31. Oktober 2008

Kosovo Für Serbien und den Westen verloren

Eindrücke aus Belgrad

Einige Tage Aufenthalt in Belgrad fühlen sich wie eine Ewigkeit an. Obwohl ich öfter hier war als ich mich erinnern kann (wenn auch nicht seit ungefähr fünf Jahren) bleibt das Land fast unüberwindlich fremd. Im Vergleich zu Europa ist irgendetwas auf dem Balkan radikal anders, und es gibt wenige Staaten, die vollkommener „balkanisch“ sind als Serbien.

Wo sonst, zum Beispiel, würde man einen Mann mit dem wundervollen Namen Slobodan Despot treffen, der einen anlächelt und einem ein Exemplar von „The Road to Revolution“ von Thomas Kaczynski, auch als der „Unabomber“ bekannt, überreicht? Herr Despot ist ein Verleger, der zuvor für ein konservatives proserbisches Verlagshaus in Paris arbeitete und die anderen Titel auf seiner Liste umfassen jetzt einen gestärkten Kalender mit orthodoxen und westlichen Heiligen und die Memoiren einer Frau, die in den frühen 70er Jahren in Paris einen Erotikladen eröffnete.

Und wo sonst würde man sich auf einem Sofa sitzend wiederfinden, wo man bei einem Glas Wein mit einem kultivierten jungen Professor der Medizin spricht, der im Juni 1999 selbst aus seiner Heimatstadt Urosevac im Kosovo ethnisch gesäubert wurde, während NATO-Truppen in ihren Geländewagen albanische Guerillas durch die Provinz kutschierten, die dort ihre barbarischen und systematischen Brandschatzungen, Morde und Vergewaltigungen begingen? Wo sonst – besonders in Europa – würde man auf einen Mönch treffen, dessen 25 Gemeindemitglieder (in einem der Zentren Kosovos) jeden Sonntag einen Spießrutenlauf erleiden müssen, um zu verhindern, dass sie auf dem Weg zur Messe umgebracht werden?

All diese Dinge – und vieles mehr – sind mir im Verlauf meines sehr kurzen Aufenthaltes letzte Woche begegnet. Seit dem die Vereinten Nationen das Kosovo im Jahr 1999 übernahmen, hat die endemische Korruption der Provinz sogar noch explosionsartig zugenommen, wie ich im Gespräch mit zwei amerikanischen Polizisten feststellen konnte, die für die dortige internationale Verwaltung arbeiten. „Jede Ebene der Gesellschaft ist korrupt“, sagte einer von ihnen. „Jeder einzelne Aspekt der Gesellschaft ist kriminell.“ Dies ist hauptsächlich deswegen der Fall, weil die Befreiungsarmee Kosovos, jene von den USA gestützen Contra-artigen Guerillakräfte, die in der Provinz die Macht besitzen und die Regierung, die Armee und die Polizei beherrschen, auch für die Rolle als mächtige Organisation im Drogen-, Waffen- und Sexsklavenhandel mit Westeuropa berüchtigt sind.

Wenn organisierte Kriminalität im Kosovo eine Lebensart ist, dann auch die systematische Zerstörung der Kirchen: Mehr als 150 Kirchen und Klöster sind unter den Augen der UN-Besatzung in den letzten neun Jahren gesprengt worden, während die Albaner danach streben, nicht nur alle Serben aus der Provinz zu vertreiben, sondern auch jeden materiellen Beweis auszuradieren, dass sie überhaupt jemals da waren. Kosovo, das sollte man nie vergessen, war das ursprüngliche Kerngebiet des mittelalterlichen Serbiens, von wo aus die Serben, als Folge der türkischen Invasionen, gen Norden nach Belgrad und darüber hinaus in die pannonische Tiefebene auswanderten. Bilder, wie die am 17. März 2004 gefilmten, eines zornigen Mobs, der Kreuze herunterreißt und auf ihnen herumstampft, sind seit den ersten Jahren der bolschewistischen Revolution Russlands nicht gesehen worden; knapp ein Jahrhundert später sind sie, wieder einmal, Teil der europäischen Gegenwart.

Trotz dieser Greueltaten, die ein Pogrom gegen die Serben im März 2004 umfassen – ein Blutrausch, über den die Medien im Westen weitgehend schwiegen und der nun gänzlich der Vergessenheit anheimgefallen ist – haben die Europäische Union und die Vereinigten Staaten den Kosovo dazu gedrängt, einseitig seine Unabhängigkeit zu erklären, obwohl das Völkerrecht einen solchen Schritt eindeutig untersagt. Im Jahr 1998 verwarf das oberste Gericht Kanadas das Recht Quebecs, einseitig von Kanada zu sezedieren, mit der Begründung, dass die Einwohner Quebecs innerhalb Kandas die vollständigen zivilen und politischen Rechte besitzen. Da das Kosovo seit 1999 von der UN verwaltet wird, kann seine Unabhängigkeitserklärung nur bedeuten, dass es unter dieser Verwaltung – genau die Körperschaft, die von der „internationalen Gemeinschaft“ im Namen der Menschenrechte und der Demokratie Serbien aufgedrängt wurde – nicht die vollständigen politischen und zivilen Rechte besaß.

In den verbleibenden Monaten dieses Jahres werden die westlichen Mächte (die EU und die USA) versuchen, einen listigen Weg zu finden, wie Macht von der UN auf eine von der EU geführten Verwaltung übertragen werden kann. Das Haupthindernis kommt aus Russland, das im UN-Sicherheitsrat, die einzige Körperschaft, die Macht über die Provinz abtreten kann, ein Vetorecht besitzt. Bis auf weiteres sagt Belgrad, dass es gegen EULEX ist, weil EULEX als Vehikel für die Unabhängigkeit des Kosovo erschaffen wurde, und Russland hat gesagt, dass es Serbien unterstützen wird. Privat jedoch haben serbische Minister zugegeben, dass sie alles tun werden, um in die EU zu gelangen, einschließlich einer Akzeptanz der Amputation von 15 Prozent ihres Territoriums.

Wie auch immer der Kreis quadriert wird, die Vermischung von Autorität zwischen der EU und der UN wird einen Zusammenbruch der geringfügigen Regierung im Kosovo verursachen, die überhaupt existiert. Wie einer der amerikanischen Polizisten zu mir sagte: „Wie kann man jemanden festnehmen, wenn die Befehlskette unklar ist?“ Diese Unklarheit wird natürlich für die Gangster, Zuhälter und Drogenhändler von Vorteil sein, die gegenwärtig die Regierung des Kosovo stellen, und die seit 1998 die Verbündeten des Westens gewesen sind.

Das Kosovo ist daher nun für die Serben, und damit für die christliche Zivilisation, eindeutig verloren. Ein im Namen der Menschenrechte geführter Krieg im Jahr 1999 hat zu nichts weniger als Völkermord geführt – die umfassende Ausmerzung sowohl der serbischen Bevölkerung des Kosovo seit damals (die wenigen übriggebliebenen Serben leben in Ghettos) und der historischen Erinnerung dieser Bevölkerung. Um den Angriff auf Jugoslawien zu rechtfertigen, veröffentlichte das US-Außenministerium im Jahr 1999 ein Dokument, genannt „Erasing History“ („Auslöschen der Geschichte“), das den angeblichen Völkermord gegen die Albaner dokumentierte. Wir wissen jetzt, dass der Großteil dieses Dokuments Kriegspropaganda war. Die dortigen Behauptungen sind, trotz jahrelanger Bemühungen um Beweise des Den Haager Internationalen Tribunals für Verbrechen in Jugoslawien, unbewiesen. „Auslöschen der Geschichte“ ist jedoch genau das, was die Albaner im Kosovo gemacht haben, seit die NATO die Provinz besetzt hat, und unter ihren Augen. Sie haben auch die Demokratie, die Menschenrechte und alle Grundsätze menschlichen Anstands ausgelöscht. Die Geschichte der letzten zehn Jahre im Kosovo ist nicht als vermengte Tragödie und Heuchelei – ein wahrer Tod des Westens und von allem, wofür er steht. 

Information:

Dieser Artikel erschien zuerst in englischer Sprache im „Brussels Journal“ am 27.10.2008 und wurde von Robert Grözinger exklusiv für ef-magazin.de ins Deutsche übersetzt. Wir danken Autor und Verlag und freuen uns auf bereits angekündigte weitere regelmäßige ef-Kolumnen von John Laughland.


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