15. September 2008

Faschismusvorwurf Simulierte Aufregung

Warum einige wegen Nazismus kritisiert werden und andere nicht

Gianni Alemanno, der Bürgermeister Roms, hat sich mal wieder Ärger eingehandelt, weil er Bemerkungen gemacht hat, die als faschismusfreundlich interpretiert wurden. Kurz nach seiner Wahl im Mai ging Alemanno einem englischen Journalist in die Falle, der ihm die Aussage entlockte, dass nicht alles, was Mussolini getan hat, von übel war. Die Schlagzeilen über seinem Bericht schrieben ihm Äußerungen zu, die er nicht gemacht hatte. Das selbe ist nun bei einem Interview mit der liberalen Mailändischen Tageszeitung „Corriere della sera“ passiert. Alemanno sagte, dass einige Leute den Faschismus im guten Glauben unterstützt hatten und dass das Regime selbst nicht „gänzlich bösartig“ war. Was gänzlich bösartig war, sagte er, waren die Rassengesetze von 1938 und die dadurch dem Nazismus gegenüber gemachten Zugeständnisse.

Der Streit über die Äußerungen Alemannos hat an Schärfe zugenommen, weil der Verteidigungsminister, Ignazio La Russa, anlässlich einer Feier zum Gedenken an die Italiener, die nach 1943 im Kampf gegen die Nazis fielen, sagte, dass jene, die der Achse treu blieben, ebenfalls glaubten, dass sie für ihr Land kämpften. Die Äußerungen dieser beiden Politiker, die der „Allenza nazionale“ angehören, der Partei, die Gianfranco Fini aus der 1948 auf den Ruinen des Mussolini-Regimes gegründeten „Movimento Sociale Italiano“ heraus erschuf, haben den früheren Bürgermeister von Rom, Walter Veltroni, veranlasst, seinen Posten im Vorstand des Shoah-Museums in der italienischen Hauptstadt, dessen Vorsitzender Alemanno selbst ist, niederzulegen.

Solche Streitigkeiten zeigen natürlich, wie beherrschend linkes Gedankengut in Italien bleibt. Es ist völlig in Ordnung, ein Postkommunist zu sein – keiner stellt einem Fragen über Stalin – aber ein Postfaschist zu sein heißt, für das Leben verdorben zu sein. Zufällig habe ich Gianni Alemanno im Juli getroffen, als ich ihn für den „Spectator“ interviewte, und im Verlauf des Interviews wurde nicht nur sehr deutlich, dass er es leid war, sich ständig gegen diese Angriffe verteidigen zu müssen, sondern auch, dass er dem Neokonservatismus weit näher steht als dem Faschismus. Alemanno hat sogar eine „Kadima World Italia“ genannte Gruppe gegründet, der er vorsteht, deren Zweck es ist, wie der Name andeutet, die Politik der von Ariel Sharon gegründeten israelischen Partei zu unterstützen. Alemanno sagte mir während des Interviews, „Israel zu verteidigen heißt, den Westen zu verteidigen“. Es ist offensichtlich, dass er, wie viele andere der italienischen Rechten, vom Aufstieg des Islam tief beunruhigt ist und als solcher ein natürlicher Verbündeter Israels und all jener Juden ist, die spüren, dass ihre Hauptfeinde in der Welt die Muslime sind.

Es ist sehr gut möglich, dass Alemanno seine frühere Unterstützung für den Postfaschismus vollständig widerrufen hat. (Er war der Vorsitzende der Jugendorganisation der Partei, bevor Fini sie demokratisierte, und Fini war sogar sein Vorgänger als Vorsitzender dieser Jugendorganisation.) Seine Ehefrau, Isabella Rauti, die Tochter des Veteranen der Rechten, Pino Rauti, dessen Politik tatsächlich sehr weit rechts ist, hat sich ebenfalls Finis Nationaler Allianz angeschlossen und ihre vorherige Verbundenheit mit „Fiamma tricolore“, die aus der MSI hervorgegangenen Partei, aufgegeben. Aber das abstoßendste an dieser simulierten Aufregung über Alemannos angeblichen Verbindungen zum Faschismus ist, dass dieselben Leute, die sie äußern, dieses Argument nie gegen gewisse andere europäische Politiker vorbringen, selbst wenn es Gründe dafür gibt, die weit schwerer wiegen als in diesem Fall.

Ich meine den prominenten estnischen Politiker und früheren Premierminister Mart Laar. Laar ist ein Star in Washington, wo er ein häufiger Gast konservativer Think-Tanks wie der Heritage Foundation und dem American Enterprise Institute ist. Er ist bekannt als Mann hinter der wirtschaftlichen Transformation Estlands, da er sich als Friedmanist präsentiert – obwohl er, als er die „Schocktherapie“ Estlands begann, nur ein Ökonomiebuch gelesen hatte, nämlich Friedmans „Free to Choose“. Aber er ist gleichzeitig ein starker Unterstützer jener estnischen Partisanen, den Waldbrüdern, die gegen die Rote Armee kämpften, und der Waffen-SS, aus deren Reihen sie sich bildeten.

Wie Mark Almond in seinem „In the Shadow of the Bronze Soldier“ überschriebenen ausführlichen Papier dokumentiert hat (der Titel bezieht sich auf das sowjetische Kriegsdenkmal, das die estnischen Behörden vor kurzem aus dem Zentrum Tallins entfernten), ist Laar (der übrigens als Berater des Georgianischen Präsidenten Micheil Saakaschwili tätig ist) der Autor eines beachteten und gepriesenen Buches über die antisowjetische Widerstandsbewegung in Estland, die von der Waffen-SS errichtet wurde. Laar kritisierte auch die 2004 getroffene Entscheidung, aus einem Dorffriedhof ein Denkmal zu entfernen, das an die SS erinnerte, und auf dem ein Bild eines estnischen Soldaten in deutscher Uniform zu sehen war.

Auch hat es keine Proteste gegen die Tatsache gegeben, dass der Präsident Litauens, Valdas Adamkus – der wie seine lettischen und estnischen Amtskollegen als Bürger Nordamerikas aufwuchs – im Widerstand an der Seite der deutschen Armee gegen die Rote Armee kämpfte und über diese Tatsache auf seiner Webseite prahlt. Auch als die lettische Regierung im Dorf Lestene die Schaffung eines riesigen Friedhofs veranlasste, mit tausenden Gräbern im Gedenken an die SS-Legion Lettland, die gegen die Sowjetunion kämpfte, war Schweigen die Reaktion. Lettland und Estland haben sich sogar das geleistet, was in Westeuropa „Revisionismus“ genannt würde, indem sie in ihren Hauptstädten „Museen der Besatzung“ errichtet haben, die gleichzeitig zwei gravierende Unwahrheiten propagieren. Erstens verkünden sie allein durch ihren Namen, dass die baltischen Staaten von der Sowjetunion „besetzt“ wurden, während sie in Wirklichkeit von ihr annektiert und einverleibt wurden – ein äußerst wichtiger Unterschied – und zweitens, und als Folge daraus, unterstellen sie stillschweigend, dass ihre jeweiligen Nationen von der russischen Nation unterjocht wurden, während in Wirklichkeit viele ethnische Letten und Esten begeisterte Bolschewisten waren, da der Kommunismus offensichtlich ein politisches Glaubensbekenntnis war, das von Menschen aller Nationalitäten untersützt wurde und nicht nur von den Russen. Viele von ihnen stiegen im Sowjetsystem zu Positionen auf, in denen sie Macht ausüben konnten. Außerdem übergehen diese Museen schweigend das, was die meisten Menschen als auffälligste Tatsache des Nazismus ansehen, nämlich dass er eine rassistische, auf Völkermord erpichte politische Ideologie war.

Trotz dieser Provokationen hört man nie von Leuten, die über die Aufnahme dieser Länder in die Strukturen der Europäischen Union und der NATO Sorgen äußern. Könnte der Grund hierfür sein, dass die geographischen Notwendigkeiten für ihren Einschluss und die Ausnutzung jeder möglichen historischen antirussischen Erinnerung – der Zweck ist, sie als Vorposten in der Umzingelung Russlands durch die NATO zu verwenden – als weit wichtiger angesehen werden als das, was ansonsten Tabus der politischen Korrektheit wären?

Information

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 11.09.2008 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


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