24. August 2008

ef-Olympiatagebuch 17 Eine Milliarde Euro Verlust

Nicht wissen, woher der Wind weht

nicht wissen, woher der Wind weht” oder “kein Gespür für die neue Lage haben” ist laut Chinesisch-Deutschem Wörterbuch die Übersetzung der vier Silben bu shi shi wu. Welche dieser beiden Varianten Altbundeskanzler Schröder in seinem Interview am 11. August im Zusammenhang mit der Bundesregierung gesagt hat lässt sich nicht mehr feststellen – doch zumindest seine Kritik, dass es nicht angehen könnte, dass der höchstrangige Repräsentant der Bundesrepublik Deutschland bei der Eröffnungsveranstaltung der Sportminister von Mecklenburg-Vorpommern gewesen sei, hat er auch noch in anderen Interviews wiederholt. Deswegen kann zumindest davon ausgegangen werden, dass er wirklich etwas in dieser Art gesagt hat. Was den Chinesen ziemlich gut gefiel – im Internet finden sich tausende von Seiten, die die wichtigsten Inhalte des Interviews teilweise mit geringen Veränderungen wiederholen.

Einen Moment mal bitte“, sagt die Mitarbeiterin der Protokoll-Abteilung der deutschen Botschaft in Peking und sieht sich gehetzt um. „Ich muss mal eben sehen, ob die Wagen schon da sind.“ Und schon ist sie wieder verschwunden. Das ist sehr schade, denn die junge Beamtin des Auswärtigen Amts sieht sehr gut aus und man kann sich normalerweise auch sehr gut mit ihr unterhalten. Aber heute nicht. die Wagen gehen vor. Auch wenn sie es als Diplomatin so bestimmt nicht sagen würde, wäre es doch sehr verwunderlich, wenn sie die Auffassung des Altbundeskanzlers Schröders teilen würde. DOSB-Generaldirektor Michael Vesper, Verteidigungsminister Franz Josef Jung, Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, Innenminister Wolfgang Schäuble, Sprecher für Verkehr und Sportpolitik der Grünen Winfried Hermann, Sprecherin der Arbeitsgruppe Sportpolitik der SPD Dagmar Freitag ... die alle natürlich nicht alleine kamen.

Das ist wirklich sehr schwer zu organisieren: Da die Wagen der Botschaft für einen solchen Ansturm natürlich nicht ausreichen, angemietete Wagen aber wegen der in Peking derzeit geltenden Bestimmungen immer nur jeden zweiten Tag fahren dürfen, die Fahrer eine spezielle Akkreditierung brauchen, um auch nur in der Nähe eine Sportstätte einmal kurz aufs Klo gehen zu können, Pläne und Termine ständig umgeschmissen werden und ... driiing, driing. Das Handy der Diplomatin klingelt schon wieder, obwohl es schon nach zehn Uhr ist. Abends. Es ist ein Konsul vom Auswärtigen Amt in Berlin, der in das eine Hotel gefahren werden will, wenn er alleine ist, aber in ein anderes Hotel, wenn noch irgendwelche Kollegen mitkommen, aber nur, wenn die zusammen mit ihm einsteigen ... Das soll sie nun dem Fahrer erklären, der weder Deutsch noch Englisch spricht.

Manche der im Internet erschienenen Texte über das Interview mit dem „Grossen Freund Chinas“, wie Altbundeskanzler Schröder von dem chinesischen Premierminister Wen Jiabao genannt wurde, fügen am Schluss noch einen kleinen Abschnitt an. Hier wird ein namentlich nicht genannter „Mitglied der Leitungsebene eines DAX-Unternehmens“ mit den Worten zitiert „Dass die hochrangigen deutschen Politiker von der Pekinger Eröffnungsfeier der olympischen Spiele einen solchen Anstand bewahrt haben bedeutet für die deutsche Wirtschaft einen Verlust von einer Milliarde Euro.“ Nun, möglich ist alles. Auch wenn man sich wundern muss, welches Mitglied der Leitungsebene eines DAX-Unternehmens „Verluste“ mit „entgangenen Gewinnen“ verwechselt und sich evt. bei der Umrechnung von RMB Yuan in Euro und ein paar Nullen verrechnet. Aber wie gesagt, möglich ist alles: Vielleicht kommt das bu shi shi wu der Bundesregierung die deutsche Wirtschaft wirklich teuer zu stehen. Mit Sicherheit sollte sich aber das Mitlied der Leitungsebene des DAX-Unternehmen mehr Gedanken darüber machen, was die ganzen hochrangigen Regierungsmitglieder die letzten zwei Wochen außer dem Besuch von Wettkämpfen in Peking zu tun hatten. Denn vor den dadurch entstandenen Kosten steht kein „vielleicht“, und sich darum nicht zu kümmern, dass wäre wirklich bu shi shi wu.


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