25. August 2008

ef-Olympiatagebuch 18 Versöhnliche Worte

Hat die Olympiade die Öffnung Chinas vorangetrieben?

Doch, wenn die olympischen Spiele vorbei sind, dann sollten die doch Besichtigungen erlauben“ sagt eine junge Chinesin in einem der offiziellen public viewing Plätze Pekings, am Westtor des Chaoyang-Parks. Bisher konnte das gesamte „Olympic Green“ nur von den wenigen glücklichen betreten, die für den Tag gültige Eintrittskarte hatten. Anscheinend gehörte die junge Chinesin nicht dazu. Jetzt starrt sie gebannt auf die auf der großen Anzeigetafel übertragenen Bilder des chinesischen Staatssenders CCTV 1, obwohl der derzeit nur eine Wiederholung der Eröffnungsveranstaltung sendet. Dabei ist es schon 20 Minuten vor acht. Heute ist es hier recht voll – gut 3.000 Schaulustige sitzen in ordentlichen Reihen auf dem Boden. Im Vergleich zu dem Platz vor dem Arbeiterstadion bei der Eröffnungsveranstaltung wirkt es hier so, als hätten sich die Chinesen in den zwei Wochen an public viewing gewöhnt. Es sitzen nicht nur junge Menschen auf auf gefalteten Zeitungen auf dem Fußboden, sondern auch viele alte Menschen sind gekommen und haben sich kleine Klapphocker mitgebracht. Außerdem haben fast alle etwas zu Essen dabei – am Eingang gab es zwar Kontrollen, aber die waren lange nicht so streng wie die bei den Sportstätten, wo man noch sein Käsebrot bzw. im Fall chinesischer Besucher seine in rote Plastikfolie eingeschweißte Wurst wegschmeißen musste. Heute Abend war es noch nicht mal ein Problem, drei 500 ml Flaschen Eistee mitzubringen.

Auch die Stimmung ist viel besser als bei der Eröffnungsveranstaltung. Als endlich doch Übertragung der Abschlussveranstaltung mit dem Spielen der chinesischen Nationalhymne beginnt, wird kein “los los, aufstehen, aufstehen“ gezischt. Wenige singen mit, keiner besonders laut. Stattdessen bildet sich nach der Nationalhymne einen Sprechchor da sheng yi dian, und das heißt „ein bisschen lauter“. Drei Minuten später wird der Ton dann tatsächlich lauter gestellt. Allerdings auch die Ansage „Willommen im Chaoyang-Park, derzeit sind hier relativ viele Menschen, bitte achten Sie auf ihre Kinder und Gegenstände ...“, die immer häufiger erklingt, nachher sogar ohne Unterbrechung. Die chinesischen Zuschauer scheint das aber nicht zu stören – die sind von den chinesischen Internetseiten, wo immer Werbebotschaften blinkend über die Seite ziehen oder vom chinesischen Staatsfernsehen, das seit Tagen Olympia-Zusammenfassungen sendet, bei denen keine Einstellung länger als eine halbe Sekunde ist (Gewichtheberin holt tief Luft / Gewichtheberin reißt das Gewicht nach oben / ihr Trainer jubelt / sie beißt in die Goldmedaille, alles innerhalb zwei Sekunden), noch schlimmeres gewöhnt.

Hat die Olympiade also die Öffnung Chinas vorangetrieben? Deutsche Politiker sollte man da nicht fragen, die finden bei ihren Besuchen in China jedes Mal neu heraus, dass jetzt alles viel besser ist als vor 20 Jahren, obwohl sie das auf unterschiedliche Weise ausdrücken. Wolfgang Schäuble, der gerade hier in Peking ist, fand beispielsweise heraus, dass China nicht mit der DDR verglichen werden kann. Und Klaus Wowereit bemerkte, dass sich die Stadt „in kurzer Zeit [seit seinem ersten Besuch 1984] rasant verändert hat“. Auch IOC-Mitglieder wie den Deutschen Walther Tröger sollte man nicht fragen: „… hier hat eine Annäherung stattgefunden, wie ich sie vorher nicht zu erträumen gewagt habe. Und diese Annäherung wird auch ihre Wirkung zeigen.”, sagte er in einem Interview. Auf die Frage, ob die Chinesen denn überhaupt etwas von der Berichterstattung ausländischer Journalisten mitbekommen hätten, antwortet Tröger: “Aber ich glaube, dass die Chinesen zumal in Peking, die mit uns, mit den Gästen unterwegs waren, die mit uns in den Pressezentren waren, die mit uns vor den Fernsehapparaten im Deutschen Haus und woanders gesessen haben, die haben eine Menge davon mitbekommen.” Heißt das im Umkehrschluss, dass sich nur die Chinesen, die für einen Abend fernsehen 360 Euro hinblättern können oder jemanden vom IOC kennen, durch Olympiade offener geworden sind?

Wenigstens haben auch die Chinesen, die nur kostenlos im Chaoyang Park fernsehen, mitbekommen, dass sich etwas verändert: Hatte doch der Londoner Bürgermeister Boris Johnson sein Sakko nicht zugeknöpft und verließ das Stadion mit den Händen in den Taschen. Was die erwähnte Annäherung betraf ist aber mehr Vorsicht angebracht: Zwar durfte der Led Zeppelin"-Gitarrist Jimmy Page als erster ausländischer Rock-Star in China spielen – denn mit Ausnahme von Udo Lindenberg und seiner Band, die einmal auf einer VW-Betriebsfeier in Peking “Von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt”, “Imagine” und seinen “Sonderzug nach Pankow” sangen durften bisher noch keine ausländischen Rock-Gruppen auftreten. Bei dem Gesichtsausdruck der chinesischen Oma eine Sitzreihe weiter hinten während der Gitarrensolos ist aber zu befürchten, dass die “Annäherung”, wenn sie denn überhaupt stattfand, zumindest noch nicht sehr weit reicht. Dass das ganze andererseits mit einer politischen Öffnung rein gar nichts zu tun hat müssten Schäuble, Wowereit und Tröger eigentlich wissen.

Eine andere Art der Annäherung und Öffnung wird aber jetzt vielleicht durch das Ende der XXIX. Olympiade möglich: Dann darf sich die junge Chinesen aus dem Chaoyang Park sich das Olympiastadion wirklich einmal aus der Nähe ansehen.


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