16. September 2008

Paralympics-Tagebuch 3 Wirklich selbstbestimmt leben

Von der „Schulung“ nicht zurückgekehrt ...

„Und egal ob es richtig war oder nicht“, ruft Meng Weina, die Gründerin von Huiling, einer Organisation, die Menschen mit geistiger Behinderung betreut. „Ich finde es gut, dass er es gemacht hat. Und ich will, dass wir ihm dafür applaudieren!“ Der Applaus ist dann aber doch eher verhalten. Die gut dreißig Teilnehmer der Konferenz „Diskussionsplattform über Erfahrungen in Bezug auf die behindertengerechte Umgebung Pekings“ im Rahmen eines Kleinprojekts namens „Partizipation und Teilnahme von Behindertenselbsthilfeorganisationen an den Paralympics“ waren anscheinend noch nicht ganz überzeugt.

Es ging um den Fall des 19-jährigen Ma Fei. Ma Fei lebte in einer der betreuten Wohneinrichtungen von Huiling in der Stadt Tianjin unweit von Peking. Bis er kurz vor den Paralympics zusammen mit drei anderen geistig Behinderten von der Regierung zu einer „Schulung“ abgeholt wurde, von der er nicht mehr zurückkam. Besorgte nachfragen Huilings bei der Regierung ergaben, dass die vier Behinderten an einen „sicheren Ort“ gebracht worden seien. Telefonnummern des sicheren Orts waren nicht erhältlich und der „sichere Ort“ war auch keine der staatlichen Einrichtungen zur Betreuung von Menschen mit Behinderung der Stadt Tianjin.

Dabei hatte Huiling mit der Regierung Verträge über die Betreuung dieser Behinderten abgeschlossen – soweit wie möglich legal und rechtskräftig. Allerdings nicht ganz, denn manchen dieser von ihren Eltern nach der Geburt irgendwo hingelegten „Waisen“ hatte die Regierung keine offiziellen Dokumente ausgestellt, weshalb sie aus ihrer Sicht eigentlich gar nicht existierten. Aber nun wollte die Regierung die Behinderten, während im nahen Peking die Paralympics stattfanden, doch auf einmal unbedingt zurückhaben. Huling musste mit gerichtlichen Schritten drohen, bis die Regierung den Aufenthaltsort bekannt gab: Die vier Behinderten waren in eine auf dem Lande befindliche Einrichtung gebracht worden. Da hier aber keine der Betreuerinnen jünger als 70 Jahre alt war, fühlte sich der junge Ma Fei fehl am Platze: Er entwischte zunächst nach Tianjin, wo sich aber niemand traute, ihn zu behalten, weshalb er dann nach Peking zu Meng Weina geschickt wurde, die ihn mit auf die Konferenz brachte.

Laut der auf dieser Konferenz vertreten Definition bedeutet „behindertengerechte Umgebung“ keine staatliche Betreuungseinrichtung auf dem Land und auch keine betreute Wohneinrichtung von Huiling in der Stadt, sondern, dass Menschen mit Behinderung ohne fremde Hilfe teilhaben können. Die Teilnehmer der Konferenz veranstalteten deswegen am ersten Tag einen Versuch: Vom Konferenzhotel aus versuchten sie, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu den belebtesten Einkaufstraßen Pekings, der Wangfujing und der Dazhalan und zurück zu kommen. Die Erfahrungen waren weitgehend positiv – von den vier U-Bahn-Eingängen der Station Wangfujing ist der Eingang B behindertengerecht, was heißt, dass man jemand die Treppe herunterschicken kann, der unten Bescheid sagt, dass oben jemand mit Rollstuhl wartet. Der Angestellte sucht dann den, der den Schlüssel zu der Abstellkammer hat, wo ein Gerät steht, das Rollstühle Treppen hinunter- und hinauffahren kann, allerdings nur sehr langsam. Beeinträchtigt wurde die Geschwindigkeit zusätzlich dadurch, dass in der oberen Etage der U-Bahn-Station städtische, in der unteren Etage aber U-Bahn-Angestellten zuständig sind. Andererseits war der Betreuerwechsel nicht sooo schlimm, denn eine Schulung über die Handhabung des Geräts hatten alle Angestellten nicht bekommen. Die Regierung hatte im Vorfeld der Paralympics einfach ein bisschen „Hardware“ gekauft.

Da es am Eingang B zu Verzögerungen kam, sammelte sich eine große Menge Schaulustiger, etwa zwei- bis dreihundert Menschen, die auch ausgiebig mit ihrem Mobiltelefonen fotografierten. Wie das bei Menschenansammlungen in China nun einmal der Fall ist, kam nachher die Polizei und fotografierte auch noch mit. Insgesamt dauerte es vom „Bescheid sagen“ bis zum Einsteigen in die U-Bahn 65 Minuten. Das sollte sicherlich schneller gehen. Trotzdem ist es nicht richtig, dass die Teilnehmer, die doch gerade noch eine „Teilhabe ohne fremde Hilfe“, also ein Recht auf Selbstbestimmung, forderten, für Ma Fei nicht lauter applaudierten als für Forderungen nach weniger Drehtüren und mehr Rampen.

Weniger Drehtüren und mehr Rampen hätte Peking sicherlich auch aus Sicht von Eltern mit Kleinkind oder Senioren dringend nötig. Aber für die chinesischen Menschen mit Behinderung sollte es in erster Linie darum gehen, gegenüber der Regierung ein Recht auf Selbstbestimmung einzufordern – wenn sie bei Kaufentscheidungen von irgendwelcher „Hardware“ konsultiert werden, wäre das gut. Aber wenn sie von der Regierung in Ruhe gelassen würden, wäre es besser. Nicht nur im Fall Ma Feis: Meng Weina bekam während der Paralympics Besuch von mindestens zehn ausländischen Journalisten. Von den Chinesen kamen nur die Polizei und die Staatssicherheit.


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