22. August 2008

ef-Olympiatagebuch 16 Tradition und Fortschritt

Kurzärmliger rosa Seidenanzug mit Glitzerfransen im Perlmutt-Schildkrötenpanzer-Stil

„Ach nein, das können wir doch nicht machen“, sagt Wu Bin, ein recht kleiner und stark kurzsichtiger Mitarbeiter des Pekinger Wushu-Instituts und blinzelt durch seine dicken Brillengläser. „Wissen Sie, die chinesischen Sportler sind doch alle Profis, und die ausländischen sind doch nur Freizeitsportler. Da können wir sie doch nicht gegeneinander antreten lassen. Wo die extra von so weit herkommen, wenn die dann ohne Medaillen nach Hause fahren müssen, dann sind die ärgerlich und kommen womöglich nächstes Jahr nicht mehr wieder“. Und das wollte Wu Bin um jeden Preis vermeiden – sollte chinesische Kampfkunst, im Westen als Kung-Fu und in China als Wushu bezeichnet, doch „internationalisiert“ werden, um irgendwann einmal auch als olympische Disziplin anerkannt zu werden. Deswegen veranstaltete das Pekinger Wushu-Institut seinen jährlichen Internationalen Wettkampf doch überhaupt erst. Aber ohne ausländische Teilnehmer lässt sich nun mal kein internationaler Wettkampf ausrichten. Deswegen ließ Wu Bin die chinesischen und ausländischen Sportler in getrennten Wettkämpfen starten. Das war vor fünf Jahren.

Wushu Wettkämpfe gibt es natürlich schon viel länger. Seit 1933 ist Wushu offizielle Disziplin bei den „China National Games“, seit 1990 auch bei den Asienspielen. Nur mit der Anerkennung als olympische Disziplin hat es noch nicht gekappt: Zwar stellt die „International Wushu Federation“ bereits fünf Monate nach der Vergabe der olympischen Sommerspiele 2008 an Peking den Antrag, Wushu auch hier als offizielle Sportart aufzunehmen. Aber trotz aller Anstrengungen und der ganzen Lobbyarbeit gelang es erst im Dezember 2006, vom IOC die Erlaubnis zu bekommen, während der Spiele der XXIX. Olympiade in Peking zusätzlich einen Wushu-Wettkampf stattfinden zu lassen. Wushu hat dabei aber laut offiziellen Dokumenten nur den Status eines „ad hoc sport“, was auch immer das heißen mag. Es ist keine Demonstrations- und erst recht keine offizielle Sportart.

Gibt man manchen Leuten den kleinen Finger, nehmen sie gleich die ganze Hand – das „Beijing 2008 International Wushu Tournament“ findet vom 21. bis zum 24. August im „National Olympic Sports Center Gymnasium“ direkt südlich vom „Vogelnest“ statt. Und da hier vorher die Handballspiele ausgetragen wurden hat der Veranstalter die ganze Olympia-Dekoration gleich stehen lassen. Nur die Olympia-Symbole wurden durch ein Logo mit dem chinesischen Schriftzeichen wu (dt. Kampf) ausgetauscht. Alle Sicherheitskräfte und die mitarbeitenden Freiwilligen tragen aber ihre Olympia-Polo-Shirts. Nimmt man von manchen Leuten die Hand, nehmen sie einen gleich in den Arm: Die Medaillen für Speer- und Schwertformen der Damen wurden heute Vormittag von Jacques Rogge und Liu Qi, Politbüromitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas, Generalssekretär des Pekinger Kommunistischen Pateikomitees und Präsident des Organisationskomitees für die Spiele der XXIX. Olympiade (BOCOG), gemeinsam verliehen.

In Kürze: der Wushu Wettkampf gliedert sich in taolu (Formen, Vorführungen) und sanshou (eine Art Kickboxen auf einem Podest ohne Ring-Seile). 128 Kampfkünstler aus 43 Ländern (und Regionen: Taiwan, Hongkong, Macao) kämpfen um 15 Goldmedaillen (Silber- und Bronzemedaillen zählen in China nichts): Getrennt nach Herren und Damen gibt es je fünf für taolu. Bei sanshou gibt es bei Herren drei und bei Damen zwei Gewichtsklassen.

Interessant ist, dass Wang Xiaolin, Generalsekretär der International Wushu Federation, Präsident der Chinese Wushu Association und Generaldirektor des Wushu-Verwaltungszentrums in der chinesischen Sportverwaltung, ganz ähnlich denkt wie Wu Bin vom Pekinger Wushu Institute. Zwar stammen die Aussagen „Also wenn Ausländer üben, dann wirken ihre Körper so steif, die sind einfach nicht so flexibel wie Chinesen“ und „Was ist denn das für ein Stil, hahaha, der ist ja viel zu langsam und so ungelenk“ nicht von ihm, sondern nur von chinesischen Zuschauern. Aber damit auch Kampfkünstler aus anderen Ländern eine Chance auf eine Medaille haben, hat Wang Xiaolin deren Zahl auf acht pro Land (und Region) beschränkt. Das heißt, dass China nur acht der 15 Goldmedaillen bekommen wird (drei haben sie schon). Die anderen gehen dann an die Kampfkünstler aus Hongkong, Macao, Singapur und chinesisch aussehende Kampfkünstler aus Malaysia und Vietnam. Die chinesisch aussehenden Kampfkünstler aus Taiwan, den USA und Australien belegten dagegen immer nur die letzten Ränge ihrer Gruppe.

Nicht nur wenn man sich die Haare (strubblig mit blondierten Strähnchen die Herren, unverantwortlich viel Haarspray die Damen) und die Kleidung (gestern trug ein Kubaner einen kurzärmligen rosa Seidenanzug, der mit glitzernden goldenen Plättchen bestickt war, heute hatte ein Russe einen schwarzen Seidenanzug mit Glitzerfransen im Perlmutt-Schildkrötenpanzer-Stil) der Kampfkünstler ansieht, beschleicht einen das Gefühl, dass für sie Weg in das olympische Dorf noch sehr weit ist.


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