05. September 2008

Paralympics-Tagebuch 1 „Bitte haben Sie einen Moment Geduld!“

Vom Kauf zweier Rollstuhlfahrertickets

3.9.2008. Um zwei nach Peking kommenden Bekannten, die beide selbst im Rollstuhl sitzen, eine Freude zu machen, beschließe ich, ihnen ein paar Paralympics-Tickets zu kaufen. Auf der Website muss ein gewünschtes Datum, eine gewünschte Sportart oder eine gewünschte Wettkampfstätte eingeben werden, um auf die Suchmaske zu kommen. Diese ist zwar noch auf die Olympischen Sommerspiele eingestellt, lässt sich aber mit einem weiteren Click auf die Paralympics umschalten. Wer ein Konto eröffnet (Emailadresse, Adresse, Passnummer, Visa-Kartennummer) kann online Paralympics-Tickets kaufen. Nur keine für Rollstuhlfahrer. Für die gibt es eine spezielle Ticket-Hotline, deren Nummer allerdings sehr schwer zu finden ist: dazu muss man zunächst zurück auf die Startseite und dann den Artikel „Bank of China to sell Paralympic tickets starting August 15th“ lesen, in dessen Mitte auf die Nummer 84181461 verwiesen wird. Ruft man diese Nummer an, ertönt die „Kein Anschluss unter dieser Nummer“ Melodie. Vielleicht klappt es in einer der offiziellen Ticket-Verkaufsstellen?

4.9.2008 - 14:45 Uhr, Bank of China Filiale in der Sanlitun-Strasse, eine dieser offiziellen Ticket-Verkaufsstellen. Zum Glück ist die Schlange nicht lang. Drei reguläre Tickets für Rollstuhlbasketball kann ich direkt kaufen, für die beiden zusätzlich benötigten Rollstuhlfahrertickets soll ich mich an die Hotline wenden. Aber die funktioniert doch nicht! Nach längeren Herumtelefonieren schiebt die Bankangestellte ihr Handy durch das Schubfach: Es meldet sich eine englische Stimme. Wie sich herausstellt allerdings nur die von einer Informations- und nicht von der Rollstuhlfahrertickethotline. Ich gebe das Handy zurück. Die Bankangestellte probiert es weiter.

15:00 Uhr. Bis jetzt hat die Bankangestellte an ihrem Handy gelauscht, nun entschuldigt sie sich für die Verzögerung mit „bitte warten Sie noch ein bisschen“ und geht einen Schalter weiter, um das dortige Festnetztelefon zu benutzen. Nach fünf Minuten kommt sie zurück und probiert es weiter über ihr Handy. Eine Viertelstunde später hat die Bankangestellte wieder jemanden an der Leitung und schiebt ihr Handy ein zweites Mal durch das Schubfach. Es meldet sich eine zweite englische Stimme, die meine Pass- und Visakartennummer wissen will. Da die Stimme nach der Nennung meiner Passnummer gleich meinen dazugehörigen Namen weiß, ist es wahrscheinlich nicht schlimm, ihr auch die Visakartennummer zu verraten – wenn sie sowieso Zugriff auf den Regierungscomputer hat... Die Stimme erklärt, die Visakartennummer sei ungültig. Das kann nicht sein, da ich mit derselben Karte die regulären Tickets ohne Probleme bezahlen konnte. Die Stimme ändert die Strategie und erklärt, die gewünschte Veranstaltung sei ausverkauft. Das kann nicht sein, denn eben am Schalter war mir mitgeteilt worden, für Rollstuhlbasketball gäbe es noch Tickets. Die Stimme versucht eine letzte Ausrede („Pass- und Visakartennummer müssen von der selben Person sein ...“) bevor sie nach zehnminütigem „Gespräch“ um 15:30 zugibt, dass das System nicht funktioniert und ich in einer Stunde noch einmal anrufen soll.

Leider hat die Stimme aber die beiden Rollstuhlbasketballtickets in das (nicht funktionierende) System eingegeben, so dass sie im Computer der Bankangestellten auftauchen und diese nun nicht weiß, ob sie die mit abrechnen soll oder nicht. Sie telefoniert wieder. Als Entschuldigung für die lange Wartezeit schiebt sie was zum Lesen durch das Schubfach, einen „Beijing 2008 Olympics Banking Service Maps“ Stadtplan. Nach genau einer Stunde, also um 15:45 Uhr, bringt eine andere Bankangestellte drei reguläre Tickets und legt sie vor der ersten Bankangestellten hin. Ich bekomme sie aber noch nicht, weil die Bezahlung noch nicht geklärt werden konnte. Zehn Minuten später erklärt die Bankangestellte, sie könnten leider keine Rollstuhlfahrertickets ausstellen. Das dafür bezahlte Geld gibt sie mir wieder zurück. Nach der Leistung mehrer Unterschriften bekomme ich um 16:20 Uhr die drei regulären Tickets.

Um 16:25 Uhr, als ich gerade die Bank of China verlassen habe, meldet sich ein „Robert“ auf meinem Handy. Die englische Stimme der Rollstuhlfahrertickethotline. Das System funktioniere nun wieder. Noch einmal muss ich meine Visakartenummer nennen und dann bekomme ich von Robert eine Gratulation: „Sie haben soeben zwei Rollstuhlfahrertickets gekauft“. Auch er ist hocherfreut. Und wo kann ich die abholen? „In jeder der offiziellen Verkaufsstellen“, erklärt Robert. In der Bank of China ist, nachdem ich den Schalter eineinhalb Stunden blockiert hatte, jetzt die Schlange viel zu lang. Lieber Morgen noch einmal probieren.

5.9.2008. Heute bekam ich die beiden Rollstuhlfahrertickets innerhalb von 20 Minuten. Sie unterscheiden sich von den regulären Tickets durch nichts anderes als die beiden Buchstaben „WH“ hinter der Angabe „General Admission“, das heißt der ganze Aufwand war vollkommen unnötig, da es sowieso freie Sitzplatzwahl gibt. Als ich meinen beiden Bekannten stolz Bescheid sage, dass ich doch noch für sie Extra-Rollstuhlfahrer-Tickets bekommen habe, reagieren sie nicht gerade begeistert. Und als sie dann noch hören, dass die „Rollstuhlbasketball – Damen – Vorrundenspiele 5 bis 7“ für Montag 9:00 bis 15:15 Uhr angesetzt sind, wird aus der mangelnden Begeisterung Entsetzen. „Was! Muss ich sooo lange Rollstuhlbasketball gucken?“, seufzt eine der beiden, eine erfolgreiche e-commerce Unternehmerin, ganz verzweifelt. Es ist also festzustellen, dass der Satz „Menschen mit Behinderung sind nicht, sondern werden behindert.“ tatsächlich der Wahrheit entspricht und sich leider nicht nur auf unsinnige staatliche Sonderregelungen, sondern auch auf nett gemeinte spontane Aktionen privater Bekannter bezieht.


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