26. August 2008

ef-Olympiatagebuch 19 Die besten Spiele aller Zeiten

Wer hat das gesagt?

„Obwohl IOC-Präsident Jacques Rogge sagte, er würde niemals den Ausdruck ‚beste Olympiade aller Zeiten’“ verwenden um eine Olympiade einzustufen, hat er [auf einer Pressekonferenz am Morgen des 24. August] trotzdem anerkannt, dass Peking tatsächlich das Niveau des Maßstabs erhöht hat“, schreibt das Parteiorgan der Kommunistischen Partei Chinas, die „Volkstageszeitung“. Die Veranstaltung sei „exceptional“ gewesen, sagte Jacques Rogge dann am Abend desselben Tages bei seiner Rede zum der Ende der Olympischen Spiele 2008. In der Übersetzung der Volkstageszeitung wird daraus ein wu yu lun bi (dt. unvergleichlich). Also hat er es implizit doch schon gesagt. Aber vor allem freut er sich, dass jetzt die Welt China besser versteht und China auch die Welt besser versteht.

Im Geiste dieses neuen Verständnisses schrieb ein Blogger heute Morgen auf der China Daily Website: „Die US-Medien stellen sich allein gegen den Rest der Welt und empfinden Bronzemedaillen als genau so wertvoll wie Goldmedaillen. Sie listen die teilnehmenden Länder nach der Gesamtanzahl der Gold-, Silber und Bronze-Medaillen. Die US-Medien sind dumm, denn der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass Goldmedaillen die begehrtesten sind und sich in keiner Weise mit einer Bronzemedaille messen können. Warum tun sie das? Dadurch, dass sie Gold- und Bronzemedaillen gleichsetzen, was nicht logisch ist, helfen sie dem amerikanischen Publikum, in Selbstzufriedenheit zu schwelgen.“ Was daran logisch ist, den US-Medien zuerst Dummheit und dann aber doch ein rationales Motiv zu unterstellen, und einer Goldmedaille den Wert 1, anderen Medaillen aber den Wert 0 zuzuschreiben, als wären sie überhaupt nicht begehrt, erklärte der Blogger nicht. Immerhin hat er schon einmal verstanden, dass die USA für sich selbst immer eine Ausnahme machen. Das ist immerhin ein Anfang.

Allerdings hat Jacques Rogge nicht ganz Recht. Mit einem anderen Großereignis der jüngeren chinesischen Geschichte lassen sich die Olympischen Spiele 2008 sehr wohl vergleichen: Genau wie bei der Rückgabe Hongkongs 1997 sollten die Chinesen zuerst stolz auf etwas sein und über etwas jubeln, wo sie gar nicht hin durften: Im Fall Hongkongs gelten für Chinesen viel strengere Visabestimmungen als für „echte“ Ausländer, im Falle der Olympiade war es ihnen schon verboten, auf der südlich davon gelegenen Vierter-Ring-Straße ein paar Schritte auf den Radweg zu machen, um sich besser mit dem Vogelnest im Hintergrund fotografieren zu können. Dafür durften sich die Chinesen dann im Nachhinein, wie auch jetzt wieder, auf eine nicht enden wollender Fülle von Wiederholungen und Zusammenfassungen im Fernsehen einstellen. Nach welchen Kriterien die einzelnen Szenen ausgewählt werden bleibt unklar. Natürlich, wenn ein Volleyball- oder Hockeyspiel wiederholt wird, dann ist es eins von denen, wo die chinesische Mannschaft gewinnt. Aber es gibt Szenen aus den vom Beijing Olympic Broadcasting (BOB) produzierten 5.000 Stunden Programm (294 Stunden Programm pro Olympia-Tag, das wird jetzt nach und nach alles gesendet werden), die noch viel häufiger wiederholt werden: Im Moment bekommt der verrissene letzte Schuss des bis zu diesem Zeitpunkt führenden US-Schützen Matthew Emmons im Dreistellungskampf sowie die rührende Szene, wie seine Frau ihn danach zu trösten versucht, die Bronzemedaille.

Silber geht an den Ippon-Wurf, mit dem die chinesische Judokämpferin Tong Wen die Japanerin Maki Tsukada besiegt.

Gold gibt es, wie könnte es anders sein, für eine aus der Froschperspektive gefilmte Einstellung von dem Staatspräsidenten Hu Jintao, wie er gerade mit gewaltiger Stimme die olympischen Spiele für eröffnet erklärt.

Diese drei Szenen liefen in den letzten Tagen mehrere tausende Mal, und sie werden wohl auch noch ein paar tausend Mal laufen. Kein Wunder, dass der beim IOC für Fernseh- and Marketing-Dienstleistungen zuständige Timo Lumme bereits am letzten Mittwoch verkündete, dass die Pekinger Olympiade die besten Übertragungszahlen in der gesamten olympischen Geschichte habe. Wenn das so weitergeht und Rogges IOC-Direktoren einer nach dem anderen für ihren Zuständigkeitsbereich erklären, dass dies die „beste Olympiade aller Zeiten“ war, dann wird auch Rogge nicht darumherumkommen, es doch auch noch einmal explizit zu sagen.


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