14. November 2008

Libertäre Vertrauen ist besser

Warum man den Feind nicht immer in den eigenen Reihen suchen sollte

Zugegeben: Grabenkämpfe machen Spass. Zum Beispiel deswegen, weil es sich mit Menschen, deren Ansichten man im Großen und Ganzen teilt, deren Sprache (im politisch/philosophischen Sinn) man spricht, viel effizienter über Kleinigkeiten und Nebensächlichkeiten zanken lässt als mit denen, deren Weltbild einem völlig anderen Universum entstammt, bei denen schon die Verständigung über simple Sachverhalte größere intellektuelle Verrenkungen erfordert. Schließlich lässt sich auch kaum jemand im Urlaub auf Stammtischdiskussionen in einer fremden Sprache ein: Das wäre kein Vergnügen, sondern harte Arbeit. Da legt man sich lieber in die Sonne oder spart sich, je nach Temperament, die Diskussionsphase komplett und lässt gleich die Fäuste sprechen.

Grundsätzlich ist gegen das harmlose Vergnügen, die eigene Position anhand individueller Vorlieben und Präferenzen so lange sorgfältig abzugrenzen, bis wirklich niemand mehr ausser einem selbst auf der eigenen Seite steht, auch nichts einzuwenden. Nur weil sich wohl kaum ein katholischer Liebhaber dunkelhaariger Damen durch gute Argumente von den Vorzügen blonder Jünglinge (oder umgekehrt) überzeugen lässt, muss man ja noch lange nicht auf das Vergnügen verzichten, exakt das mit schlechten Begründungen trotzdem zu versuchen. Erst recht dann, wenn man den privaten Geschmack noch mit einer Prise weltanschaulicher Überhöhung würzt: Es ist eben nicht egal, was man zum Frühstück isst; vielmehr lässt die Tatsache, ob man die Nutella mit oder ohne Butterunterlage genießt, tiefgreifende Rückschlüsse auf die geistige Gesundheit des Gegenübers zu, ebenso wie die Wahl des Betriebssystems unzweifelhaft mit der sexuellen Orientierung zusammenhängt, zumindest wenn dieses von Cupertino aus vertrieben wird.

Einen Fehler sollte man allerdings nie machen, nämlich solche "Argumente" ernst zu nehmen. Das ist nicht nur genau so stillos, wie zu einem verabredeten Boxkampf vorsichtshalber noch eine Pistole einzustecken, sondern kann zu ernsthaftem Beleidigtsein und infolgedessen zu leichter oder gar schwerer Klimavergiftung führen - die wiederum nicht gut für das Arbeiten an gemeinsamen Zielen ist. Und dass da noch einiges zu tun wäre, wird wohl kaum ein kein rechts-, links- oder sonstwie-Libertärer bestreiten wollen.

Dabei könnte die Sache so einfach sein, wenn man sich klar macht, dass weder ein Roland Baader oder ein Robert Grözinger irgendjemanden zum Beten zwingen möchte, noch ein Christian Hoffmann mit Gewalt den Gebrauch des Wortes "Neger" (oder gar der fieseren Variante mit i und zweitem g) zu verhindern trachtet. Auch wenn sie das (wer würde das schon wollen?) nicht in jedem zweiten Satz erwähnen. Hier sollte im Zweifel einfach das gute alte Prinzip des in dubio pro reo Anwendung finden: Nur demjenigen, der ausdrücklich und nachweisbar die Initiierung von Zwang befürwortet, sollte Entsprechendes auch vorgeworfen werden, und man bricht sich keinen Zacken aus der Krone, wenn man zweideutige oder mißverständliche Formulierungen ausnahmsweise mal nicht dazu benutzt, um das Gegenüber als Unhold mit garstiger hidden agenda darzustellen. Können sich vernünftige Menschen auf einen solchen Minimalkonsens einigen? Es wäre zu hoffen.

Mit diesem kleinen Gedanken, man könnte es als "libertäre Unschuldsvermutung" bezeichnen, im Hinterkopf lässt es sich wunderbar über alles Mögliche streiten, ohne Verleumdungen und Verletzungen. Ist Religion, oder Monogamie, notwendige Voraussetzung für ein glückliches Leben in Freiheit? Ich glaube nicht, aber deswegen sind nicht diejenigen meine Feinde, die das anders sehen, sondern ausschließlich die, die mich dazu zwingen wollen - oder andere zum Gegenteil.


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