20. November 2008

Bericht aus Peking In China wird alles immer nur besser (Teil 2)

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Wie es zur globalen Finanzkrise kam, erklären die Chinesen so: „Viele korrupte Beamte haben ihr Geld in die USA gebracht und dort Immobilien gekauft. Nachdem das Zentrale Rechnungsprüfungsamt wegen der neuen Anti-Korruptionskampagne seine Kontrollen verschärfte, trauten sie sich das nicht mehr. Dadurch sind die amerikanischen Immobilienmarktpreise eingebrochen. So hat alles angefangen.“ Nun leben laut Informationen der größten chinesischsprachigen Tageszeitung Nordamerikas, des „World Journal aus San Francisco“, wirklich über Tausend korrupte chinesische Beamte in den USA und bisher wurde erst zwei von ihnen der Prozess gemacht. Aber das ganze ist natürlich doch eher als Witz gemeint – obwohl den meisten Witzen ein Funken Wahrheit zugrunde liegt, und wenn dieser auch nichts über die wahren Gründe der globalen Finanzkrise aussagt, macht er doch zumindest deutlich, wie sehr sich China immer noch wünscht, wieder die Rolle des „Reichs der Mitte“ zu spielen.

Bisher klagten chinesische Sparer über niedrige Zinsen auf ihre Einlagen bei den staatlichen Banken. Tatsächlich waren es nicht niedrige, sondern hohe negative Realzinsen. Und auch die chinesischen Anleger klagten: Darüber, dass in der zu 80 Prozent staatlichen Börse in Shanghai (notierte Staatsunternehmen, staatliche Broker usw.) die Preisnotierungen in keinem für Außenstehende ersichtlichen Verhältnis zu den Unternehmensgewinnen stünden und ohnehin viel zu volatil wären. Was die Alternative zu negativen Realzinsen und undurchsichtigen Preisschwankungen im eigenen Land gewesen wäre, war sowohl für chinesische Sparer als auch für chinesische Anleger verboten. Nur erspart ihnen das derzeit vor allem weitere (wechselkursbedingte) Verluste.

Sollten die Chinesen ihrer Regierung für die Beschränkung des internationalen Kapitalverkehrs und die Begrenzung der Konvertibilität der chinesischen Währung dankbar sein? Leider nicht. Denn während es chinesischen Sparern und Anlegern verboten war, ihr Geld ins Ausland zu bringen, investierten staatliche Finanzfachmänner im Namen des Volkes natürlich schon im Ausland. Einige Beispiele:

Im Mai 2007 kaufte China Investment Corp., der so genannte chinesische „souvereign wealth fund“ Anteile der amerikanischen Blackstone Group Investmentbank für drei Milliarden US-Dollar. Der Kaufpreis lag bei 29,61 US-Dollar pro Aktie, der aktuelle Preis ist auf 7,22 US-Dollar gesunken.

Im Juli 2007 kaufte die staatliche China Development Bank für insgesamt 1,5 Milliarden Pfund 3,1 Prozent der Anteile der britischen Barclays Bank – für 720 p. pro Aktie, der aktuelle Preis liegt bei 157 p.

Im November 2007 kaufte die chinesische Pingan-Versicherungsgesellschaft für 19,5 Euro pro Aktie und insgesamt 1,8 Milliarden Euro einen 4,18 Prozentanteil an Fortis. Da der Preis bei aktuell 85 Cent pro Aktie liegt beläuft sich der Verlust aus diesem Geschäft auf über 1,7 Milliarden Euro.

Im Januar 2008 kaufte das staatliche chinesische Aluminiumunternehmen Chinalco zusammen mit dem amerikanischen Partner Alcoa 12 Prozent der multinationalen Bergbaugesellschaft Rio Tinto – für 60 Pfund pro Aktie. Der aktuelle Preis beträgt 2.570 p.

Die knapp zwei Billionen US-Dollar Devisenreserven haltende Staatsverwaltung für Devisenreserven verlor wechselkursbedingt 280 Milliarden RMB Yuan, umgerechnet über 40 Milliarden US-Dollar.

Sicher: Da über 60 Prozent der Devisenreserven amerikanische Staatsanleihen sind, hat die chinesische Regierung angesichts der derzeitigen amerikanischen Wirtschafts- und besonders Haushaltslage eine international größere Bedeutung erlangt. Es ist aber nicht anzunehmen, dass selbst den patriotischsten Chinesen dieser Schritt in Richtung „Reich der Mitte“ auch nur annährend so viel Geld wert war, wie er gekostet hat. Laut Berechnung von Lei Jiasu, eines Professor der Pekinger Tsinghua-Universität, entspricht der Verlust den akkumulierten Gewinnen aller chinesischer Unternehmen aus sämtlichen Außenhandelsgeschäften der letzten fünf Jahre.

Bewundernswert, dass den Chinesen angesichts dieser Zahlen der Sinn für Humor noch nicht vergangen ist. Als die Regierung nun verkünden ließ, die Krise sei auch in China angekommen, weil sich die Wachstumsrate der Anlageinvestitionen in den ersten zehn Monaten 2008 auf 27,2 Prozent vermindert habe, und ein 4-Billionen-RMB-Yuan- (586 Milliarden US-Dollar) Investitionsprogramm verkündete, war den Chinesen gleich klar: „Die Regierung macht immer gerne große Infrastruktur- und Bauprojekte. Da lassen sich am leichtesten Schmiergelder kassieren.“ Und vielleicht steckt ja auch in diesem Witz ein Fünkchen Wahrheit.


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