08. Januar 2009

George Walker Bushs Bilanz Es gibt keine Gerechtigkeit

„History repeats“

Die achtjährige Regierungszeit George Walker Bushs ist zu Ende. Da sie innerhalb der USA nicht viel veränderte soll hier auf eine innenpolitische Bewertung verzichtet werden. Es reicht, lediglich eine außenpolitische Bilanz zu ziehen. Und da es in diesem Bereich auch nicht viel Neues gab, genügt es wohl, die Kriege dieser Regierungszeit zusammenzufassen. Dies gelingt am besten durch einen historischen Vergleich. Die Wahl fällt dabei fast automatisch auf den Gallischen Krieg von Gaius Julius Caesar. Zum einen, weil der Trojanische Krieg wirklich schon zu lange her ist. Zum anderen, weil der Gallische Krieg, obwohl er auch schon vor über 2.000 Jahren geführt wurde, trotzdem mit den von Bush angezettelten Kriegen viele Parallelen aufweist. Und das, obwohl sich Caesar und Bush als Individuen keinesfalls ähnlich waren. So war Caesar nicht nur ein guter Rhetoriker. Er nahm auch, als es in der Schlacht gegen die Nervier schlecht für ihn aussah, einem Legionär aus der hintersten Reihe dessen Schild weg, um selbst mitzukämpfen – was schon anders wirkt als auf dem vor der kalifornischen Küste schwimmenden Flugzeugträger USS-Lincoln einen nicht errungenen Sieg zu verkünden.

Und auch das geschichtliche und gesellschaftliche Umfeld hat sich gewandelt: Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass es für Caesar viel schwieriger war, seinen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen Gallien zu finanzieren. Noch ohne PR-Agenturen konnte er die römische Öffentlichkeit nicht von einer Bedrohung durch die Gallier überzeugen. Um seine Legionen auszuheben musste er zunächst Beute machen oder Kriegsgefangene versklaven, wogegen sich die Gallier natürlich wehrten. Auch das Eintreiben von Steuern bei den unterworfenen Stämmen gestaltete sich alles andere als einfach.

Im Vergleich dazu war die Finanzierung von Bushs „Krieg gegen den Terror“ ein Kinderspiel: Dank des modernen Währungssystems besteht die Möglichkeit, einfach durch Ausweitung der Staatsverschuldung künftige Generationen, die sich überhaupt nicht wehren können, für das Rekrutieren der Marines zur Kasse zu bitten. Die besiegten Iraker werden auch nicht über Zwangsabgaben, sondern viel unauffälliger durch den Abschluss von Lieferverträgen mit der staatlich protegierten amerikanischen Ölindustrie ausgebeutet.

Zusätzlich hatte es Caesar nicht nur mit einer kritischen Öffentlichkeit, sondern auch mit einer starken politischen Opposition zu tun: Im Jahr 55 v. Chr. ließ er die germanischen Stämme der Usipetern und Tencterern in den Rhein treiben, wobei nach seinen eigenen Angaben 430.000 Menschen ums Leben kamen. Als die Nachricht über diesen Völkermord in Rom bekannt wurde, forderte Cato der Jüngere von der zu ihm in Opposition stehenden Partei der Optimaten, Caesar an die wenigen Überlebenden auszuliefern, um den Zorn der Götter abzuwenden.

Als Bush im Jahr 2003 seinen Krieg gegen die Iraker begann, in dessen Folge es etwa 650.000 zusätzliche Todesfälle („The Lancet“ / John-Hopkins-Universität, Mittelwert) gab, fand die Opposition keine vergleichbar deutlichen Worte. Die Demokraten forderten bloß einen ein kleines bisschen schnelleren Truppenabzug. Vermutlich, weil durch die Wirtschaftssanktionen des Öl-für-Lebensmittel-Programms während der Regierungszeit des Bush-Vorgängers und Demokraten Clinton schon 600.000 Kinder (Unicef-Angaben) gestorben waren und sie sich deshalb zu keiner grundsätzlichen Kritik berechtigt fühlten.

Aber trotz dieser und weiterer Unterschiede weist die Kriegsführung sechs große Gemeinsamkeiten auf:

Erstens: Caesar trat seine erste Amtszeit in Gallien nach einem äußerst ungewöhnlichen Volksbeschluss an. Bush erste Amtszeit begann mit einer Wahl, bei der der Kandidat mit den zweitmeisten Stimmen gewann. Beide waren sich bewusst, dass ihnen der Entzug ihrer gerade erst erlangten Macht drohte. Beide nutzen die erste sich bietende Gelegenheit zum Angriff. Auf diese Weise hielt sich Caesar zehn Jahre in Gallien und Bush acht Jahre im „Weißen Haus“.

Zweitens: Diese Angriffe wurden mit dem Argument der „vorbeugenden Selbstverteidigung“ gerechtfertigt: Caesar bemüht das Beispiel der längst besiegten Cimbern und Teutonen und Bush nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen. Ferner sehen beide in der Gebiets- bzw. Machterweiterung einen Zugewinn an „Sicherheit“.

Drittens: Mit Führern fremder Völker oder Staaten wurde nicht auf gleicher Augenhöhe verhandelt. Das Argument des Germanenkönigs Ariovist, dass er in dem von ihm besiegten Teil Galliens, wie die Römer schließlich auch in ihrem, tun und lassen könne was er wollte, ließ Caesar genausowenig gelten wie Bush die Forderung von Mullah Omar nach Beweisen für die Beteiligung Osama bin Ladens an den Anschlägen am 11. September. Die Befreiung eines Gebiets bedeutete sowohl für Rom als auch die USA die Anerkennung ihrer Schutzfunktion.

Viertens: Sowohl Caesar als auch Bush gelang es, ihren wichtigsten Gegner militärisch zu besiegen und hinrichten lassen (Vercingetorix beziehungsweise Saddam Hussein). Aber die, die ihnen ihre schwerste Niederlage zufügten (Ambiorix und sein Sieg über 15 Cohorten mit 7.500 Toten beziehungsweise Osama bin Laden und die Zerstörung des WTC mit 3.000 Opfern) konnten nicht gefangen werden. Aus Verbitterung darüber ließen beide deren jeweilige Stützpunktgebiete völlig verwüsten (Nordbelgien und Südafghanistan).

Fünftens: Beide gewährten gefangenen Gegnern nicht die ihnen zustehenden Rechte. Caesar ließ die Veneter in die Sklaverei verkaufen, obwohl diese kapituliert hatten und ihnen somit ein Recht auf Leben und ihre Wohnsitze zustand. Außerdem ließ er den Soldaten von Uxellodunum zur Abschreckung beide Hände abhacken. Bush hielt sich nicht an die Genfer Konventionen und ließ die von ihm als „illegale Kämpfer“ bezeichneten Gegner nach Guantanamo entführen und in geheimen CIA-Gefängnissen foltern (waterboarding).

Sechstens: Durch das Aufstacheln von Konflikten in dem angegriffenen Gebiet (Haeduer gegen die übrigen gallische Stämme sowie verschiedene Fürsten des Haeduerstammes untereinander, Schiiten gegen Sunniten, Kurden gegen Araber ...) sollte der römische beziehungsweise amerikanische Einfluss gefestigt werden. Die Besatzungsmacht versuchte, eine leichter manipulierbare Zentralregierung (Gallischer Landtag in Lutetia, Große Ratsversammlung in Kabul) zu etablieren. An deren Spitze wurde eine ihnen gewogene Person gesetzt (Haeduerfürsten Diviciacus und Litaviccus, Präsident Karzai).

Dass es nun trotz der unterschiedlichen Persönlichkeiten und Fähigkeiten Caesars und Bushs und trotz des unterschiedlichen geschichtlichen und gesellschaftlichen Umfelds zu so vielen Gemeinsamkeiten in der Kriegsführung kommt, erstaunt. Der Grund lautet wohl, dass die Kriegsführung vor allem mit dem seit 2.000 Jahren unveränderten Verhalten von Imperien im Zusammenhang steht.

Dass dann aber ausgerechnet Caesar, der durch seinen Krieg zumindest seine eigene Machtposition nachhaltig stärkte und dessen Eroberung eine noch über die römische Zeit hinausreichende Tragweite hatte, an den Iden des März den Senat nicht lebend verließ, während der mit wesentlich besseren Voraussetzungen beginnende Bush, der nur die schlechtesten Zustimmungszahlen seit Einführung der Befragungen, ein Haushaltsdefizit von bald über einer Billion Dollar pro Jahr und einen (hoffentlich) spätestens am 31. Dezember 2011 endenden amerikanischen Einfluss in der Golfregion zustande brachte, am 20. Januar den Congress friedlich verlassen und mit einem Hubschrauber zu seiner texanischen Farm gebracht wird, das lässt nur einen Schluss zu: Es gibt keine Gerechtigkeit.


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