt unter der „Kontrolle“ der Polizei befindet.

Von den bislang eingereichten 77 Anträgen auf Demonstrationen ist noch keiner genehmigt worden. Nach Berichten der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua war das aber auch gar nicht mehr nötig: Alle bis auf drei Anträge wurden zurückgezogen, nachdem „sich die Behörden in zufrieden stellender Weise den Anliegen angenommen hatten“. Von den drei anderen Anträgen waren zwei unvollständig und einer verstieß gegen das Gesetz.

Damit wurde der nationalen Einheit und der sozialen Stabilität des Landes ein Dienst erwiesen, und da Jacques Rogge nun sein Gesicht und seine Glaubwürdigkeit bewahren konnte, werden sich viele seiner optimistischen Prognose anschließen, dass die vielen Verbesserungen China auch über das Ende der Olympiade hinaus erhalten bleiben werden.

Fouls, die zu Freistößen, zu Gelben Karten oder sogar zu Platzverweisen führten, wurden bei dem Halbfinalspiel Argentinien gegen Brasilien auf den Anzeigetafeln im Arbeiterstadion nicht wiederholt. Die Szenen begannen aus der nahen Perspektive, wurde dann aber abgebrochen, bevor es zu dem Foul kam. Stattdessen erschien eine Gesamtansicht des Stadions. Jedes Mal. Und so war der chinesische Fußballfan auch nicht darüber empört, wie die Mannschaften spielten oder wie parteiisch der Schiedsrichter war. Er ärgerte sich darüber, dass er nicht noch einmal zu sehen bekam, was denn genau passiert war. Wahrscheinlich dachten sich die Verantwortlichen, dass man so etwas dem Volk besser nicht zeigen sollte: unfaire Aktionen, Regelverstöße, Brutalität..., lieber nicht. Sonst kommt das Volk noch auf schlechte Gedanken, und dies sollen doch harmonische Spiele sein. Für schlechte Nachrichten ist in China bis heute und bis hin zum Foul beim Fußball kein Platz. Und die Macht dieser Gewohnheit ist weder den Fußballfans noch dem IOC-Präsidenten zuliebe so einfach zu ändern.


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