09. September 2008

Paralympics-Tagebuch 2 Menschen zweiter Klasse

Die Zuschauer als Spiel

Die derzeit in Peking stattfindenden 13. Paralympics sind sehr gut besucht – zum Beispiel waren schon vor der Eröffnung am 6. September alle Schwimmwettbewerbe vollständig ausverkauft.

Entsprechend schieben sich derzeit dieselben Menschenmassen wie vor einem Monat während der Olympiade durch die U-Bahnhöfe der Linien 8 und 10. Aber sind es wirklich dieselben Menschenmassen? Quantitativ ja. Es kommt einem sogar so vor, als wären es noch mehr als bei der Olympiade, denn überall bilden sich lange Schlangen. Die längsten sind vor der Sicherheitskontrolle am Eingang der U-Bahn-Linie 8, die in das Olympic Green hineinfährt. Aber es gibt auch welche in den U-Bahnhöfen, weil sich viele der Zuschauer hier verlaufen haben und durch die langen Gänge irren – und sogar welche vor den Rolltreppen, weil die meisten Zuschauer erst einmal drei, vier Sekunden innehalten, bevor sie sich entschließen können und einen großen Schritt auf die Rolltreppe machen.

Womit wir bei der Frage nach der „Qualität“ wären. Während ich vor einem Fußballspiel der Olympiade noch mein Käsebrot wegschmeißen und der Kontrolleur erst bei seinem Vorgesetzen um Rat fragen musste, ob ich die nun leere (durchsichtige) Plastikschachtel mitnehmen dürfte, wurde jetzt bei der Sicherheitskontrolle die Flasche Eistee in meiner Tasche nicht bemerkt. Obwohl Flüssigkeiten genau das sind, wonach die Kontrolleure eigentlich suchen. Während die meisten Zuschauer bei der Olympiade selbstbewusste und modisch gekleidete Hauptstädter waren, trifft man nun hauptsächlich auf Chinesen mit viel dunklerer Gesichtsfarbe, die verunsichert und in schlecht sitzenden Anzügen oder dunkel geblümten Blusen auf ihren dünnsohligen Stoffschuhen durch die Gänge irren und U-Bahn oder Rolltreppe fahren nicht gewöhnt sind.

Und auch wenn diese Sorte Zuschauer mehr daran interessiert ist, sich vor oder in den Sportstätten zu fotografieren, als bei den Wettkämpfen hinzuschauen, sind sie nicht die Schlimmsten. Es gibt eine Gruppe Zuschauer, deren Anwesenheit sich die Sportler verbitten sollten – die Delegationen „Pekinger Arbeiter“, zu 90 Prozent bestehend aus den Frauen um die 50, die immer vormittags (wenn sie doch eigentlich auf der Arbeit sein sollten?) in den Pekinger Parks die komischsten Tänze üben – mit Fächern, mit Schellen, mit mit Körnern gefüllten Getränkedosen, mit an Gummibändern befestigten Bällen ... Jetzt tragen sie die sie als „Pekinger Arbeiter“ ausweisenden gelben T-Shirts und tanzen in den Pausen zwischen zwei Wettkämpfen, wenn Musik gespielt wird, mit blau-weißen Taschentüchern, von denen bunte Fransen herunterhängen. Das heißt, eigentlich schwenken sie, sich auf ihrem Platz hin und her wiegend, die Taschentücher nur im Gleichtakt von der einen Seite zu anderen. Während die Wettkämpfe laufen hört man aber nichts von ihnen. Wahrscheinlich tauschen sie Kochrezepte aus – vielleicht aber auch nicht, denn chinesische Hausfrauen diskutieren weniger über Rezepte als viel mehr über die billigsten Einkaufsmöglichkeiten für Zutaten.

Zum Glück hat aber die Bundesrepublik Deutschland diesem Verfall der Zuschauerqualität widerstanden und den Besten aller nur möglichen Zuschauer geschickt: Bundespräsident Horst Köhler. Der zu dessen Ehren in der Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschlands stattfindende Empfang ähnelte dem zu Ehren des Verteidigungsministers Jung, ef-online berichtete.

Zumindest, wenn man die „Fair-Play-Botschafter“ gegen etwa ebenso viele Mitarbeiter der „Offenen Behindertenarbeit Schweinfurt“ austauscht, die in Peking sind, um jeden Tag einen Beitrag für die „Main Post“ aus Würzbug zu schreiben. Und wenn man davon absieht, dass bei einem Empfang zu Ehren des Bundespräsidenten die Botschaft etwas Besonderes bieten musste. Deswegen spielte am Abend des 7. September nicht nur das „Beijing International Orchestra“, sondern es traten auch zwei Kellner auf, die wie Gießkannen mit gut einem Meter langen und sehr dünnen Hälsen aussehende Teekannen virtuos durch die Luft wirbelten, bevor sie den Inhalt gekonnt in zwei bereitstehende Teetassen zischen ließen. Danach gab es eine Vorführung von zwei chinesischen Akrobatik-Mädchen, von der Sorte, die sich beim Jonglieren immer so fürchterlich den Rücken verbiegen, dass man sie vor seinem geistigen Auge schon im Rollstuhl sitzen sieht, und eine kämpferische Vorführung von sechs als Shaolin-Kung-Fu Mönchen verkleideten Sportlern.

Nun leider war Bundespräsident Horst Köhler die ganze Zeit über so von Gästen umlagert, dass er von all diesen Vorführungen überhaupt nichts angesehen hat. Weshalb er sich von den derzeit die Paralympics besuchenden Zuschauern gar nicht so sehr unterscheidet.


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