16. Januar 2009

Politik hilf! Dringender Handlungsbedarf

Ein Rettungspaket für ein nationales Kulturerbe

Der Vorschlag der amerikanischen Filmproduzenten und Kulturschaffenden Larry Flynt und Joe Francis wurde hier ja schon an anderer Stelle kritisch gewürdigt. Darin unterschätzt der Autor jedoch die Brisanz der Lage, und vergibt zudem leichtfertig die Chancen, die eine auf die deutschen Bedürfnisse und Gegebenheiten angepaßte Version des vorgeschlagenen Rettungspakets bieten könnte.

Hierzulande existiert nämlich schon seit den 70er Jahren eine durchaus eigenständige Kulturszene innerhalb des besprochenen Genres, die nicht nur eine beträchtliche Zahl von international durchaus wettbewerbsfähigen Produktionen aufweisen kann, sondern zudem noch ein nationales Spezifikum aufweist, das mit Fug und Recht als deutsches Kulturerbe bezeichnet werden kann: Die Rede ist vom komödiantischen Erotikfilm, einer Gattung, die im deutschsprachigen Raum erfunden wurde und seitdem einen beispiellosen Siegeszug um die ganze Welt angetreten hat.

Während die Grundlagen für den Erfolg dieses urdeutschen Exportschlagers bereits im dritten Reich gelegt wurden ("Sachsenwald"-Reihe, produziert vom "Hygieneinstitut der SS"), läuft das Genre vor allem in den späten 60er bis frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts zur Hochform auf: Damals entstanden zeitlose Klassiker wie "Graf Porno bläst zum Zapfenstreich" (1970) des legendären Alois Brummer oder "Susanne – die Wirtin von der Lahn" (1969 mit der "Goldenen Leinwand" ausgezeichnet), die unvergeßlichen Werke von Franz Marischka ("Die Stoßburg - wenn nachts die Keuschheitsgürtel klappern" mit dem "Theaterstadl"-Star Peter Steiner und der CSU-Staatssekretärin Dagmar Wöhrl) sowie die wegen ihrer vordergründig bemühten Ernsthaftigkeit eher subtil humoristischen Aufklärungsfilme von Oswalt Kolle ("Deine Frau, das unbekannte Wesen", "Das Wunder der Liebe"). Einen weiteren Höhepunkt erlebte die Branche nach dem Mauerfall, dank junger, unverbrauchter Talente wie "Sachsen-Paule" Heiko Herlofson, Jasmine Rouge ("Ossi-Teens im Samenrausch") oder der drallen Ostberlinerin Chloe Vevrier, die allerdings erst in den USA den Durchbruch schaffte.

Mittlerweile jedoch ist die einstige Vorzeigebranche aufgrund fortwährend verschärfter Jugendschutzgesetze, technischer Neuerungen wie dem Internet und der übermächtigen Konkurrenz aus Übersee schwer gebeutelt, so dass insbesondere Nachwuchsregisseure und -schauspieler in vielen Fällen in anderen Ländern (Skandinavien, Spanien, USA) ihr Glück suchen müssen - es droht der totale Ausverkauf deutschen Kulturguts.

Um diesem gefährlichen Trend entgegenzuwirken, wäre eine gezielte Förderung nach dem Vorbild der Abwrackprämie für alte Autos die beste Wahl. Der Staat sollte Filmfreunden, die ihre alten VHS- und DVD-Filme entsorgen und sich dafür zeitgemäße Blu-Ray-Medien anschaffen, mit einer Modernisierungsprämie unter die Arme greifen. Dadurch würden gleich mehrere förderungswürdige Ziele verwirklicht: Neben der reinen Absatzförderung für heimische Produzenten würde der Umsatz entsprechender Abspiel- und Anzeigegeräte gesteigert, was Herstellern und Handel zugute käme. Gleichzeitig entstände zudem ein Anreiz, ältere Werke, die oft nur schwer oder gar nicht mehr zu erhalten sind, auf hochauflösenden Medien neu herauszubringen, womit diese vor dem Untergang aufgrund sich ändernder technischer Standards bewahrt werden könnten.

Da die Kosten für ein einzelnes Medium im Vergleich etwa zu Kraftfahrzeugen sehr niedrig liegen, könnte schon mit einer relativ kleinen Summe, etwa im geringen einstelligen Milliardenbereich, eine umfassende Förderung gewährleistet werden. Dies fördert zudem den sozialen Ausgleich, weil auch einkommensschwache Bevölkerungsschichten, die sich keinen Neuwagen leisten können und somit nicht in den Genuß der Abwrackprämie kommen, daran partizipieren könnten. Insgesamt also eine runde Sache, von der jedermann profitieren würde.

Internet


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Chris Vigelius

Über Chris Vigelius

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige