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WM 2010: Fußball ist Lebensfreudevon Chris Vigelius Mit der Vuvuzela zur dritten Halbzeit Ja, ich gebe es offen zu: Ich gucke gerne Fußball. Vor allem die Europa- und Weltmeisterschaften. Warum? Es ist spannend. Es ist interessant. Und man kann nach dem Spiel, vor allem nach einem, bei dem die Nationalmannschaft gewonnen hat, mal ein wenig die Sau rauslassen, ohne gleich mit dreihundert Strafzetteln überzogen zu werden. Ausgelassen zu feiern ist ja normalerweise in Deutschland verboten, da muss man die seltenen Gelegenheiten nutzen. Natürlich gibt es am Rande von einer Weltmeisterschaft immer ein paar Gesellen, die einem den Spaß am Sport vermiesen wollen. Zum Beispiel Politiker. Manche lassen sich ihre Logenplätze vom Steuerzahler finanzieren und tun anschließend so, als ob sie alle Tore persönlich geschossen hätten. Andere nutzen die Gelegenheit, um Steuererhöhungen und ähnliche Zumutungen durchzuziehen, wenn gerade keiner hinguckt. Und wieder andere instrumentalisieren den Sport: Die einen mit bescheuertem Multikulti-Geblubber, die anderen mit noch viel dämlicherem Monokulti-Gefasel. Natürlich ist so was nervig. Aber mal ehrlich: Wenn irgendwann, irgendwo eines Tages ein Politiker auf die Idee kommt, seine Partei als Urheber des schönen Wetter hinzustellen oder den Sonnenschein für seine Zwecke zu instrumentalisieren, geh ich doch deswegen nicht in den Keller. Und genausowenig lass ich mir von ein paar Polithanseln die Freude am Fußball nehmen. Bei denjenigen, die sich jetzt darüber echauffieren, dass der eine oder andere, der für die Nationalmannschaft spielt (und Tore schießt!), eventuell den großen Ariernachweis nicht vorlegen könnte, so es den denn noch gäbe, ist sowieso Hopfen und Malz verloren. Leute: Fußball ist keine Kaninchenzüchter-Leistungsschau. Da kommt es nämlich tatsächlich auf die Rasse an. Beim Fußball nur darauf, wer den Ball am besten ins gegnerische Tor bringt. Die Abstammung ist unerheblich. Genauso wie übrigens das Gesangstalent: Dass Mesut Özil angeblich nicht die Nationalhymne mitsingt, sondern stattdessen Koranverse betet, soll stören, wer unbedingt etwas braucht, an dem er sich stören kann. Mir dagegen ist das so egal wie irgendwas, denn es geht hier um eine Fußballmannschaft und nicht um einen Männergesangsverein. Ich würde selber übrigens auch nicht mitsingen. Weil ich erstens nicht singen kann und mir zweitens dabei irgendwie tuntig vorkäme. Vielleicht geht es Özil (wie übrigens auch Podolski, Boateng, Khedira und Trochowski) genauso? Das wäre dann allerdings längst nicht so eine schöne Schlagzeile wie die Theorie vom finsteren Islamverschwörer. Der übrigens ganz westlich mit einer geschiedenen Frau zusammenlebt, die auch noch einen achtjährigen Sohn von ihrem Exmann hat. Und die, so kann man es auf einschlägigen Klatschseiten lesen, erst kürzlich zum Islam konvertiert ist. Also doch ein Beweis für die unmittelbar bevorstehende Gründung des großdeutschen Kalifats? Oder eher jemand, der Religion für eine persönliche Angelegenheit hält, die außerhalb der Familie niemanden etwas angeht? Wie auch immer, solange ein Fußballer nicht gerade während des Elfmeterschießens gen Mekka niederkniet, sollte es doch seine Privatsache sein, ob und zu wem er betet. Anders als anderswo haben wir in Deutschland schon lange keine Staatsreligion mehr. Und das ist auch verdammt gut so. Neben den nationalistischen Piesepampeln gibt es übrigens auch noch die sozialistischen. Deren Argumente sich frappierend ähneln. So sieht zum Beispiel die "Grüne Jugend Berlin" eine direkte Verbindung zwischen den Ausschreitungen in Hoyerswerda und der WM-Begeisterung, die für die Junggrünen nichts anderes ist als "männlicher Fußball-Nationalismus", gegen den jetzt unbedingt prostituiert, Verzeihung, demonstriert werden muss. Freudenhäuser aller Art sind -wen wundert's- nämlich nun gerade nicht das Ding der "Grünen Jugend Berlin" - in deren Wiki sich noch ein Aufruf zu einer Demo gegen "Industrie-Prostitution" während der Fußballweltmeisterschaft findet. Der von 2006. Zu guter Letzt gibt es da noch diejenigen, denen der Fußball zwar weder viel zu deutsch noch viel zu wenig deutsch, dafür aber ganz genauso zuwider ist wie die Vorstellung, jemand anderes könnte dabei Freude empfinden. Deren Lieblings-Haßsymbol 2010 ist eindeutig die Vuvuzela. Für die einen, weil sie sie für afrikanische Kultur halten. Für die anderen, weil sie in Wirklichkeit (viel schlimmer!) von kapitalistischen Amerikanern importiert und von kapitalistischen Chinesen massenhaft produziert wird. Und weil man damit Geräusche machen kann, die fast so laut sind wie die Verbotsforderungen, die schon allein deswegen erhoben werden müssen, weil es so was früher schließlich auch nicht gab. Mittlerweile gibt es deswegen TÜV-geprüfte Vuvuzelas mit biologisch abbaubarer Lärmdämmung. Sollte es also am Sonntag gegen England nicht klappen, haben wir zum Trost immer noch unsere Bürokraten-Nationalmannschaft. Im Regulieren sind und bleiben wir nämlich unangefochtener Weltmeister. Tröööööööööööööööööööööt. Internet
24. Juni 2010 Unterstützen Sie ef-onlineHat Ihnen dieser Artikel gefallen? Dann unterstützen Sie uns durch eine Fördermitgliedschaft. Damit helfen Sie uns, unser Angebot stetig weiter auszubauen und genießen zusätzlich attraktive Privilegien. Testen Sie eigentümlich freiProminente Autoren und kantige Kolumnisten wie Bruno Bandulet, Theodore Dalrymple, Carlos A. Gebauer, Jörg Guido Hülsmann, Michael Klonovsky oder Frank Schäffler schreiben jeden Monat exklusiv in eigentümlich frei. Testen Sie ein Magazin, das über das Angebot auf ef-online hinausgeht. Diesen Artikel teilenAnzeigen |
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